Aktiv gegen akute Atemwegsinfektionen – kann körperliche Betätigung schützend wirken?

Wer sich regelmäßig sportlich betätigt, hält sich körperlich fit. Aber schützt Bewegung auch vor Schnupfen, Halsschmerzen oder Husten? Ein aktualisierter Cochrane Review hat sich dieser Frage angenommen und untersucht, ob regelmäßige Bewegung das Auftreten, die Dauer und den Schweregrad von akuten Atemwegsinfektionen reduzieren kann.

Gestern war noch alles in Ordnung. Den ganzen Tag über fühlte ich mich fit und war abends noch joggen. Heute Morgen wache ich jedoch mit Halsschmerzen und verstopfter Nase auf. Der erste Gedanke, der mir durch den Kopf schießt: Oh nein, hat´s mich jetzt mit COVID-19 erwischt? Nervös messe ich meine Temperatur. 37,0°C, okay. Habe ich mich gestern Abend vielleicht einfach ‘verkühlt‘? Mir ist bewusst, dass es durch die momentan stark schwankenden Temperaturen und unpassender Kleidung schnell dazu kommen kann, dass man sich erkältet. Doch warum habe ich heute Halsschmerzen, obwohl ich gestern Sport gemacht habe? Schützt regelmäßige Bewegung doch nicht gegen Infektionen?

Ein aktualisierter Cochrane Review ging dieser Frage nach und untersuchte, ob regelmäßige Bewegung das Auftreten, die Dauer und den Schweregrad von akuten Atemwegsinfektionen reduzieren kann.

Akute Atemwegsinfektionen

Unter dem Ausdruck „akute Atemwegsinfektionen (ARE)“ wird ein Spektrum ansteckender Krankheiten zusammengefasst, die die oberen (Rachen/Stimmbänder) oder unteren (Bronchien) Atemwege betreffen. Demnach zählen eine unkomplizierte Erkältung, eine Bronchitis oder auch Lungenentzündung dazu. Alle akuten Atemwegsinfektionen haben gemeinsam, dass sie durch Mikroorgansimen (z. B. Viren, Bakterien, Pilze) verursacht werden – also ansteckend sind – und nicht länger als 30 Tage andauern.

Akute Atemwegserkrankungen sind die am häufigsten auftretenden akuten Erkrankungen weltweit [1]. So stehen diese beispielsweise in Deutschland mit ca. 17.000 Todesfällen pro Jahr in Zusammenhang, wobei jedoch jährliche und saisonale Schwankungen zu berücksichtigen sind [2].

Hilft mir Bewegung dabei, gesund zu bleiben?

Ja, regelmäßige Bewegung ist gesund und wirkt nachweislich schützend gegen eine Reihe von Erkrankungen, wie z.B. kardiovaskuläre Erkrankungen und einige Krebsarten. Die Bewegungsempfehlungen der World Health Organisation (WHO) gibt es hier.

Mit Blick auf das Immunsystem, welches uns vor Krankheitserregern schützt, kann Bewegung (mäßige bis kräftige Intensität, weniger als 60 Minuten) eine positive Wirkung haben. Durch die Anregung des Körperkreislaufs wird der kontinuierliche Austausch verschiedener Immunzellen zwischen Körperkreislauf und Gewebe beschleunigt, was langfristig die Immunabwehraktivität verbessern kann. Übermäßige körperliche Beanspruchung (Leistungssport) führt hingegen zum gegenteiligen Effekt und schwächt die Immunabwehr eher [3].

Bei der Behandlung von akuten Atemwegsinfekten gab es Hinweise darauf, dass Bewegung die Gesundheit im Allgemeinen verbessert und das Auftreten, den Schweregrad und die Dauer von akuten Atemwegsinfektionen reduzieren kann [4].

Cochrane Evidenz zur Wirkung von Bewegung auf das Auftreten, den Schweregrad und die Dauer akuter Atemwegsinfektionen

In diesem aktualisierten Cochrane Review schlossen die Autoren insgesamt 14 Studien (1.377 Teilnehmer) ein, die zwischen 1990 und 2018 veröffentlicht wurden. Neun Studien stammten aus den USA und jeweils eine aus Brasilien, Kanada, Portugal, Spanien und der Türkei. Die Stichprobengröße der einzelnen Studien variierte zwischen 16 und 419 Teilnehmern im Alter von 18 bis 85 Jahren. Ebenso unterschied sich der Anteil an weiblichen Teilnehmern und lag je nach Studie zwischen 52 % und 100 %. Bereits diagnostizierte chronische Atemwegserkrankungen der Teilnehmer spielten bei Ein – oder Ausschluss keine Rolle.

