Übergewicht : Darf’s auch ein bisschen mehr sein?

Jedes Kilo zu viel verkürze das Leben, sagen die einen. Andere dagegen glauben, dass ein bisschen mehr auf den Rippen sogar nützen könnte. In unserer Blogserie zu „Ernährung und kardiovaskuläre Erkrankungen“ geht es in diesem sechsten Artikel um den Forscher-Streit über den Zusammenhang zwischen Body Mass Index (BMI) und Sterblichkeit. Das Thema ist ein Lehrstück darüber, wie schwer es sein kann, die Ergebnisse großer Beobachtungsstudien zu deuten.

„Ich bin nicht dick! Nein, mein Herr! Nur kräftig gebaut!“ So wie dem Comic-Gallier Obelix geht es vielen Menschen: Dicksein ist Ansichtssache. Manche finden sich trotz oder gerade wegen des Rettungsrings um den Bauch gut so, wie sie sind. Andere hadern mit jedem vermeintlich überzähligen Pfund und stürmen gerade zum Jahresanfang voller guter Vorsätze auf die Joggingstrecke oder konsultieren Diätratgeber.

Als halbwegs objektives und unkompliziertes Maß für die Körpermasse hat sich der Body Mass Index (BMI) durchgesetzt. Er berechnet sich aus dem Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch das Quadrat der Körpergröße in Metern. Der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge entsprechen Werte zwischen 18,5 und 24,9 Normalgewicht, mit 1,80 Meter sollte man (oder Frau) demnach zwischen 60 und 81 Kilo wiegen. Niedrigere Werte gelten als Untergewicht, von Übergewicht spricht man ab einem BMI von 25 als Übergewicht und von Fettleibigkeit oder Adipositas ab einem BMI von 30. Sie beginnt für den 1,80-Meter-Mensch bei einem Gewicht von 97 Kilo.

So bemessen sind offiziellen Zahlen des Robert-Koch-Instituts zufolge zwei Drittel der Männer (67 %) und gut die Hälfte der Frauen (53 %) in Deutschland übergewichtig. Knapp ein Viertel der Erwachsenen beider Geschlechter ist fettleibig. Österreicher und Schweizer sind im Schnitt etwas schlanker, in beiden Ländern liegt der Anteil der Übergewichtigen und Adipösen bei gut 40 Prozent.

Die Ursache für Übergewicht und Adipositas ist in den meisten Fällen eine Kombination aus ungünstigen Ernährungsgewohnheiten und Bewegungsmangel. Sie führt zu einem Überschuss in der Kalorienbilanz, den der Körper in Form von Fettgewebe einlagert (siehe auch den Artikel Ernährung und kardiovaskuläre Erkrankungen – eine neue Serie auf Wissen Was Wirkt)

Dabei ist Körperfett per se weder gut noch böse. Ein bisschen Speck als Isolierschicht und Speicherstoff für schlechtere Zeiten gehört von Natur aus zu einem gesunden, wohlgenährten Körper. Wer jedoch allzu große Mengen davon mit sich herumträgt, bekommt Probleme. Und das nicht nur in Form der sozialen und ästhetischen Erwartungen unserer Gesellschaft, unter denen viele übergewichtige Menschen leiden. Wenn aber schon die Treppe in den ersten Stock eine bergsteigerische Herausforderung darstellt, wird Dicksein auch ganz real zur Quälerei.

Vor allem jedoch spielt Fettleibigkeit die erste Geige im „tödlichen Quartett“ des metabolischen Syndroms, zu dem sich noch Bluthochdruck, erhöhte Blutfette und Insulinresistenz gesellen. Diese Symptomkombination gilt neben dem Rauchen als wichtigster Risikofaktor für Herz-Kreislauferkrankungen und andere Zivilisationskrankheiten wie Diabetes oder Krebs und damit als eine der Hauptursachen für vorzeitige und vermeidbare Todesfälle in Industriestaaten.

Über welche biologischen Mechanismen das überschüssige Fett die anderen schädlichen Veränderungen nach sich zieht, ist nicht vollständig geklärt. „Fettgewebe ist jedenfalls nicht nur ein passiver Kalorienspeicher“, sagt Michael Leitzmann, Direktor des Instituts für Epidemiologie und Präventivmedizin an der Universität Regensburg: „Vor allem das sogenannte Viszeralfett im Bauchraum produziert eine Vielzahl von Hormonen und greift damit aktiv in den Stoffwechsel ein. Hat man zu viel davon, so verschiebt sich das Gleichgewicht dieser Stoffe auf Dauer offenbar in Richtung Krankheit.“

Echte Fettleibigkeit ist also ein erheblicher Risikofaktor für potentiell tödliche Krankheiten. Aber wie steht es um die große Zahl der Übergewichtigen, die nur ein paar Kilos zu viel mit sich herumtragen? Müssen auch diese Menschen schädliche Auswirkungen ihrer Fettpolster fürchten? Oder gilt für sie vielmehr der Spruch „ein bisschen rund ist gesund“?

Das Adipositas-Paradoxon – Realität oder nur „ein Haufen Müll“?

Über diese Frage ist unter Wissenschaftlern in den letzten Jahren ein erstaunlich erbitterter Streit entbrannt. Den Anfang machte 2005 eine Studie von Wissenschaftlern um Katherine Flegal von der amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC im Fachblatt JAMA. Flegal nutzte Daten des National Health and Nutrition Examination Survey, einer seit 1971 mehrfach aufgelegten Kohortenstudie, für die Tausende repräsentativ ausgewählte Amerikaner über Jahre hinweg immer wieder nach ihrem Lebensstil befragt und medizinisch untersucht wurden. Für Fettleibige mit einem BMI über 30 hatte die Analyse erwartungsgemäß schlechte Nachrichten: Auf das Jahr 2000 und die gesamte Bevölkerung der Vereinigten Staaten (damals gut 280 Millionen) hochgerechnet, waren demnach unter Fettleibigen im Vergleich zu Normalgewichtigen rund 112.000 zusätzliche Todesfälle aufgetreten. Auch Untergewichtige hatten wie erwartet eine leicht erhöhte Sterblichkeit. Doch für Übergewichtige (BMI zwischen 25 und 30) zeigte sich unerwartet der umgekehrte Effekt: Sie hatten ein deutlich geringeres Sterberisiko als ihre normalgewichtigen Mitmenschen.

Diese Ergebnisse legen nahe, dass „ein bisschen rund“ tatsächlich gesund ist und offenbar mit der Definition von „Normalgewicht“ etwas nicht stimmt. Flegal war durchaus nicht die Erste, die auf dieses sogenannte Adipositas-Paradoxon stieß. Es war bereits aus einer Reihe von Studien bekannt, etwa zu koronarer Herzkrankheit, Blut-Hochdruck, Diabetes oder chronischem Nierenversagen. Auch sie kamen zu dem Schluss, dass übergewichtige und zum Teil selbst leicht adipöse Patienten dieser Leiden offenbar bessere Überlebenschancen haben, als Normalgewichtige. Flegal hatte dies nun auch für das wichtige Maß der Gesamt-Sterblichkeit („all-cause-mortality“) gezeigt. 2013 legte sie dann im Fachblatt JAMA mit einer systematischen Übersichtsarbeit samt Metaanalyse nach, welche auf Daten aus fast hundert Studien mit annähernd drei Millionen Teilnehmern basierte. Auch diesmal schnitten übergewichtige Teilnehmer am besten ab – ihr Sterberisiko lag sechs Prozent unter jenem von Normalgewichtigen.

