Schon Jahrzehnte bevor die evidenzbasierte Medizin „erfunden“ wurde, entstanden in den Lebenswissenschaften Übersichtsarbeiten, in denen das bisherige Wissen zu einer Fragestellung zusammengefasst wurde. Die schottisch-britische Forscherin Isabella Leitch (1890 – 1980) war Autorin solcher Arbeiten in der Ernährungswissenschaft und stellte 1959 zu den verschiedenen Arten von Reviews und ihren Methoden Überlegungen an, die bis heute gültig sind. Ihre Biografie ist beeindruckend.
Isabella Leitch stammte aus einer großen Familie im schottischen Fischerstädtchen Peterhead. An der Universität von Aberdeen machte sie Studienabschlüssen in Mathematik, Physik und Zoologie. In der Zeit vor dem Ausbruch des 1. Weltkriegs war sie eine aktive Frauenrechtlerin und gehörte zu den sogenannten „Suffragetten“, die schon damals mit zivilem Ungehorsam auf ihre Forderungen nach Gleichberechtigung aufmerksam machten, beispielsweise beim Wahlrecht. Um an Veranstaltungen der „Women’s Social and Political Union“ teilzunehmen, reiste sie von Schottland bis nach London. Mit einem Stipendium konnte sie nach dem Studium nach Kopenhagen gehen. Dort war sie unter anderem an der Forschung über den Blutfluss in den kleinsten Blutgefäßen (Kapillaren) in der Muskulatur beteiligt. Ihr erster Mentor, der dänische Physiologe August Krogh bekam 1920 dafür den Medizin-Nobelpreis.
Ihre akademischen Interessen waren von Anfang an breit gestreut und reichten von Genetik bis zu Aerodynamik und Flugzeugbau. Nach Ende des 1. Weltkriegs kehrte sie nach Schottland zurück. Als alleinerziehende Mutter fand sie vier Jahre lang keine Stelle – trotz Promotion an ihrer Heimatuniversität Aberdeen und bester Qualifikationen. Da sie mittlerweile nicht nur Dänisch, sondern mehrere europäische Sprachen gelernt hatte, konnte sie sich mit Übersetzungen über Wasser halten.
Schon wieder nah am Nobelpreis
Als in Aberdeen das Rowett Institute of Research gegründet wurde, wurde Isabella Leitch zunächst befristet in der Bibliothek angestellt, arbeitete sich dann aber in der Institutshierarchie nach oben. Sie arbeitete im Team des Direktors John Boyd Orr und trug maßgeblich zu seinen Forschungsprojekten bei. Er setzte die neuen ernährungsphysiologischen Erkenntnisse der Zeit für die Bekämpfung der Mangelernährung ein und erkannte, dass Hunger und Kriege in der Welt zusammenhängen. Nach Ende des 2. Weltkrieges beteiligte sich das Institut unter seiner Leitung an den internationalen Diskussionen, die schließlich zur Gründung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) führten, Boyd Orr erhielt 1949 für seine Verdienste den Friedensnobelpreis.
Es war damit schon das zweite Mal, dass Leitch an der Arbeit eines Nobelpreisträgers mitgewirkt hatte.
Sie arbeitete zeitlebens oft im Hintergrund, dennoch wurden ihre Verdienste schließlich öffentlich gewürdigt: 1949 wurde sie zum „Officer of the Most Excellent Order of the British Empire“ ernannt und 1965 erhielt sie die Ehrendoktorwürde der Universität Aberdeen
Die Wissens-Sammlerin
Am Rowett Institute beschaffte Leitch laufend neue Literatur, erstellte und korrigierte Manuskripte und fasste die aktuellen Ergebnisse der Ernährungsforschung zusammen – alles natürlich mit den analogen Mitteln der Zeit. Sie machte sich dort unentbehrlich und erarbeitete sich offensichtlich den Respekt ihrer Kolleg*innen; stets wurde sie mit „Dr. Leitch“ angesprochen, ihr Vorname blieb nur dem engsten Kreis vorbehalten.
Mit ihrem breiten Hintergrundwissen stellte sie Überlegungen darüber an, wie wissenschaftliche Erkenntnisse am besten in Reviews organisiert und von bloßen Meinungen getrennt werden können. Bereits 1959, also Jahrzehnte vor der Erfindung der evidenzbasierten Medizin, schrieb sie einen Artikel mit dem etwas sperrigen Titel “The place of analytical and critical reviews in any growing biological science and the service they may render to research”. Darin argumentierte sie, dass für Reviews die gleichen Qualitätsstandards gelten sollten wie für die Primärforschung – ein Thema, das heute immer noch aktuell ist. Sie erkannte die Schwierigkeiten, wenn Primärstudien seltene oder eigens konstruierte Maßeinheiten verwenden und später nicht mit anderen Daten verglichen oder kombiniert werden können. Ebenso betonte sie wie wichtig es ist, dass umfassende Forschungsdatenbanken existieren und professionell gepflegt werden, so dass das enthaltene Wissen anderen zur Verfügung steht. Dabei konnte sie noch nicht wissen, dass wir uns Jahrzehnte später aus politischen Gründen Sorgen um Pubmed & Co machen müssen.
Außerdem formulierte Leitch früh, dass Reviews nicht bloße Ansammlungen von Daten sein sollten, sondern Übersichtsarbeiten mit einem Mehrwert; sie sollten eine Synthese bieten und zu neuen Erkenntnissen beitragen. Sie hätte vermutlich ihre Freude an modernen Metaanalysen. Als „Creative Review“ bezeichnete sie Arbeiten, die Ergebnisse aus verschiedenen Disziplinen im Kontext darstellen und zu neuen Lösungsansätzen führen. Diese Art von Reviews betrachtete sie als am wertvollsten, aber auch am seltensten.
Zwischen Kutsche und Überschallflugzeug
Bis ins hohe Alter war Isabella Leitch interessiert daran, den Erkenntnisgewinn in der Ernährungsforschung voranzubringen – und berüchtigt für den Einsatz ihres blauen Korrekturstifts. Mit dessen Hilfe verhalf sie zahlreichen Kolleg*innen mehr oder weniger freiwillig zu einer präzisen Sprache in ihren wissenschaftlichen Manuskripten. Noch mit 88 Jahren wanderte sie via Washington DC zu ihrer Tochter nach Australien aus. “By Concorde, of course” sagte sie dazu auf Nachfrage, und erinnerte daran, dass in ihrer Jugend die Pferdekutsche das übliche Verkehrsmittel gewesen sei.
Quellen
Hytten F. Isabella Leitch’s contributions to the development of systematic reviews of research evidence. J R Soc Med. 2010 Mar;103(3):114-7. doi: 10.1258/jrsm.2009.09k065. PMID: 20200184; PMCID: PMC3072264.
Autoren: Dr. Erik von Elm & Jörg Wipplinger



