Herbstzeitlose wächst aus belaubter Wiese

Neuer Job für uraltes Gichtmittel: Wie Colchicin bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen helfen kann

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Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind in Deutschland die häufigste Todesursachengruppe. Für den seit Langem bekannten Wirkstoff Colchicin, der aus der Herbstzeitlosen stammt, ergibt sich ein möglicher neuer Therapieansatz nicht aus der klassischen Industriepipeline, sondern aus nicht-industriefinanzierter Forschung: Nehmen Menschen mit arteriosklerotischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen nach einem kürzlich erlittenen Herzinfarkt zusätzlich zu ihrer Standardbehandlung niedrig dosiertes Colchicin ein, sinkt ihr Risiko, erneut einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall zu erleiden.

Die Herbstzeitlose ist eine kleine botanische Sonderlingin: Sie blüht im Herbst, ihre Blätter zeigt sie aber erst im Frühjahr. Aus dieser hübsch verspäteten Außenseiterin stammt Colchicin – ein Wirkstoff, der schon seit dem 5. Jahrhundert zur Behandlung akuter Gichtanfälle eingesetzt wird. Damit ist Colchicin einer der ältesten Wirkstoffe, die noch heute in der Medizin eingesetzt werden. Als Spindelgift stört es wichtige Strukturen in den Zellen, hemmt dadurch die Zellteilung und verringert zudem die Aktivität bestimmter Abwehrzellen des Körpers. Bei Gicht bedeutet das, dass Colchicin die Reaktion von Entzündungszellen auf Harnsäurekristalle abschwächt.

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Vorsicht, Verwechslungsgefahr!

Im Frühling hat Bärlauch Saison — doch unerfahrene Sammler sollten sich vor gefährlichen Doppelgängern hüten: Trotz des charakteristischen, knoblauchartigen Geruchs von Bärlauch werden regelmäßig im Frühling Vergiftungsfälle mit Herbstzeitlose und Maiglöckchen gemeldet. Da beide Pflanzen ebenfalls zur Gruppe der Einkeimblättrigen zählen, haben sie wie Bärlauch parallelnervige Blätter, die im Frühling vor der Blüte erscheinen. Deshalb gilt: Nur sammeln, was man sicher erkennt!

Chronisch-entzündliche Prozesse spielen auch bei arteriosklerotischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bei denen sich Arterien durch Plaque-Ablagerungen verhärten oder verengen, eine wichtige Rolle. Colchicin könnte in diese chronischen, niedriggradigen Entzündungsprozesse eingreifen und sie günstig beeinflussen.

In den vergangenen Jahren wurde Colchicin deshalb in größeren Studien für eine neue Anwendung untersucht: Senkt Colchicin bei Menschen mit koronarer Herzkrankheit (KHK) oder nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall das Risiko für weitere Herz-Kreislauf-Ereignisse?

Colchicin reduziert Herzinfarkte und Schlaganfälle

Ein im November 2025 veröffentlichter Cochrane Review wertete zwölf randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt knapp 23.000 Patientinnen und Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen aus. Etwa 80 % der Teilnehmenden waren Männer, das Durchschnittsalter lag zwischen 57 und 74 Jahren. Die Patientinnen und Patienten nahmen über mindestens sechs Monate niedrig dosiertes Colchicin ein, meist 0,5 mg einmal täglich. Dabei erhielt eine Hälfte Colchicin zusätzlich zur Standardtherapie, während die andere Hälfte nur die Standardtherapie sowie ein Placebo oder keine zusätzliche Behandlung bekam.

Das Ergebnis ist vielversprechend: Über einen Zeitraum von bis zu siebeneinhalb Jahren sank die Zahl der Herzinfarkte und Schlaganfälle durch das niedrig dosierte Colchicin: Pro 1.000 Behandelte traten neun Herzinfarkte weniger auf: 27 mit Colchicin statt 36 ohne Colchicin. Die Cochrane- Autor*innen schätzen die zwölf ausgewerteten Studien nach ihrem strengen GRADE-Bewertungssystem als methodisch so gut ein, dass sie die Vertrauenswürdigkeit dieser Ergebnisse als hoch einstufen. Bei Schlaganfällen sank die Zahl pro 1.000 Studienteilnehmer*innen von 22 ohne Colchicin auf 14 mit Colchicin. Colchicin verhinderte also im Studienzeitraum acht Schlaganfälle.

Ein großes „Aber“: Auf die Sterblichkeit hat Colchicin wahrscheinlich keinen Einfluss, und zwar weder auf die Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Ereignisse noch auf die Gesamtsterblichkeit. Auch bei der Frage, ob Colchicin spätere Eingriffe an den Herzkranzgefäßen verhindern kann, zeigt sich wahrscheinlich kein Vorteil. Zur Lebensqualität und zu Krankenhausaufenthalten lieferten die Studien keine Daten. Die Autor*innen betonen, dass weitere Studien mit längerer Laufzeit notwendig sind.