Viele ihrer Kollegen aus der Ernährungswissenschaft wollten davon allerdings nichts hören. Zu Flegals entschiedensten Kritikern zählt Walter Willett von der Harvard Medical School in Boston, Amerikas wohl prominentester Ernährungsmediziner. Sein Kommentar in einem Radiointerview zu Flegals Studie von 2013: „Das ist ein Haufen Müll, niemand sollte seine Zeit damit vergeuden, das zu lesen.“

Von Rauchern und dünnen Kranken

Starke Worte. Willett stößt sich vor allem daran, dass Flegal zwei Störfaktoren, sogenannte Confounder, nicht angemessen berücksichtigt habe, welche die Statistik zugunsten der Übergewichtigen verzerren. Störenfriede Nummer eins sind Raucher. Weil Nikotin den Appetit zügelt macht rauchen tatsächlich schlank. Gleichzeitig ist ihre Sterblichkeit wegen der zahlreichen Gesundheitsgefahren des Rauchens deutlich erhöht. Dadurch verzerren Raucher die Statistik zuungunsten des Normalgewichts, obwohl ihr erhöhtes Sterberisiko ursächlich nichts mit ihrem schlankeren Körper zu tun hat.

Ganz ähnlich ist dies mit den „dünnen Kranken“: Schon lange vor der Erstdiagnose können sich ernsthafte Krankheiten wie Krebs als schleichender Gewichtsverlust bemerkbar machen. Die in Studien offiziell noch als gesund eingestuften Betroffenen solcher versteckten Frühsymptome sind dann also schlank, weil krank, und nicht anders herum – reverse Kausalität nennen Epidemiologen einen solchen Effekt. Sowohl dünne Raucher als auch dünne Kranke führen also zu vermehrten Todesfällen unter Normalgewichtigen und verzerren dadurch das Gesamtbild.

Solche Confounder sind der große Knackpunkt von Beobachtungsstudien wie dem National Health and Nutrition Examination Survey, weil sich ihre verzerrenden Effekte nur schwer von echten Ursache-Wirkungszusammenhängen unterscheiden lassen. Mit Lehrbuch-Confoundern wie Alter, Geschlecht, Bildung und Einkommen lässt sich noch umgehen, subtilere Störgrößen dagegen lassen sich oft nur schwer identifizieren und noch schwerer von echten Effekten entwirren.

Die bessere Alternative wären im Prinzip randomisierte, kontrolliere Studien (RCTs). In solchen Studien unterscheiden sich die Angehörigen von Test- und Kontrollgruppe im Idealfall nur in dem zu untersuchenden Merkmal (in diesem Fall der BMI-Kategorie) und sind sich ansonsten möglichst ähnlich. Für den Zusammenhang von BMI und Sterblichkeit ist dies jedoch kaum machbar, weil man Studienteilnehmer schon aus ethischen Gründen kaum dazu verdonnern kann, sich im Namen der Wissenschaft dicke Fettpolster anzufressen.

Beobachtungsstudien sind daher für viele epidemiologische Fragen das Beste, was wir haben. Um die störenden Effekte der Confounder möglichst klein zu halten, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Ein Weg ist, die Daten bestimmter Probanden, die das Ergebnis verzerren würden (zum Beispiel jene von Rauchern) von vornherein aus der Auswertung auszuschließen. Alternativ kann man versuchen, Confounder durch statistische Korrekturfaktoren zu kompensieren. Nur, welcher dieser beiden Wege ist der bessere? Um eben diese Frage geht es im erbitterten Forscherstreit zwischen den Lagern von Flegal und Willet.

Flegal setzt auf Korrekturfaktoren, die in der Statistik beispielsweise den Effekt des Rauchens ausgleichen sollen. Doch das ist leichter gesagt als getan: Wie viel raucht der einzelne Studienteilnehmer, wie tief inhaliert er, wie lange muss jemand das Rauchen aufgegeben haben, um nicht mehr als Raucher zu gelten? Weil Studiendaten auf all diese Fargen meist keine genauen Antworten geben können, basieren Korrekturverfahren auf mehr oder minder gewagten Mutmaßungen.

Wie repräsentativ ist eine Studie, wenn mehr als die Hälfte aller Datensätze von vornherein rausfliegen?

Viele Forscher, darunter auch der inzwischen emeritierte Walter Willett und sein Nachfolger in Harvard, Frank Hu, setzen stattdessen auf eine anderen Umgang mit Confoundern, nämlich eine strenge Auslese der in der Analyse berücksichtigten Probanden. Am Ende bleiben im Idealfall nur noch Studienteilnehmer übrig, die wirklich repräsentativ für den zu untersuchenden Zusammenhang sind. Das Problem mit diesem Ansatz: Er kann zum Ausschluss eines Großteils der Probanden führen.

So geschehen in der 2016 in The Lancet publizierten Studie der Global BMI Mortality Collaboration (GBMC) , an der auch Willett und Hu beteiligt waren. In ihrer Metaanalyse werteten die Forscher 239 Beobachtungsstudien aus aller Welt aus, nutzen jedoch nur die Daten von streng selektierten Teilnehmern. Berücksichtigt wurde nur, wer niemals geraucht hatte, zu Studienbeginn gesund war und danach wenigstens fünf Jahre überlebt hatte. Auf diee Weise blieben allerdings von den ursprünglich fast elf Millionen Teilnehmern weniger als vier Millionen übrig. Unter den handverlesenen Probanden fehlte vom Adipositas-Paradoxon denn auch jede Spur. Das geringste Sterberisiko hatten Normalgewichtige mit einem BMI zwischen 20 und 25. Für Übergewichtige mit einem BMI zwischen 25 und 27,5 fand die Studie ein im Vergleich dazu um sieben Prozent erhöhtes Sterberisiko, für einen BMI zwischen 27,5 und 30 war die Sterblichkeit bereits um 20 Prozent erhöht. Zur Einordnung: Raucher von mehr als 10 Zigaretten am Tag haben gegenüber Nichtrauchern ein doppelt bis dreifach erhöhtes Sterberisiko.

Zwei Studien, die zu weiten Teilen auf demselben Datenfundament stehen und doch zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Da stellt sich die Frage, welcher der beiden Ansätze der richtige ist: Kommt es auf einen realistischen Bevölkerungsquerschnitt an oder haben streng selektierte Daten die höhere Aussagekraft? Aus der wissenschaftlichen Debatte um diese Frage wurde schnell eine veritable Schlammschlacht zwischen den Lagern von Flegal und Willett, in der sich die Beteiligten gegenseitig der Manipulation und Rosinenpickerei bezichtigen.

Dabei hat das Thema „BMI und Sterblichkeit“ noch andere Streitfragen parat. So ist der BMI als Standardmesslatte für dick oder dünn durchaus umstritten. Er ist zwar einfach und praktisch, ignoriert aber die individuell unterschiedliche Konstitution verschiedener Menschen. So erreichen Bodybuilder ohne ein Gramm Fett zu viel auf den Rippen dank Muskelmasse leicht BMI-Werte von mehr als 30. Und auch unter Normalverbrauchern unterscheidet der BMI nicht zwischen physiologisch aktivem Viszeralfett und relativ harmlosen Unterhautfett. Alternativen wie den Body Shape Index (BSI), in dessen Berechnung auch der Bauchumfang einfließt, haben sich bisher aber noch nicht wirklich durchgesetzt.

Schließlich diskutieren Forscher auch die Idee einer „metabolically healthy obesity“. Unter Fettleibigen finden sich nämlich durchaus auch solche ohne metabolisches Syndrom. Ob diese „gesunden Dicken“ tatsächlich auf Dauer rund und gesund bleiben oder ob sie früher oder später doch noch erkranken, ist allerdings die nächste Streitfrage.

Fragen Sie ihren Arzt!

Sich als Laie in diesem Gefecht der Argumente ein Bild zu machen fällt nicht leicht. Zudem gilt wie immer, dass sich Erkenntnisse aus epidemiologischen Daten nicht automatisch auf den Einzelfall übertragen lassen.

