Videoanrufe gegen Einsamkeit und soziale Isolation

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Viele ältere Menschen haben die letzten Monate zum Schutz vor COVID-19 isoliert von ihren Liebsten zu Hause oder in Alters- und Pflegeheimen verbracht. Grosseltern durften plötzlich ihre Enkel nicht mehr sehen, Familien ihre Angehörigen nicht mehr in Altersheimen besuchen. Für die Betroffenen bedeutete diese erzwungene Isolation oft eine erhebliche psychische Belastung. Viele Heime und Angehörige wurden daraufhin kreativ und versuchten der Vereinsamung entgegenzuwirken, etwa durch den Einsatz digitaler Angebote. Ob Skype, Facetime, Zoom & Co älteren Menschen wirklich dabei helfen können, sich weniger einsam zu fühlen, und ob diese digitalen Kommunikationsmittel insgesamt die Lebensqualität verbessern, untersuchte ein neuer Cochrane Rapid Review.

Eigentlich wollte ich meine Eltern in Deutschland im März besuchen. Aber dann kam der Lockdown. Die Grenzen wurden geschlossen, der Besuch viel ins Wasser. Schnell merkte ich, wie sehr ich sie vermisse. Ich wollte meine Eltern nicht nur hören, sondern auch sehen – denn Blicke sagen ja bekanntlich mehr als 1000 Worte. Da wir bei Cochrane sowieso häufig Besprechungen online durchführen, lud ich meine Eltern auf eine Videokonferenz ein. Nach anfänglichen technischen Hürden, die wir schnell per Telefon lösten, konnten wir uns per Computer unterhalten und uns dabei auch sehen. Bald schon war das wöchentliche «Meeting» fest in unseren Terminkalendern vorgemerkt.

So wie uns erging es vielen Familien. Viele benutzten Videoanrufe, um Freunde und Familie zu sehen und wenigstens so die sozialen Kontakte ein wenig aufrecht zu erhalten. Und um nicht in den eigenen vier Wänden zu vereinsamen.

Videoanrufe als Maßnahmen gegen soziale Isolation

Videoanrufe stellen nur eine der vielen Möglichkeiten dar, um aus der Ferne mit älteren Menschen in Kontakt zu treten. Diese wurden auch in vielen Alters- und Pflegeheimen genutzt, indem man den Bewohnern bei der Anwendung der oft unvertrauten Technik half. So wurde in Einrichtungen, die aufgrund des Lockdowns für Besucher geschlossen wurden, Personal aus anderen Bereichen auf die Stationen zu den Bewohnern geschickt. Diese unterstützen die Heimbewohner* mit der Handhabung von elektronischen Geräten, um den Kontakt zu den Angehörigen zu ermöglichen. „Bei einigen hat das sehr gut geklappt. Bei anderen – vor allem bei denjenigen, die kognitiv eingeschränkt sind – überhaupt nicht. Sie verstanden nicht, wie sie oder ihre Angehörigen auf einmal ‚im Gerät drin sein können‘. Da hat es sehr schwierige Situationen gegeben“, so Markus Leser, Leiter Fachbereich ‘Menschen im Alter’ von Curaviva, dem Branchenverband der Institutionen für Menschen mit Unterstützungsbedarf.

Aber nicht nur in Heimen wurden Videoanrufe eingesetzt. Auch ältere Menschen, die zu Hause leben, nutzten diese Technik während der Corona Krise vermehrt. „Durch Covid-19 und den damit verbunden Lockdown habe ein Digitalisierungsschub in der Anwendung stattgefunden“, bilanziert Peter Burri Follath, Leiter Kommunikation von Pro Senectute Schweiz, die größte Anlaufstelle für Altersfragen der Schweiz. Dies, aus anwendungstechnischen Gründen: „In ‘normalen Zeiten’, eignen sich Seniorinnen und Senioren technische Fertigkeiten selbst an, erhalten dabei Unterstützung aus dem Umfeld oder besuchen entsprechende Kurse“, so Peter Burri Follath. Während der Corona-Zeit hatten Angehörige oft mehr Zeit, die älteren Menschen bei der Nutzung von digitalen Geräten anzuleiten. „Um den Kontakt trotz Social Distancing aufrechterhalten zu können, wurden digitale Kanäle wie Facetime oder Skype enorm wichtig und eingeübt“, berichtet Peter Burri Follath.