Bei der Gruppe, die die zu untersuchende Behandlung (Intervention) erhielt, wurden mindestens dreimal pro Woche Bewegungseinheiten verschrieben und überwacht. Bei den meisten Studien dauerte eine Einheit (Gehen, Radfahren, Laufband oder eine Kombination) 30 bis 45 Minuten und wies eine mittlere Intensität auf. Die Studiendauer reichte von sieben Tagen bis zu zwölf Monaten. Bei dreizehn Studien wurde der Interventionsgruppe Gruppentraining verschrieben. Dieses wurde überwacht und angeleitet durchgeführt. Bei einer Studie fanden die Einheiten bei den Teilnehmern ohne Überprüfung zuhause statt. Die Kontrollgruppe erhielt keine Bewegungseinheiten oder nur eine medikamentöse Basisbehandlung.

Um die Wirksamkeit der Bewegungseinheiten messen zu können, wurden die Interventions- und Kontrollgruppen unter anderem hinsichtlich folgender Ergebniskriterien (Endpunkte) vor und nach dem Interventionszeitraum untersucht.

  • Primäre Endpunkte: Anzahl von akuten Atemwegsinfektionen pro Person pro Jahr, Anteil von Teilnehmern, die über den Studienzeitraum hinweg eine akute Atemwegsinfektion erlitten, Schweregrad der Symptome, Anzahl der Symptomtage innerhalb des Interventionszeitraums (12 Wochen), Anzahl der Symptomtage pro erlebte Krankheitsepisode.
  • Sekundäre Endpunkte: Immunparameter, Lebensqualität, Kosten für den Patienten, belastungsbedingte Verletzungen, Einhaltung der Gruppenintervention

Ergebnisse

Die Anzahl akuter Atemwegsinfektionen pro Person und Jahr unterschied sich nicht zwischen der Interventions- und Kontrollgruppe. Auch gab es weder Unterschiede zwischen den Gruppen bezüglich des Anteils von Teilnehmern, die während des Studienzeitraums eine akute Atemwegsinfektion erlitten noch hinsichtlich der Anzahl an Symptomtagen pro Krankheitsepisode. Eine signifikant positive Wirkung hatten die Bewegungseinheiten in Bezug auf die Schwere der Symptome einer akuten Atemwegsinfektion (Mittelwertdifferenz (MD) −103.57 Punkte 95% KI −198,28 bis −8,87) sowie hinsichtlich der Gesamtanzahl der Symptomtage während des Untersuchungszeitraums (MD –2,24 Tage, 95% KI –3,50 bis –0,98). Bezüglich der sekundären Endpunkte gab es keine Unterschiede zwischen den Gruppen.

Fazit

Die Ergebnisse des Cochrane Reviews weisen darauf hin, dass körperliche Bewegung die Schwere der Symptome von akuten Atemwegsinfektionen (zwei Studien) sowie die Dauer (vier Studien) der Symptome positiv beeinflussen kann. Da die Vertrauenswürdigkeit der Studien (Evidenz) als niedrig bewertet wurde, ist die Aussagekraft der Ergebnisse jedoch eingeschränkt.

Text: Maren Fendt

Quellen:

  1. Shi T, Arnott A, Semogas I, et al. The Etiological Role of Common Respiratory Viruses in Acute Respiratory Infections in Older Adults: A Systematic Review and Meta-analysis. The Journal of Infectious Diseases 2019.
  2. Steppuhn H, Buda S, Wienecke A. Zeitliche Trends in der Inzidenz und Sterblichkeit respiratorischer Krankheiten von hoher Public-Health-Relevanz in Deutschland. Journal of Health Monitoring: Robert Koch-Institut, Berlin, 2017.
  3. Nieman DC, Wentz LM. The compelling link between physical activity and the body’s defense system. Journal of Sport and Health Science 2019; 8(3): 201-17.
  4. Barrett B, Hayney M, Muller D, Rakel D, Brown R, Zgierska A. Meditation or exercise for preventing acute respiratory infection (MEPARI-2): A randomized controlled trial. PLoS ONE 2018; 13.

Anmerkung: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.

Bewegungsübungen verhindern Stürze bei älteren Menschen – aber gilt dies für alle Übungsarten?

In diesem Blog-Beitrag schreibt Cochrane-Reviewgruppen-Leiterin und Review-Autorin Helen Handoll über neue Evidenz, dass Bewegung Stürze bei älteren Menschen verhindern kann, und was dies für ihre Mutter und andere ältere Menschen wie sie bedeuten könnte.