Liegt der BMI deutlich über 25 hält es Präventivmediziner Michael Leitzmann aber schon für sinnvoll, sich Gedanken zu machen. „Für den ersten Schritt gilt die vielleicht etwas banale, aber fast alternativlose Empfehlung: Sprechen Sie mit ihrem Arzt darüber.“ Eine gründliche Anamnese und weitere Untersuchungen wie ein Bluttest helfen, gemeinsam mit dem Arzt den individuellen Handlungsbedarf einzuschätzen und gegebenenfalls den aussichtsreichsten Weg zum Abnehmen einzuschlagen. Der führt in den meisten Fällen über eine Ernährungsumstellung und mehr Bewegung. Es gibt gute Evidenz dafür, dass diese Kombination tatsächlich zu einer Gewichtsreduktion führt – ganz gleich, ob man nun zum Jahresbeginn oder sonst wann damit anfängt.

Text: Georg Rüschemeyer

Kein Herz für Nahrungsergänzungsmittel?

„Die richtige Dosis an Vitaminen & Mineralstoffen ist Grundlage für eine gesunde Herzfunktion“ – so oder ähnlich werben derzeit einige Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln (NEMs). In wie weit stimmt das? Und können NEMs den Erhalt unserer Herzgesundheit unterstützen beziehungsweise das Risiko einer Erkrankung reduzieren? Dieser fünfte Artikel unserer „Wissen Was Wirkt“ – Serie zu Ernährung und kardiovaskulären Erkrankungen setzt sich mit der Frage auseinander, ob es Evidenz gibt, dass Vitamin- und Mineralstoffsupplemente Einfluss auf die Entstehung koronarer Herzkrankheiten haben.

Dieser Beitrag vertritt die persönliche Sicht von Dr. Anja Dahten, Ernährungswissenschaftlerin und Mitarbeiterin von Cochrane Deutschland.

Die Aussage, dass Vitamine und Mineralstoffe für eine gesunde Herzfunktion sorgen, stimmt natürlich grundsätzlich, denn unser Organismus kann ohne essentielle Nährstoffe langfristig nicht funktionieren – auch nicht unser Herz. Wenn es allerdings um die Frage geht, ob durch die zusätzliche Zufuhr von Vitaminen und Mineralstoffen in Form von Nahrungsergänzungsmitteln unsere Herzgesundheit verbessert werden kann, wird die Sache deutlich komplexer. Als Ernährungswissenschaftlerin trete ich dem Versprechen, dass NEMs unsere Herzgesundheit verbessern können, sehr kritisch gegenüber. Im Folgenden erkläre ich, warum.

Die Fakten – Welche Wirkungen können wir von einem Nahrungsergänzungsmittel erwarten?

FAKT Nr. 1
NEMs sind definitionsgemäß Lebensmittel und werden rein rechtlich auch so behandelt. Sie durchlaufen kein aufwendiges Zulassungsverfahren (wie Arzneimittel), sondern unterliegen lediglich einer formalen lokalen Registrierungspflicht. Das Produkt darf dann tatsächlich „zeitgleich mit erfolgter Anzeige (…) in den Verkehr gebracht werden.“

Fazit: Der Fakt, dass ein Nahrungsergänzungsmittel registriert wurde, sagt nichts über die Unbedenklichkeit bezüglich seiner Sicherheit und schon gar nicht seiner Wirkung aus.

FAKT Nr. 2
Vielleicht haben Sie sich schon einmal gefragt, warum es nicht mehr so zahlreiche „vielversprechende“ Lebensmittel im Supermarkt gibt, die unsere Gesundheit verbessern und unsere Abwehrkräfte stärken wollen? Seit Ende des Jahres 2012 müssen auf europäischer Ebene alle sogenannten gesundheitsbezogenen Angaben von Lebensmitteln (Health Claims), von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) überprüft und genehmigt worden sein. Dies schließt auch die Sicherheit des Produktes mit ein. Zur Zulassung bedarf es u. a. einer überzeugenden Anzahl klinischer Studien an gesunden Probanden. Die überwiegende Mehrheit aller beantragten Health Claims wurde bisher abgelehnt.

Fazit: Aussagen zu gesundheitsverbessernden Wirkungen durch den Genuss bestimmter Lebensmittel sind derzeit auf EU-Ebene nicht überzeugend belegbar.

FAKT Nr. 3
Die gesundheitsfördernde Wirkung von im Handel erhältlichen NEMs kann laut Verbraucherschutz derzeit nicht lückenlos durch die Behörden geprüft werden.

Fazit: Wir Verbraucher müssen eigenverantwortlich informierte Entscheidungen treffen. Unterstützende Informationen mit Bezug auf aktuelle Untersuchungen finden Sie in Deutschland u. a. beim Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und auf den Webseiten der unabhängigen Verbraucherzentralen der Bundesländer.

Meine, daraus folgenden Hinweise für die Praxis

  • Seien Sie skeptisch, wenn Ihnen NEMs versprechen, Krankheiten heilen oder lindern zu können – auch wenn sie noch so „herzlich“ wirken. In diesem Fall halten Sie entweder ein nicht zugelassenes Arzneimittel in der Hand, von dem Sie die Nebenwirkungen nicht kennen oder ein nicht geprüftes Nahrungsergänzungsmittel, von dem Sie keine Wirkung erwarten sollten. Beides ist meiner Meinung nach nicht zu empfehlen.
  • Seien Sie kritisch, wenn NEMs Ihnen versprechen, dass sie das Risiko reduzieren können, eine Herz-Erkrankung zu bekommen. Dieser Fakt muss transparent nachgewiesen worden sein.
  • Am plausibelsten ist es, dass ein NEM Nährstoffe enthält, die zum Erhalt der „normalen“ physiologischen Funktionen beitragen.

Dennoch, Aussagen zur gesundheitsfördernden Wirkung von NEMs entsprechen nicht immer dem aktuellen Stand der Forschung, da der Prozess von der Einreichung bis zur Zulassung Jahre dauern kann.

Die Forschung – Wie ist der aktuelle Stand?

Bereits im Mai 2018 warnte die Online-Zeitschrift ärzteblatt.de: „Fast kein Nahrungsergänzungsmittel senkt das Risiko für Herzkrankheiten“. Diese Aussage wurde auf die Ergebnisse einer sehr umfangreichen systematischen Übersichtsarbeit mit Metaanalyse vom Juni 2018 gestützt. Untersucht wurden 179 randomisierte kontrollierte Studien zur Verwendung von verschiedenen Vitaminen und Mineralstoffen, die zwischen Januar 2012 bis Oktober 2017 publiziert wurden. Weder einzelne Komponenten (Vitamin D, Calcium, Vitamin C, Betacarotin und Selen) noch gemischte Multivitaminpräparate zeigten hier einen nachweisbaren Nutzen für die Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Myokardinfarkten oder Schlaganfällen. Auch generell leben wir wohl mit NEMs nicht länger, denn die Gesamtmortalität blieb sowohl mit als auch ohne NEMs unverändert. Allein Folsäure (mit und ohne Niacin) verringerte in dieser Übersichtsarbeit das Risiko eines Schlaganfalls. Für einen aussagekräftigen Beweis bedarf es jedoch weiterer Studien.

Noch im gleichen Jahr machen sowohl die Deutsche Gesellschaft für Neurologie als auch die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft auf die Ergebnisse einer weiteren umfassenden Metaanalyse aufmerksam. In diese wurden alle relevanten Studien eingeschlossen, die zwischen Januar 1970 und August 2016 publiziert wurden. Die aktuelle Schlussfolgerung im Ärzteblatt war: „Nahrungsergänzungsmittel wie Vitamine und Mineralien können das Risiko nicht vermindern, an einem Hirninfarkt oder einer Herzkrankheit zu sterben“.