Weitere Maßnahmen gegen soziale Isolation

Neben der Videotelefonie setzten manche Alters- und Pflegeheime aber auch kreative Lösungen ein, wie beispielsweise die sogenannten „Besuchsboxen“ . Hierbei sitzen Bewohner und Besucher nur durch ein Plexiglas getrennt vis-à-vis voneinander in einer Kabine und telefonieren miteinander. Auch die Gärten wurden für Besuche auf Distanz genutzt. „Einige Häuser haben sogenannte ‘öffentliche Besuchsorte’ eingerichtet – also Stühle im Garten mit entsprechendem Abstand. In der Anfangsphase als es so warm war, standen die Angehörigen oft unten im Garten und die Bewohner oben auf ihrem Balkon“ so Markus Leser von Curaviva. „Auch habe ich Beispiele gesehen, bei denen sich Bewohner mit ihrem Essen statt im Zimmer auf den Gang setzten. Vier bis fünf Bewohner assen so gemeinsam, konnten sich dabei sehen und miteinander reden. All das waren Möglichkeiten, Kontakte innerhalb des Hauses zu schaffen, so gut das halt eben ging“ berichtet er weiter.

Bei zu hause lebenden älteren Menschen in der Schweiz wurde „Amigos“ – ein Einkaufs- und kostenlose Lieferdienst – sehr gefragt und geschätzt. Dieses Projekt wurde von Pro Senectute und dem Migros Genossenschaftsbund für die Zeit der Corona-Pandemie ins Leben gerufen, da die bestehenden Onlineshops extrem überlasten waren. Die älteren Menschen oder ihre Angehörigen konnten so mittels einer App sämtliche Migros-Produkte online bestellen. Registrierte Freiwillige kauften die Lebensmittel und andere Artikel ein und brachten sie unter Einhaltung der Hygienemassnahmen zu ihnen nach Hause. Somit hatten viele ältere Menschen einen sicheren Kontakt zu anderen Menschen. „Dies war sehr innovativ und extrem unkompliziert organisiert. Wir haben gemerkt, dass allein schon ein Einkaufsdienst für einsame Menschen extrem wertvoll und hilfreich war. Wir würden sogar die These wagen, dass so wahrscheinlich gar mehr Begegnungen zwischen den Generationen stattgefunden haben, als in Normalzeiten“, so Peter Burri Follath von Pro Senectute Schweiz. „Das Engagement und die Solidarität von gesunden Menschen, die sich nicht besonders vor einer Ansteckung schützen mussten, war sehr gross in dieser Zeit.“

Lebensqualität von älteren Menschen in der Isolation

Die plötzlichen Einschränkungen wurde von den Bewohnern der Alters- und Pflegeheime sehr unterschiedlich empfunden. „So gab es beispielsweise diejenigen, die relativ gelassen reagiert haben, wie zum Beispiel eine 100-jährige Frau aus Schaffhausen, die uns einfach sagte ’das ist schon gut, wie es ist und ich fürchte mich sowieso nicht vor dem Tod’ “, berichtet Markus Leser. Diesen Eindruck bestätigen auch andere Altersheime. Durch die internen Aktivitäten, den Zugang zum hausinternen Garten und durch regelmässigen Austausch mit den Betreuern hätten sich die Bewohner nie eingesperrt oder alleine gefühlt. „Aber zum Teil waren sie natürlich auch traurig. Das hat man schon gemerkt, vor allem wenn es um die Isolation ging“ berichtet Markus Leser von Curaviva von seinen Erfahrungen. „Wir wissen, dass den Seniorinnen und Senioren und deren Angehörigen die Besuche sehr gefehlt haben. So wie uns ja auch“, meint auch Peter Burri Follath von Pro Senectute Schweiz.

Cochrane-Evidenz

Es gibt also eine ganze Reihe von Möglichkeiten, die Einsamkeit alter Menschen in Zeiten von COVID-19 und darüber hinaus anzugehen. Doch lässt sich auch anhand wissenschaftlicher Evidenz bewerten, wie wirksam diese Massnahmen wirklich sind? Diese Frage stellten sich die Autoren eines neuen Cochrane Rapid Reviews. Sie konzentrierten sich dabei auf die Frage, ob Videoanrufe die soziale Isolation und Einsamkeit älterer Menschen über 65 Jahren verringern können. Die Autoren fanden bei ihrer Literatursuche drei Studien mit insgesamt 201 Teilnehmenden, alle in Pflegeeinrichtungen in Taiwan und aus der Zeit vor der COVID-19-Pandemie. In diesen Studien wurden ältere Menschen zufällig einer Gruppe zugeteilt, in denen Videoanrufe, anderen Methoden der Kontaktpflege, oder als Kontrollgruppe keine bestimmte Methode miteinander verglichen wurden. Die Videoanrufe konnten wahlweise mittels Computer, Tablet oder Handy per Internet durchgeführt werden; die Geräte wurden den Bewohnern der Interventionsgruppe zur Verfügung gestellt.