Für meine Mutter gibt es viele Gelegenheiten zu stürzen. Sie hat mittlerweile auch aufgehört, auf Leitern zu steigen. Ansonsten aber führt sie ein aktives Leben mit der Entschlossenheit, unabhängig zu bleiben und in ihrem eigenen Haus mit einem herrlichem Garten zu leben. Jedes Mal, wenn sie hinfällt, trifft es mich in’s Herz…

Jedes Mal fällt sie an einem anderern Ort und wegen einer anderen Ursache. Es wird außerdem immer schwieriger für sie, wieder auf die Beine zu kommen. Auch das Aufstehen ist problematisch, weswegen das Handy, auf dessen Anschaffung mein Bruder bestanden hat, bereits mehrere Male zum Einsatz kam. Es hat einige spektakuläre Blutergüsse gegeben, aber auch ernsthaftere Verletzungen. Darunter ein Wirbelbruch, der über mehrere Wochen sehr schmerzhaft und einschränkend war. Weiterlesen

Unterschätzt: Selbstmord bei Studierenden

Zum Anlass des jährlichen internationalen Suizidpräventionstag am 10.September möchte auch Wissen Was Wirkt das seit jeher tabuisierte und unterschätzte Thema des Selbstmords in den Vordergrund rücken.

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nimmt sich alle 40 Sekunden ein Mensch das Leben. Bei jungen Menschen zwischen 15-29 Jahren ist Selbstmord die zweithäufigste Todesursache. Auch unter Studierenden ist die Prävalenzrate hoch. Ein Cochrane Review von 2014 untersuchte deshalb die Wirkung von Programmen zur Vorbeugung von Selbstmord bei Studierenden. Was kam dabei heraus?

Selbstmord kommt erschreckend häufig vor

Formal versteht man unter Selbstmord eine bewusste, absichtliche Handlung, die das eigene Leben beendet. Weltweit ist bei 1.4 % aller Todesfälle Selbstmord die Ursache, und die Häufigkeit, mit der Menschen zu dieser finalen Handlung greifen, ist auch in Europa erschreckend hoch. So nahmen sich 2015 56.000 Europäer* das Leben, darunter 10.200 Deutsche. In absoluten Zahlen lag Deutschland in dem Jahr an der Spitze, in relativen Zahlen knapp über dem europäischen Durchschnitt mit 12 Selbstmorden pro 100.000 Einwohner. In der Schweiz waren es im selben Jahr 13 und in Österreich 14 pro 100.000 Menschen. In Deutschland rangiert Suizid bei den häufigsten Sterbeursachen an 8. Stelle und ungefähr doppelt so viele Menschen verlieren ihr Leben durch Suizid als durch Verkehrsunfälle. Weiterlesen

Ein großes JA zu Fahrradhelmen

Auch wenn heutzutage eine Auseinandersetzung mit dem Thema Sport meist vor dem Fernseher im Wohnzimmer oder in Biergärten stattfindet, so ist doch die warme Jahreszeit für viele Menschen der zweitbeste Zeitpunkt (unmittelbar nach Neujahr), um selbst ein wenig aktiver zu werden. Und das ist gar keine schlechte Idee. Sportliche Aktivität – beispielweise der Radsport – bringt so einige gesundheitliche Vorteile mit sich. Aber auch Nachteile?

Sport ist Mord: Diesen Satz habe ich mir schon häufig anhören müssen. Da ich als Triathlet viel Zeit mit Ausdauertraining verbringe, wurde ich zum Beispiel schon häufig vor einem „Sportlerherz“ (Vergrößerung des Herzens/Verdickung der Wände durch Training) gewarnt. Auch wurde mir oft die Frage gestellt, ob ich denn keine Angst vor Verletzungen oder Sportunfällen habe. Nein, lautet dann meist meine klare Antwort. Natürlich gibt es immer wieder Berichte, zum Beispiel von Profisportlern*, die an Herzversagen starben, besonders beim Profi-Radsport, oder von dramatischen Stürzen. Doch wird im professionellen Sport oft außerhalb eines Bereichs trainiert, der als gesundheitsförderlich betrachtet werden kann. Das trifft bei mir nicht zu. Weiterlesen

Honig gegen Husten: Wirkt Grossmutters Hausmittel doch?

Goldgelber süsser Honig, verrührt in heissem Tee oder Milch. Darauf haben zumindest unsere Grossmütter bei Husten geschworen. Nun zeigte ein aktualisierter Cochrane Review, dass dieses altbewährte Hausmittel vermutlich tatsächlich gegen Husten wirkt.

Bei Husten habe ich als Kind immer eine heisse Milch mit Honig von meiner Oma zubereitet bekommen. Damals gab es zur Wirksamkeit dieses Mittels wohl noch keine wissenschaftliche Evidenz und niemand wusste, wie das genau helfen soll. Aber lecker und süss war es allemal und geholfen hat es mir auch. Zwei Generationen später setzte ich dieses altbewährte Hausmittel auch bei meinem Sohn ein. Auch bei ihm schien ‚Grossmutters Geheimrezept’ zu wirken: seine nächtlichen Hustenanfälle nahmen ab und die ganze Familie konnte wieder besser schlafen. Im Gegensatz zu meiner Oma interessierte mich, ob die vermeintliche Wirkung des Honigs nur zufällig war oder ob es hierzu wissenschaftliche Beweise gibt.

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