Selbst der große Hoffnungsträger Vitamin D enttäuschte: Während sich in einem Cochrane-Review aus dem Jahr 2014 (56 eingeschlossenen Studien; 95,286 Teilnehmende) zumindest „einige Evidenz“ bezüglich der Senkung von Herzinfarkten und Schlaganfällen zeigte, konnte dieses Ergebnis in einer aktuellen, umfangreichen Metaanalyse von 2019 nicht bestätigt werden. Auch nach mehr als einem Jahr zusätzlicher Vitamin D Einnahme, veränderten sich das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall nicht.

Die Praxis – Glauben statt Wissen?!

Befragt man statista nach aktuellen (ab 2018) Erhebungen zu Umsatzverteilungen von Nahrungsergänzungsmitteln im deutschsprachigen Raum (Deutschland, Österreich, Schweiz), so erhält man die Information, dass laut IQVIA zumindest in Deutschland „rund 2,1 Milliarden Euro mit Nahrungsergänzungsmitteln umgesetzt wurden“. Dabei ist die Tendenz zu den Vorjahren steigend. Von den NEMs entfielen dabei 10 Prozent auf vermeintliche „Herz- und Kreislaufmittel“.

Die oben angeführten aktuellen Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass die aktuelle wissenschaftliche Evidenz den Konsum von NEMs, insbesondere von „Herz- und Kreislaufmitteln“, nicht überzeugend rechtfertigt. Deshalb investiere ich lieber (auch um meinen Neujahrsvorsätzen gerecht zu werden) in einen gesünderen Lebensstil mit mehr Bewegung, aber weniger tierischen Fetten und Zucker. Dieser unterstützt dann auf natürliche Weise meine Herzgesundheit – und kostet nicht einmal mehr.

Herzlichst,

Anja Dahten (Autorin)

Die richtige Wahl von Fetten und Kohlenhydraten – eine Herzensangelegenheit?

Adventzeit ist Kekszeit – die süßen Verführer gehören zur Vorweihnachtszeit einfach dazu. Doch sieht man sich die Zutatenliste von Vanillekipferl und Co näher an wird schnell klar: Da stecken jede Menge Fette und Kohlenhydrate drin. Was für unsere Geschmacksnerven ein ganz besonderes Erlebnis ist, tut unserer Gesundheit nicht unbedingt gut – besonders dem Herz-Kreislauf-System könnten die Zutaten schaden. Im vierten Teil unserer Blogserie „Ernährung und kardiovaskuläre Erkrankungen“ gehen wir der Frage nach, was die Evidenz zum Einfluss von Fetten und Kohlenhydraten auf die Herzgesundheit sagt. Mehrere Cochrane Reviews haben sich dieser Frage gewidmet, die wir in diesem vierten Beitrag zu unserer Blog-Serie zu „Ernährung und kardiovaskulären Erkrankungen“ vorstellen möchten.

Die meisten Ärzte und Ärztinnen sowie Ernährungsexperten und -expertinnen sind sich einig: Ungesättigte Fettsäuren aus Fisch oder Pflanzen sind gesünder als gesättigte Fettsäuren aus tierischen Quellen. Besonders dem Herz-Kreislauf-System soll es gut tun, wenn weniger Fleisch, Wurst und Milchprodukte am Speiseplan stehen. Auch Vollkornprodukte sollen unserer Herzgesundheit nützen.

Wenn es darum geht, Herzinfarkt und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu vermeiden, sind neben dem Verzicht aufs Rauchen und regelmäßiger Bewegung, gesunde Ernährung sowie die Vermeidung von Übergewicht wichtige Eckpfeiler.

Einen besonders schlechten Ruf in diesem Zusammenhang hat schon seit langem eine fettreiche Kost. Mittlerweile weiß man aber, dass es nicht notwendig ist, sich grundsätzlich fettarm zu ernähren, sondern dass es vielmehr auf die Fettart ankommt, die man zu sich nimmt.

Fett ≠ Fett

Prinzipiell können wir uns beim Kochen und Essen zwischen gesättigten und ungesättigten Fettsäuren entscheiden. Die gesättigten Fettsäuren finden sich vor allem in tierischen Produkten, wie in Fleisch, Butter und Schmalz sowie in fettreichen Milchprodukten. Als sogenannte versteckte Fette kommen diese aber auch in verarbeiteten Lebensmitteln wie Wurst, Süßwaren, Gebäck, frittierten Lebensmitteln und Fertigprodukten vor. Die gesättigten Fette haben den Ruf, bei dauerhaft überhöhtem Konsum dem Herz-Kreislauf-System zu schaden.

Ernährungsexperten und -expertinnen empfehlen daher, möglichst wenig gesättigte und dafür mehr von den, als gesünder geltenden, ungesättigten Fetten zu verzehren: Meeresfisch statt Fleisch, pflanzliche Öle, wie Olivenöl, Raps- oder Leinöl, statt Butter und Schmalz sowie Nüsse statt Chips. Wie dies beispielsweise in der mediterranen Ernährung der Fall ist.

Insbesondere die mehrfach ungesättigten Fettsäuren, Omega-3 und Omega-6, benötigt unser Körper. Diese sogenannten essentiellen, lebensnotwendigen Fettsäuren können vom Körper nicht selbst produziert werden und müssen daher über die Nahrung zugeführt werden. Zu den wichtigsten Omega-3-Fettsäuren zählen die Eicosapentaensäure (EPA), die Docosahexaensäure (DHA) und die Alpha-Linolensäure (ALA).

Während Fische wie Lachs, Makrelen, Heringe und Sardellen besonders viel von den Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA enthalten, findet sich ALA vor allem in bestimmten Pflanzenölen, wie Leinöl oder Walnußöl sowie in Nüssen und Samen.

Evidenz spricht für sparsamen Umgang mit tierischen gesättigten Fettsäuren

Ein Cochrane Review aus dem Jahr 2015 untersuchte, ob Personen, die ihren Konsum an gesättigten Fetten einschränken, weniger Gefahr laufen einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden bzw. ein reduziertes Sterberisiko hatten. Zu diesem Zweck fassten sie 15 Studien mit rund 59.000 erwachsenen Teilnehmern und Teilnehmerinnen zusammen. In den Studien waren sowohl gesunde Personen, als auch solche mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Die Personen wurden in den Studien nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe reduzierte die Aufnahme von gesättigten Fetten; entweder durch Ernährungsempfehlungen, oder durch Austausch von gesättigten Fetten durch ungesättigte Fette, Kohlenhydrate, und/oder Proteine, oder in Form einer speziellen Diät. Die andere Gruppe aß weiter wie bisher oder erhielt eine Schein-Diät. Diese Ernährungsumstellung wurde in den Studien für eine Dauer von 2 bis 8 Jahren durchgeführt. Nach durchschnittlich 4 Jahren waren jene Personen, die weniger gesättigte Fettsäuren zu sich genommen hatten, seltener von kardiovaskulären Ereignissen (z. B. Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzversagen, Herzrhythmusstörungen, Angina pectoris, Herzschwäche, periphere arterielle Verschlusskrankheit, Herzoperation) betroffen: Während in der gesättigten Fettsäure-Gruppe 83 von 1000 Teilnehmenden ein Ereignis traf, waren es in der Gruppe der ungesättigten Fettsäuren durchschnittlich 69 von 1000 Personen (also um 14 pro 1000 weniger). Dabei war bei jenen der Effekt am größten, die vor Studienbeginn am häufigsten zu gesättigten Fetten gegriffen hatten. Es ergaben sich auch Hinweise darauf, dass es eine Rolle spielen dürfte, durch welches Nahrungsmittel die gesättigten Fettsäuren ersetzt werden: so zeigte sich die größte Risikominimierung bei jenen Personen, die gesättigte durch mehrfach ungesättigte Fette ersetzt hatten. Wurden die gesättigten Fette durch Kohlehydrate oder Proteine ersetzt, zeigte sich kein positiver Gesundheitseffekt. Das Autorenteam konnte keinen Unterschied zwischen aktuell gesunden Personen, solchen mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Schlaganfall bzw. Personen die bereits erkrankt waren feststellen. Ebenso scheinen Männer und Frauen gleichermaßen von der Reduktion an gesättigten Fettsäuren zu profitieren. Auch die Dauer der Ernährungsumstellung beeinflusste das Ergebnis nicht. Keinen Einfluss hatte die Fettreduktion auf das Sterberisiko.