Drei, sechs und zwölf Monate nach der Einführung der Massnahmen wurde die Einsamkeit mit Hilfe eines validierten Messinstruments der University of California, Los Angeles (UCLA) gemessen. Die Gesamtpunktzahl auf dieser Einsamkeitsskala reicht von 20 (am wenigsten einsam) bis 80 (am meisten einsam). Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass die Videoanrufe wahrscheinlich nur eine geringe oder gar keine Wirkung auf die Einsamkeit ältere Menschen hatten, zumindest kurz- und mittelfristig. Die durchschnittliche Punktzahl für Einsamkeit in den Kontrollgruppen betrug 48,45. Unter der Intervention betrug die Mittelwertdifferenz nach 3 Monaten −0.44 (95% KI −3.28 bis 2.41) in 3 Studien (201 Teilnehmende), nach 6 Monaten −0.34 (95% KI −3.41 bis 2.72) in 2 Studien (152 Teilnehmende) und nach 12 Monaten −2.40 (95% KI −7.20 bis 2.40) in einer Studie (90 Teilnehmenden).

Auch bei der Verringerung von Symptomen einer Depression waren die Unterschiede klein bis nicht vorhanden. Diese wurden mit Hilfe der Geriatrischen Depressionsskala gemessen. Die Gesamtpunktzahl reicht von 0 bis 30 (je höher je schlechter). Der Mittelwert der Depressionssymptome in den Kontrollgruppen betrug 12,16. Unter Einsatz der Videoanrufe betrug die Mittelwertdifferenz nach drei Monaten Nachbeobachtung 0,41 (95% KI -0,90 bis 1,72; 3 Studien; 201 Teilnehmende) und nach sechs Monaten – 0,83 (95% KI -2,43 bis 0,76; 2 Studien, 152 Teilnehmende).

In einer der Studien hatten Videoanrufe im Vergleich zur üblichen Versorgung auch nur einen kleinen bis keinen Einfluss auf die Lebensqualität. Keine der drei Studien berichtete über die Wirksamkeit bezüglich sozialer Isolation. Die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz war aufgrund der geringen Teilnehmeranzahl und den unzuverlässigen oder unvollständig beschriebenen Methoden eingeschränkt.

Langfristige Änderungen?

Auch wenn die vorhandene Evidenz aus kontrollierten Studien den Nutzen von Videoanrufen nicht eindeutig belegen konnte, so kann der Einsatz dieser Technologie im Einzelfall dennoch eine von vielen Möglichkeit darstellen, gegen die Einsamkeit und soziale Isolation älterer Menschen vorzugehen. Jedoch ist dies nicht für alle älteren Menschen umsetzbar, da manche mit solchen Videoanrufen überfordert sind.

Zudem sind die Ergebnisse des Cochrane Rapid Reviews mit Studien aus Heimen nicht unbedingt auf zuhause lebende ältere Menschen übertragbar. Dies sieht auch Markus Leser kritisch: „Mir fiel in der ganzen Corona-Zeit auf, dass sich Medien und Öffentlichkeit stark auf ältere Leute im Heim fokussieren. Aber ich habe keine einzige Frage bekommen, wie sich beispielsweise Witwen und Witwer alleine zu Hause fühlen. Dabei haben sie ein noch viel grösseres Einsamkeitsrisiko, wenn sie kein funktionierendes soziales Netzwerk haben oder keine Angehörigen, die sich um sie kümmern“. Auch ist es schwierig, die Resultate von Taiwan auf europäische Alters- und Pflegeheime zu übertragen.

Eines zeigte sich allerdings zumindest in der Schweiz: „Der Generationenzusammenhalt war in der Lockdown-Phase sehr gut. Im Ausnahmezustand rückten die Generationen eher zusammen und die Nachbarschaftshilfe – beispielsweise in Form von Einkaufsdiensten – erlebte eine Renaissance“, so Peter Burri Follath von Pro Senectute Schweiz.

Schön wäre es, wenn wir uns auch über die Corona-Zeit hinaus mehr Zeit für ältere Menschen nähmen und einige der neuen Gewohnheiten, wie etwa die Lebensmitteleinkäufe, weiterführen könnten. Denn Einsamkeit im Alter ist und bleibt eine grosse gesellschaftliche Herausforderung – ganz unabhängig von Corona.

Text: Anne Borchard

Anmerkung: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.

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