Die Dosis macht das Gift – mit wenig Spielraum

Was unerwünschte Wirkungen betrifft, gilt bei Colchicin besonders: „Die Dosis macht das Gift“. Der Review zeigt, dass Studienteilnehmende unter Colchicin häufiger an Magen-Darm-Beschwerden wie Durchfall und Übelkeit litten als jene, die keine Colchicin-Tablette erhielten. Diese unerwünschten Wirkungen waren in den Studien meist mild und klangen rasch ab. Bei der Häufigkeit schwerwiegender unerwünschter Wirkungen fanden die Cochrane-Autorinnen keine Unterschiede zwischen niedrig dosiertem Colchicin und alleiniger Standardtherapie. Allerdings stützt sich dieses Ergebnis nur auf vier Studien.

Bei Gicht wird Colchicin schon sehr lange und in höherer Dosis eingesetzt. Deshalb ist gut bekannt: Colchicin hat eine sehr geringe therapeutische Breite und schon eine leichte Überdosierung kann schwerwiegende Folgen haben. Neben Magen-Darm-Störungen, die von heftigem Durchfall und Erbrechen begleitet sein können, besteht die Gefahr von Störungen des Blutbildes. Daher muss Colchicin sehr genau dosiert werden. Besonders schwierig kann das bei Patientinnen und Patienten mit eingeschränkter Leber- oder Nierenfunktion sein. Wenn eine Einnahme vergessen wurde, darf beim nächsten Mal auf keinen Fall die doppelte Dosis eingenommen werden!

Im breiten Einsatz unter Alltagbedingungen besteht auch die Gefahr von Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, beispielsweise mit den Blutfett-senkenden Statinen, die für diese Patientengruppe zu den Standardmitteln gehören. Bei der Kombination „Colchicin und Statine“ kann es zu Muskelschmerzen bis hin zu schwerer Schädigung der Muskulatur kommen. Auch bei gleichzeitiger Anwendung von bestimmten Antibiotika (wie Clarithromycin, Erythromycin), Antimykotika sowie Verapamil besteht die Gefahr einer Vergiftung mit Colchicin.

Wie der alte Wirkstoff zur neuen Rolle kam

Ein Großteil der Studien wurde von akademischen Forschenden angestoßen und überwiegend öffentlich finanziert. Sie zeigen, dass klinische Forschung jenseits der klassischen Arzneimittelentwicklung alten Wirkstoffen neue Einsatzgebiete erschließen kann.

Seit März 2026 sind Tabletten mit 0,5 mg Colchicin (Colxi, Apontis Pharma) erstmals in Deutschland zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Ereignisse im Handel, zugelassen ausschließlich für KHK-Patient*innen mit kürzlich erlittenem Herzinfarkt zusätzlich zu Standardtherapien. Die Einnahme soll möglichst innerhalb von drei, spätestens 30 Tagen nach dem Herzinfarkt begonnen werden.

In Deutschland prüft der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), das zentrale Entscheidungsgremium der gesetzlichen Krankenversicherung, ob ein neues Arzneimittel gegenüber der bisherigen Standardbehandlung einen Zusatznutzen bietet. Im Fall von Colchicin wird derzeit geprüft, ob Colchicin für Patient*innen im Vergleich zur heute üblichen Therapie einen zusätzlichen Nutzen hat. Das Nutzenbewertungsverfahren beim G-BA wurde am 1. März 2026 gestartet; ein Beschluss wird für August 2026 erwartet.


Zur deutschen Kurzzusammenfassung des Reviews

Quellen

ANSM (französische Arzneimittelbehörde): Beurteilungsbericht MYINFLA, Stand März 2024; zu finden unter https://mri-production.cts-mrp.eu/

Ebrahimi F, Ebrahimi R, Beer M, Schönenberger CManuel, Ewald H, Briel M, Janiaud P, Hirt J, Hemkens LG. Colchicine for the secondary prevention of cardiovascular events. Cochrane Database of Systematic Reviews 2025, Issue 11. Art. No.: CD014808.

European Medicines Agency (EMA). Medicines for human use under evaluation. Applications for new human medicines under evaluation. Monthly lists- 2026. Verfügbar unter: https://www.ema.europa.eu/en/medicines/medicines-human-use-under-evaluation#monthly-lists-2026-72895 (abgerufen am 23.03.2026)

Fachinformation Colxi 0,5 mg Filmtabletten, Apontis Pharma, Stand: September 2025.

G-BA. Nutzenbewertungsverfahren zum Wirkstoff Colchicin (Bekannter Wirkstoff mit neuem Unterlagenschutz: zur Prophylaxe von ischämischen kardiovaskulären Ereignissen mit atherosklerotischer KHK nach Myokardinfarkt). Beginn des Verfahrens: 01.03.2026. https://www.g-ba.de/bewertungsverfahren/nutzenbewertung/1314/ (abgerufen am 23.03.2026)

Text: Dr. Birgit Schindler

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