Eine Ernährung, die arm an gesättigten Fettsäuren ist, kann also das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken. Am geeignetsten scheint es gesättigte Fette durch ungesättigte Fette zu ersetzen. Ersatz durch Kohlenhydrate dürfte weniger sinnvoll sein.

Sind mehr ungesättigte Fettsäuren besser?

Da ungesättigte Fettsäuren scheinbar ein guter Ersatz für gesättigte Fette sind, scheint es nicht weit hergeholt zu sein, dass die Aufnahme von zusätzlich mehrfach ungesättigten Fettsäuren (Omega-3 und -6), ob in Kapselform oder über spezielle Nahrungsmittel, dem Herzen besonders gut tun könnten. Was sagt die Evidenz zu Omega-3-Fettsäuren und Herzgesundheit?

Der Gedanke, dass Omega-3-Fettsäuren eine schützende Wirkung auf Herz und Gefäße haben könnten, ist nicht neu: Bereits in den 1970er Jahren entdeckten Forscher und Forsche-rinnen, dass Ureinwohner in Grönland nur selten an Herz-Kreislauf-Erkrankungen litten. Einen möglichen Grund sahen die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in der fischreichen Ernährung der Ureinwohner und den darin enthaltenen großen Mengen an langkettigen Omega-3-Fettsäuren. Daher lag die Vermutung schon damals nahe, dass genau diese Fettsäuren eine Schutzwirkung auf Herz und Kreislauf haben könnten.

Aus diesen Überlegungen heraus empfehlen viele Fachleute Omega-3-Fettsäuren zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen einzunehmen. Ein Forschungsteam des Cochrane-Netzwerks wollte wissen, ob die angeblich schützende Wirkung von ungesättigten Omega- 3-Fettsäuren auch wissenschaftlich belegt ist. Das Team hinterfragte, ob die zusätzliche Aufnahme von Omega-3-Fettsäuren vor Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems (Herzinfarkt oder Schlaganfall) beziehungsweise dem Tod schützt. Die Ergebnisse dieser systematischen Übersichtsarbeit stellten bisherige Empfehlungen ziemlich auf den Kopf.

Zusätzliche Omega-3-Fettsäuren beeinflussen Herzgesundheit nicht

Das Autorenteam fasste die Ergebnisse von 79 randomisiert kontrollierten Studien mit mehr als 112.000 Teilnehmern und Teilnehmerinnen aus Europa, Asien, Nord-und Südamerika zusammen. In den meisten Untersuchungen schluckten die Personen in der Versuchsgruppe zusätzlich zu ihrer alltäglichen Ernährung Kapseln mit Omega-3-Fettsäuren oder sie nahmen die Fettsäuren vermehrt durch Öle oder gezielte Diät zu sich. Die Vergleichsgruppen führten ihre normale Ernährung weiter.

Es stellte sich heraus, dass jene Personen, die verstärkt Omega-3-Fette zu sich nahmen, ähnlich häufig Herz-Kreislauf-Ereignisse erlitten wie jene, die ihre gewohnte Ernährung fortsetzten. Als Herz-Kreislauf-Ereignis bezeichnete das Cochrane-Team u. a. Herzinfarkt, Angina Pectoris, Schlaganfall, Herzinsuffizienz, eine gestörte Durchblutung der Gliedmaßen (periphere arterielle Verschlusskrankheit), Herztod sowie Herzoperationen. Generell beeinflussten Omega-3-Fettsäuren weder das allgemeine Sterberisiko, noch das Risiko an den Folgen einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben. Die Qualität der Evidenz war moderat bis hoch. Dabei machte es kaum einen Unterschied ob es sich dabei um Omega-3-Fettsäuren aus Fi-schen oder pflanzlicher Herkunft handelte.

Die Autoren der Übersichtsarbeit konnten keine Studie aufspüren, die untersuchte, ob sich der Genuss von fettreichem Fisch positiv auf die Herzgesundheit auswirkt. Daher können Forscher diese Frage nicht beantworten.

Sie weisen allerdings darauf hin, dass es für den Körper nicht dasselbe ist, ob Fisch gegessen oder beispielsweise eine Kapsel mit einem Fischöl-Präparat eingenommen wird. Fisch enthält neben Omega-3-Fettsäuren jede Menge Mineralstoffe und Vitamine, die für eine ausgewogene Ernährung wichtig sind. Den Empfehlungen der Ernährungsgesellschaften Österreichs, Deutschlands und der Schweiz zufolge sollte Fisch ein- bis zweimal wöchentlich auf dem Teller landen.

Was sagt die Evidenz zu Omega-6-Fettsäuren und Herzgesundheit?

Auch Omega-6-Fettsäuren sind für uns lebensnotwendig und müssen über die Nahrung aufgenommen werden. Besonders unser Stoffwechsel aber auch Knochen, Haut und Haare brauchen diese Fettsäuren. Sie sind v. a. in pflanzlichen Ölen und Nüssen enthalten. Zu den Omega-6-Fettsäuren gehören Linolsäure (LA), Gamma-Linolensäure (GLA), Dihomogammalinolensäure (DGLA) und Arach-idonsäure (AA). Einerseits wird auch bei den Omega-6-Fettsäuren vermutet, dass diese positiv auf die Herz-Kreislauf-Gesundheit wirken. Andererseits befürchten manche Experten und Expertinnen, dass ein Zuviel an Omega-6-Fettsäuren dem Herz-Kreislauf-System schaden könnte.

Was es mit diesem Widerspruch auf sich hat wollte ein Cochrane-Team herausfinden. Sie wollten wissen, wie sich eine erhöhte Zufuhr von Omega-6-Fettsäuren im Vergleich zu einer niedrigen Zufuhr auf Herz-Kreislauf-Ereignisse, wie Herzinfarkt oder Schlaganfall, aber auch auf das Sterberisiko auswirken.

Das Autorenteam schloss 19 Studien mit insgesamt 6.461 Personen über 18 Jahre aus Europa, Nordamerika, Asien und Australien in die systematische Übersichtsarbeit ein. Sowohl gesunde, wie auch allgemein erkrankte sowie Personen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen waren zugelassen. In den Versuchsgruppen erhöhten die Personen die Einnahme von Omega‐6‐Fettsäuren, in den Vergleichsgruppen behielten die Personen ihren gewohnten Fettkonsum bei. Je nach Studie wurden die Personen über einen Zeitraum von einem bis zu acht Jahren beobachtet.

Es zeigte sich, dass eine erhöhte Zufuhr von Omgea-6-Fettsäuren kaum bzw. keinen Effekt auf Herz-Kreislauf-Ereignisse, wie beispielsweise Schlaganfall, Angina pectoris (Herzenge) oder das Sterberisiko hatte. Nur das Risiko für Herzinfarkte war in der Omega-6-Fettsäuren-Gruppen ein wenig geringer als in der Vergleichsgruppe: So erlitten in der Gruppe mit erhöhtem Omega-6-Konsum 135 von 1000 Personen einen Herzinfarkt, in der Gruppe mit dem gewohnten Fettkonsum waren es 154 von 1000. Die Qualität der Evidenz war jedoch niedrig. Aufgrund methodischer Schwächen der inkludierten Studien sind all diese Ergebnisse daher nicht gut abgesichert.

Schutz für‘s Herz durch Vollkornprodukte?

Immer wieder liest man auch, dass Menschen, die mehr Vollkornprodukte essen länger leben und damit einen guten Teil zur Gesundheit von Herz und Kreislauf beitragen sollen. Tatsächlich befürworten viele Experten Vollkorn-Lebensmittel, um das Herz-Kreislauf-System gesund zu erhalten.

Ein Cochrane Review aus dem Jahr 2017 fand allerdings heraus, dass diese These auf wackeligen Beinen steht und wissenschaftlich nicht gut abgesichert ist.

Die Autoren und Autorinnen der systematischen Übersichtsarbeit schauten sich an, wie sich Vollkornprodukte beziehungsweise Vollkorn-Diäten auf die Gesundheit von Herz und Gefäßen bzw. auf die Gesamtsterblichkeit auswirken. Vollkornlebensmittel umfassen eine Reihe von Produkten, darunter Vollkorn‐Weizen, ‐Reis, ‐Mais und ‐Hafer – aber auch gemahlene Vollkornprodukte wie Hafervollkornmehl und Weizenvollkornmehl fallen unter diesen Begriff. In ihrer Analyse interessierte sich das Forscherteam sowohl für gesunde Erwachsene, wie auch für solche mit einem erhöhten Risiko für oder bereits diagnostizierten Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Im Zuge einer systematischen Literatursuche identifizierten sie neun randomisiert-kontrollierte Studien mit insgesamt 1414 Teilnehmern und Teilnehmerinnen, im Alter von 24 bis 70 Jahren. Die Personen nahmen für die Dauer von mindestens 12 Wochen entweder Vollkorn-Lebensmittel oder zum Vergleich nur wenig Vollkorn bzw. raffiniertes Getreide zu sich.

Das Ergebnis war ernüchternd: Keine der identifizierten Studien untersuchte die Auswirkungen von Vollkorn auf Herz-Kreislauf-Ereignisse, wie beispielsweise Herzinfarkt, Angina pectoris oder Schlaganfall, oder auf die Sterblichkeit.

Die eingeschlossenen Studien lieferten Daten zu Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wie Blutfettwerte oder Blutdruck. Allerdings zeigte sich keine Wirkung der Vollkorn-Lebensmittel auf diese Risikofaktoren. Abgesehen von der Tatsache, dass die eingeschlossenen Studien zahlreiche methodische Mängel aufwiesen, war die Anzahl der teilnehmenden Personen meist klein. Zudem war die Studiendauer mit maximal 16 Wochen zu kurz um verlässliche Aussagen zu Wirksamkeit oder Unwirksamkeit treffen zu können. Es bräuchte einen wesentlich längeren Zeitrahmen, um die Auswirkungen so einer Ernährungsumstellung auf die Gesundheit beurteilen zu können. Somit bleibt aus wissenschaftlicher Sicht bislang offen, welche Auswirkungen Vollkornprodukte auf unsere Herz-Kreislauf-Gesundheit haben.

In Bezug auf Fettsäuren gilt: ungesättigt ist besser als gesättigt

Ernährung und die Entstehung von Krankheiten – insbesondere von Herz-Kreislauf-Erkrankungen – sind vom komplexen Zusammenspiel zahlreicher Faktoren geprägt. Neben der Ernährung mischen viele Risikofaktoren wie familiäre Vorbelastung, Rauchen, Diabetes mellitus, Bluthochdruck, zu wenig Bewegung usw. mit.

Festzuhalten bleibt: Ungesättigte Fettsäuren sind gesünder fürs Herz-Kreislaufsystem als gesättigte. Mit gesättigten Fettsäuren sollte man demnach sparsam umgehen. Ein Mehr an ungesättigten Omega-3 bzw. Omega-6-Fettsäuren z. B. mittels Kapseln oder Fischölen, zeigte aber kaum bzw. keinen Nutzen für die Herz-Kreislauf-Gesundheit. Ob wir unserem Herz-Kreislauf-System Gutes tun, wenn wir mehr Vollkornprodukte zu uns nehmen bleibt derzeit aber offen.

In unserem nächsten Blogbeitrag zu „Ernährung und kardiovaskuläre Erkrankungen“ nehmen wir die Auswirkungen von Vitaminen und Mineralstoffen unter die Lupe: Können Nahrungsergänzungsmittel unser Herz-Kreislauf-System vor Erkrankungen schützen?

Text: Dr. Claudia Christof

Literatur
[1] DGE (2015)
Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Evidenzbasierte Leitlinie Fettzufuhr und Prävention ausgewählter ernährungsmitbedingter Krankheiten. Abgerufen am 21.10.2019 unter: https://www.dge.de/fileadmin/public/doc/ws/ll-fett/v2/Gesamt-DGE-Leitlinie-Fett-2015.pdf
[2] DGE (2017)
DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR ERNÄHRUNG. Vollwertig essen und trinken nach den 10 Re-geln der DGE. Abgerufen am 21.10.2019 unter: www.dge.de/fileadmin/public/doc/fm/10-Regeln-der-DGE.pdf
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[4] UpToDate (2019)
Colditz, Healthy diet in adults. Abgerufen am 23.10.2019 unter: https://www.uptodate.com/contents/healthy-diet-in-adults/print?search=dietary-recommendations-for-&source=search_result&selectedTitle=3~150&usage_type=default&display_rank=3
[5] UpToDate (2019)
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[9] Hooper u.a. (2018)
Hooper L1, Al-Khudairy L, Abdelhamid AS, Rees K, Brainard JS, Brown TJ, Ajabnoor SM, O’Bri-en AT, Winstanley LE, Donaldson DH, Song F, Deane KH. Omega-6 fats for the primary and secondary prevention of cardiovascular disease. Cochrane Database Syst Rev. 2018 Jul 18;7:CD011094. doi: 10.1002/14651858.CD011094.pub3. https://www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD011094.pub4/full
[10] Kelly u.a. (2017) Kelly SA1, Hartley L, Loveman E, Colquitt JL, Jones HM, Al-Khudairy L, Clar C, Germanò R, Lunn HR, Frost G, Rees K. Whole grain cereals for the primary or secondary prevention of cardiovascular disease. Cochrane Database Syst Rev. 2017 Aug 24;8:CD005051. doi: 10.1002/14651858.CD005051.pub3. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6484378/.

Toastbrot, Reiswaffel, Cornflakes adé? Beugen Ernährungsformen mit einem niedrigen glykämischen Index kardiovaskulären Erkrankungen vor?

Der glykämische Index – ein Richtwert für den Anstieg des Blutzuckers durch die Nahrung – ist vor allem Diabetikern ein Begriff. Was sagt der glykämische Index von Lebensmittel aus und warum könnte er für die Entstehung von kardiovaskulären Erkrankungen relevant sein? Um diese Frage geht es in diesem dritten Artikel der Wissen Was Wirkt Serie „Ernährung und kardiovaskuläre Erkrankungen“.

Morgens schnell ein Toastbrot mit Marmelade, im Büro zwei Reiswaffeln und vor dem Mittag noch eine kleine Schale Cornflakes, weil plötzlich eine Heißhungerattacke kam. Der Blutzucker schwankt und die Bauchspeicheldrüse muss in den wenigen Stunden häufig arbeiten. Wieso? Die genannten Snacks sind kohlenhydratreich – sie enthalten also Zucker, der je nach Beschaffenheit des Nahrungsmittels unterschiedlich schnell ins Blut gelangt.

Was ist der glykämische Index?

Der glykämische Index (GI) ist ein Richtwert, der angibt, wie stark der Blutzuckerspiegel im menschlichen Körper nach dem Verzehr von kohlenhydratreichen Lebensmitteln ansteigt. Je höher der GI, desto stärker steigt der Blutzuckerspiegel an. Entsprechend der Zuckerkonzentration im Blut wird dann die Ausschüttung des körpereigenen Hormons Insulin angeregt, um den Zucker in die Zellen aufzunehmen. Der GI von 50g Glucose (100) gilt als der höchste Gl-Wert und somit als Referenzwert. Alle anderen Lebensmittel werden hinsichtlich ihrer Wirkung auf den Blutzucker zu diesem ins Verhältnis gesetzt. Der GI wird in niedrig (< 55), mittel (55-70) und hoch (70-100) eingeteilt. Das Toastbrot und die Cornflakes weisen mit einem GI von 73 und 81 jeweils einen hohen glykämischen Index auf (mehr Informationen).

Studien zeigen, dass eine Diät, die einen hohen GI aufweist, die Entstehung von Diabetes Typ 2 begünstigt, sowie entzündungsfördernd und gefäßschädigend wirken kann. Gefäßschädigungen und Diabetes Typ 2 sind wiederum mit einem erhöhten Risiko für die Arterienverkalkung (Arteriosklerose) und somit kardiovaskulären Erkrankungen assoziiert (mehr Informationen). Zudem wurde festgestellt, dass eine Diät mit einem geringen GI zu einer Senkung der LDL (Low Density Lipoprotein) und Cholesterinwerte im Blut führen kann.

Cochrane Evidenz zur Ernährung mit niedrigem GI und Herzgesundheit

In diesem aktualisierten Cochrane Review untersuchten die Autoren die Wirkung von Diäten mit niedrigem GI im Vergleich zu ähnlich zusammengesetzten Diäten mit höherem GI auf die Entstehung von kardiovaskulären Erkrankungen. Im Einzelnen wurde ebenfalls geprüft, ob sich Diäten mit hohem GI negativ auf den Cholesterinspiegel im Blut oder den Blutdruck auswirken, die ihrerseits das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen, wie z. B. Herzinfarkte und Schlaganfälle erhöhen.

Die Autoren schlossen insgesamt 21 randomisierte kontrollierte Studien ein, die bis Juli 2016 veröffentlicht wurden. Die Studien untersuchten jeweils erwachsene Studienteilnehmer zwischen 19 und 69 Jahren, die entweder gesund waren, ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen aufwiesen (Primärprävention) oder bereits unter einer kardiovaskulären Erkrankung litten (Sekundärprävention).

Mehrheitlich wurden in den Studien Teilnehmer betrachtet, die Risikofaktoren (Übergewicht, Adipositas oder erhöhte Blutfettwerte) für eine kardiovaskuläre Erkrankung aufwiesen. Studien wurden ausgeschlossen, sobald der Interventionszeitraum (Dauer der Studie) weniger als 12 Wochen betrug oder es sich um Patienten mit Diabetes Typ 2 handelte.

Bei den Interventionsgruppen wurden entweder Ernährungsberatungen durchgeführt oder es kam zur direkten Verschreibung einer GI-reduzierten Ernährung bzw. Anreichung GI-reduzierter Lebensmitteln. Dabei galt es darauf zu achten, dass sich die Diäten zwischen der Kontroll- und Interventionsgruppe nur bezüglich des GI unterschieden, sich jedoch hinsichtlich der Zusammensetzung an Kohlenhydraten, Proteinen und Fetten sowie des Energiegehalts ähnelten.

Um die Wirksamkeit der Ernährungsweise mit einem geringen GI messen zu können, wurden die Interventions- und Kontrollgruppen unter anderem hinsichtlich folgender Endpunkte vor und nach dem Interventionszeitraum untersucht.

• Primäre Endpunkte, wie zum Beispiel tödliche oder nicht-tödliche Vorfälle infolge eines klinischen Ereignisses wie Schlaganfall oder Herzinfarkt,
• Sekundäre Endpunkte, wie Veränderungen der Blutfette, des Blutdrucks oder des Körpergewichts.

Ergebnisse

Primäre Endpunkte
Keine der eingeschlossenen Studien untersuchte die Gruppen auf Unterschiede bezüglich der allgemeinen Sterberate (Mortalität), der Sterberate infolge einer kardiovaskulären Erkrankung (kardiovaskuläre Mortalität) oder klinischer Ereignisse (Schlaganfall, Herzinfarkt, Bypass) aufgrund der kardiovaskulären Erkrankung.

Sekundäre Endpunkte
Mit Blick auf die Blutfette (Gesamtcholesterin, LDL, HDL, Triglyceride), den Blutdruck, das Körpergewicht und den Body-Mass-Index konnten zwischen den Interventions- und Kontrollgruppen keine Unterschiede festgestellt werden.

Einstellung zu Ernährungsformen (Zufriedenheit, Appetit, Sättigung)
Fünf Studien berichteten Ergebnisse zu Ernährungsformen und zu Faktoren wie Zufriedenheit, Appetit und Sättigung. Nur eine dieser Studien berichtete ein geringeres Hungergefühl in der Interventionsgruppe.

Nebenwirkungen
In zwei Studien, welche über Nebenwirkungen berichteten, konnten keine schädlichen Wirkungen beobachtet werden.

Sind Ernährungsformen mit einem niedrigen glykämischen Index wirksam um kardiovaskuläre Erkrankungen vorzubeugen?

Insgesamt bleibt unklar, ob die Diät mit niedrigem GI eine positive Wirkung auf kardiovaskuläre Risikofaktoren hat oder kardiovaskulären Ereignissen vorbeugt. Zudem konnte das Bias-Risiko (Verzerrungspotential) für die Mehrzahl der eingeschlossenen randomisierten kontrollierten Studien aufgrund von fehlenden Informationen nicht festgestellt werden, sodass die Vertrauenswürdigkeit der Studienergebnisse eingeschränkt ist.

Text: Maren Fendt

Anmerkung: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.

Mediterrane Ernährung: herzhaft gesund?

Cochrane-Autoren nahmen sich diese Frage zu Herzen und untersuchten, ob eine mediterrane Ernährung kardiovaskulären Erkrankungen vorbeugen kann und ob sie einen positiven Einfluss auf bereits bestehende Herz-Kreislauf-Erkrankungen hat. Um ihre Ergebnisse geht es in diesem zweiten Artikel unserer Serie „Ernährung und kardiovaskuläre Erkrankungen“ auf Wissen Was Wirkt.

Unter „mediterraner Ernährung“ stellt sich jeder etwas anderes vor. Der eine träumt von Pizza, der andere von hausgemachter Pasta, der nächste denkt an frischen Fisch mit Gemüse. Die letzte Vorstellung kommt der ursprünglichen mediterranen Kost schon näher, denn in den 16 Ländern rund um das Mittelmeer wird ein vielfältiges Spektrum an unverarbeiteten Lebensmitteln verzehrt. So besteht die mediterrane Ernährung in der Regel aus viel frischem und saisonalem Obst und Gemüse, Fisch, Olivenöl, Getreide und Vollkornprodukten, Nüssen und Hülsenfrüchten.

Täglich werden größere Mengen an frischen Früchten verzehrt. Die Mengen an industriellem Zucker sind gering. So besteht der Nachtisch z. B. oft aus frischem Obst. Fisch und kaltgepresstes Olivenöl stellen die Hauptquellen für einfach und mehrfach ungesättigte Fettsäuren dar. Diese Fettsäuren beeinflussen unsere Blutfette vermutlich in einer positiven Weise und könnten somit das Herz schützen. Milch, Milchprodukte und rotes Fleisch – die einen höheren Anteil an gesättigten Fettsäuren liefern – werden im klassischen mediterranen Ernährungsmuster seltener konsumiert (siehe auch Ernährung und kardiovaskuläre Erkrankungen – eine neue Serie auf Wissen Was Wirkt). Darüber hinaus wird zu den Gerichten in den Mittags- und Abendstunden oftmals ein Glas Rotwein gereicht. (Details entnommen aus dem Cochrane Review).

Cochrane Evidenz zu mediterraner Ernährung und Herzgesundheit

Im Jahr 2019 untersuchten Cochrane Autoren, ob

• eine mediterrane Ernährungsweise das Entstehungsrisiko von kardiovaskulären Erkrankungen verringern (Primärprävention) oder
• eine bestehende kardiovaskuläre Erkrankung hinsichtlich ihrer Symptomatik und ihres Verlaufs positiv beeinflussen kann (Sekundärprävention).

In den Review schlossen die Autoren insgesamt 30 randomisierte kontrollierte Studien, und 7 noch laufende randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 12,461 Teilnehmern ein. Die eingeschlossenen Studien untersuchten jeweils erwachsene Studienteilnehmer, die entweder gesund waren, ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen aufwiesen oder bereits unter einer kardiovaskulären Erkrankung litten. Teilnehmer wurden nach dem Zufallsprinzip in eine von zwei Gruppen eingeteilt. In den sogenannten Interventionsgruppen fanden entweder Ernährungsberatungen statt oder es kam zur direkten Anreichung der Ernährung mit mediterranen Nahrungsmitteln, beispielsweise mit purem Olivenöl. Die Kontrollgruppen erhielten entweder eine andere oder gar keine Ernährungsintervention.
Interventions- und Kontrollgruppen wurden mit Blick auf folgende Indikatoren (Endpunkte) vor und nach dem Beobachtungszeitraum untersucht:

• Primäre Endpunkte, wie zum Beispiel tödliche oder nicht-tödliche Schlaganfälle oder Herzinfarkte
• Oder Sekundäre Endpunkte wie Blutfette oder Blutdruckveränderungen.

Um die Wirkung der mediterranen Ernährung differenzierter untersuchen zu können, wurden die Studien merkmalsspezifisch in vier verschiedene Kategorien eingeteilt:

Mediterrane Ernährung versus keine oder geringfügige Intervention

11 Studien mit 1337 Teilnehmern untersuchten mehrheitlich gesunde Menschen, die je nach Gruppeneinteilung entweder eine mediterrane Ernährung zu sich nahmen oder sich wie bisher ernährten. Die Studien liefen zwischen drei Monaten und zwei Jahren und wurden in den USA, Italien, Spanien, Griechenland, Australien, Norwegen, und Großbritannien durchgeführt.

Mit Blick auf die primären Indikatoren unterschieden sich die Gesamtergebnisse der Interventionsgruppen nicht von den Kontrollgruppen. Bei Betrachtung der sekundären Endpunkte waren Unterschiede zwischen den Gruppen bezüglich des durchschnittlichen Gesamtcholesterinwerts zu beobachten. Ebenso zeigten zwei Studien, dass der durchschnittliche Blutdruck bei der Interventionsgruppe deutlich geringer ausfiel. Laut zweier Studien war das Risiko, an Diabetes Mellitus vom Typ 2 zu erkranken in der Interventionsgruppe mit mediterraner Ernährung um 29 % reduziert.

Mediterrane Ernährung versus eine andere ernährungsbezogene Intervention zur Primärprävention

Für diesen Vergleich wurden 25 Studien mit 8687 Menschen, die mehrheitlich ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen aufwiesen, berücksichtigt. Der Interventionszeitraum variierte je nach Studie von drei Monaten bis zu fünf Jahren. Die Studien fanden in folgenden Ländern statt: Griechenland, Polen, China, Italien, Spanien, und den USA. Besonders wichtig war hier die spanische PREDIMED Studie mit 7447 Teilnehmern. Sie war auch die einzige Studie, die direkt kardiovaskuläre Endpunkte wie Herzinfarkt oder Schlaganfall betrachtete.

Die Studienteilnehmer der Interventionsgruppe hatten im Vergleich zur Kontrollgruppe ein um 40 % verringertes Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden. Darüber hinaus gab es Hinweise auf eine geringe Reduktion der Low Density Lipoproteine und weiterer Fettsäuren (Triglyzeride) bei der Interventionsgruppe.

Mediterrane Ernährung versus gewöhnliche Sekundärpräventionsmaßnahmen

706 Studienteilnehmer in 2 Studien wiesen vor dem jeweiligen Studienbeginn eine Herz-Kreislauferkrankung auf. Der Interventionszeitraum variierte von zwölf bis 46 Monaten und die Studien wurden in Deutschland und Frankreich durchgeführt. Hinsichtlich der Wirksamkeit der mediterranen Ernährung als Maßnahme zur Sekundärprävention, untersuchte nur die Lyon Diet Heart Studie mit 605 Teilnehmern klinische Endpunkte. Ihre Ergebnisse zeigten, dass das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden bei der Interventionsgruppe geringer ausfiel als bei der Kontrollgruppe. Zudem wurde beobachtet, dass in der Interventionsgruppe generell weniger Patienten in Folge einer Herzkreislauferkrankung verstarben als in der Kontrollgruppe.

Mediterrane Ernährung versus eine andere Ernährungsbezogene Intervention, zum Zweck der Sekundärprävention

1731 Studienteilnehmer in zehn Studien wiesen vor dem jeweiligen Studienbeginn eine Herz-Kreislauferkrankung auf, welche sich oftmals bereits symptomatisch oder in klinischen Ereignissen äußerte (Angina Pectoris, Herzinfarkt). Der Interventionszeitraum variierte von drei Monaten bis zwei Jahren. Die Studien stammten aus Australien, Brasilien und Indien. Zwei Studien mit insgesamt 1472 Teilnehmern zeigten Unterschiede zwischen den Gruppen in Bezug auf das Auftreten von Herzinfarkt ohne Todesfolge, Herzinfarkt mit Todesfolge und Sterblichkeit. Da die Studien von geringer Qualität waren, bzw. eine hohe Fehleranfälligkeit aufwiesen, sind diese Ergebnisse jedoch unter Vorbehalt zu betrachten.

Und was kam unterm Strich dabei heraus?

Trotz der anfangs großen Zahl an eingeschlossenen Studien bleibt die Wirksamkeit der mediterranen Ernährung als Maßnahme zur Primärprävention und Sekundärprävention weiterhin unklar. Überwiegend sind die Studien, die die vorbeugende Wirkung der mediterranen Ernährung untersuchten, von geringer (low) bis mittelmäßiger (moderate) Qualität, wodurch die Vertrauenswürdigkeit der Ergebnisse eingeschränkt ist. Hinsichtlich der Wirksamkeit der mediterranen Ernährung als Maßnahme zur Sekundärprävention können ebenfalls keine genauen Aussagen getroffen werden, da nur wenige Studien diese Fragestellung untersuchten – und deren Qualität als niedrig (low) oder sehr niedrig (very low) bewertet wurde.

Was bedeutet das in der Praxis?

Eine positive Wirkung der mediterranen Ernährung auf kardiovaskuläre Erkrankungen konnte in diesem Review nicht belegt werden. Unumstritten bleibt jedoch, dass sich eine ausgewogene Ernährung und regelmäßige Bewegung positiv auf unser Befinden und unsere Gesundheit auswirken. Da die klassische mediterrane Ernährung durch ihr breites Lebensmittelspektrum als ausgewogen gilt, spricht trotz der Ergebnisse sicher nichts dagegen, sich für einen gesunden Lebensstil an ihr zu orientieren.

Text: Maren Fendt

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.