„Wo ist das Wissen, das wir in der Information verloren haben?“ schrieb der Schriftsteller T. S. Eliot bereits 1934. Dabei kannte er die heutige Flut an Informationen noch gar nicht. Denn Informationen, gerade zur Gesundheit, sind heute überall: in der Arztpraxis, in Nachrichtensendungen, auf Behörden-Websites, in Podcasts, auf Instagram oder TikTok. Wer sich orientieren will, bekommt nicht zu wenig Information, sondern eher zu viel. Die wichtigere Frage lautet deshalb nicht: Wo finde ich etwas zu Gesundheit? Sondern: Wem glaube ich?
Die Studienlage deutet auf ein recht klares Muster hin: Besonders viel Vertrauen genießen medizinische Fachpersonen. Bei Wissenschafter*innen, staatlichen Stellen und Influencern ist das Bild differenzierter. Ein einfaches Beliebtheitsranking ist nicht machbar, die verfügbaren Studien sind teils veraltet und messen Vertrauen auf unterschiedliche Weise. (1)
Ärzt*innen und Pflegekräfte liegen vorn
Wenn Menschen angeben sollen, wem sie bei Gesundheitsfragen am ehesten vertrauen, landen Ärzt*innen und Pflegekräfte in großen Erhebungen regelmäßig ganz oben. Der Wellcome Global Monitor 2018 ist eine internationale Befragung auf Basis des Gallup World Poll. Er berichtet, dass weltweit 73 Prozent der Befragten einem Arzt oder einer Pflegekraft eher vertrauen würden als anderen Quellen für Ratschläge zur eigenen Gesundheit. 84 Prozent haben angegeben, dass sie medizinischem Rat von „medical workers“ wie Ärzt:innen und Pflegekräften grundsätzlich vertrauten. Bei Regierungen hingegen lag dieser Wert bei 76 Prozent. (1)
Das Grundvertrauen in medizinische Fachpersonen ist also hoch. Trotzdem lohnt ein genauer Blick auf die Quelle. Der Wellcome-Report fasst Ärzt:innen und Pflegekräfte gemeinsam als „doctor or nurse“ beziehungsweise „medical workers“ zusammen; Übersetzt könnte man also sagen, dass „medizinische Fachpersonen“ viel Vertrauen genießen. Aber: Die Daten stammen aus 2018, also aus der Zeit vor vielen Vertrauensdebatten der Pandemie-Jahre.
Wissenschaft wird vielfach geschätzt – aber anders
Auch die Wissenschaft steht in internationalen Befragungen keineswegs schlecht da. Eine internationale Studien in 68 Ländern mit über 70.000 Befragten kommt 2025 zu dem Ergebnis, dass in den meisten Ländern die Menschen Wissenschaftler*innen vertrauen. (2) Der Wellcome Global Monitor berichtet zusätzlich, dass weltweit insgesamt 72 Prozent der Befragten Wissenschaftler:innen vertrauen. Das widerspricht der oft zugespitzten Erzählung, das Vertrauen in Wissenschaft sei generell eingebrochen – zumindest zum Zeitpunkt der Datenerhebung (2022-2023). (2)
Vertrauen ist nicht gleich Vertrauen
Ärzt:innen und Pflegekräfte begegnen Menschen in persönlichen Gesprächen. Oft in Situationen, in denen es um eine unmittelbar sie betreffende Entscheidung geht. Wissenschaft wird dagegen meist indirekt erlebt – über Studienberichte, Medien, Pressekonferenzen oder politische Debatten. Das kann erklären, warum Wissenschaft insgesamt durchaus hohes gesellschaftliches Vertrauen genießt, aber in direkten Vergleichen mit Ärzt:innen oft etwas dahinterliegt. In einer US-Analyse aus dem Jahr 2024 lag das Vertrauen in Ärzt:innen bei 95 Prozent, in Wissenschaftler:innen bei 84 Prozent. Auch hier schnitten Ratschläge zur Gesundheit von der Regierung mit 70 Prozent schlechter ab. (3).
Vertrauen in staatliche Institutionen
Staatliche Stellen spielen bei Gesundheitsinformationen eine zentrale Rolle. Sie veröffentlichen Empfehlungen, reagieren auf Krisen und sollen Orientierung geben, wenn Unsicherheit groß ist. Gleichzeitig wirkt ihr Vertrauenskapital fragiler als das persönlicher Fachpersonen. Für Deutschland berichtet die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung), dass 2023 nur 36 Prozent hohes oder moderat hohes Vertrauen in die Bundesregierung äußerten. 39 Prozent hielten es für wahrscheinlich, dass die Regierung bei Entscheidungen die beste verfügbare Evidenz nutzt. Damit liegt Deutschland im Mittelfeld. Am besten war dieser Wert in der Schweiz (61,9%), am schlechtesten in Tschechien (18,5%). Die OECD-Befragung wurde im Oktober und November 2023 in 30 OECD-Ländern durchgeführt und ist für die erwachsene Bevölkerung repräsentativ angelegt. (4)
Warum Behörden anfälliger für Vertrauensverluste sein könnten, zeigt erneut die genannte US-Studie. Dort sank das Vertrauen in staatliche Gesundheitsbehörden deutlich, wenn Befragte den Eindruck hatten, Empfehlungen von Expert:innen änderten sich häufig oder widersprächen sich. Für Ärzt:innen zeigte sich ein solcher Zusammenhang weniger. Vertrauen entsteht nicht nur durch das, was kommuniziert wird, sondern auch wie konsistent und nachvollziehbar Unsicherheiten erklärt werden. (3)
Die OECD misst allgemeines Vertrauen in Regierung und Wahrnehmungen politischer Entscheidungsprozesse, nicht speziell Vertrauen in staatliche Gesundheitskommunikation. Die US-Studie hat zudem im Kontext von Vertrauen in Informationen zu Krebs befragt und bezieht sich – wer hätte es gedacht – eben auf die USA. Die beiden Ergebnisse können helfen, um Muster zu verstehen, beantworten aber nicht spezifisch, wie sehr Menschen in Deutschland heute einzelnen Gesundheitsbehörden vertrauen. (4)
Aus großer Reichweite folgt große Verantwortung?
Bei Influencern fällt der Befund differenziert aus. Wie groß Reichweite und Einfluss inzwischen sind, zeigt eine aktuelle österreichische Studie unter 15- bis 25-Jährigen: 83 Prozent geben an, Gesundheitsinhalte von Influencern zu sehen – und 78 Prozent vertrauen den gefolgten Influencern in Gesundheitsfragen. Mehr als die Hälfte gab zudem an, bereits Produkte auf Empfehlung von Influencern gekauft zu haben. Digitale Gesundheitskompetenz wirkte dagegen eher schützend gegenüber Influencer-Werbung (5).
Das spricht dafür, dass Influencer für viele junge Menschen nicht nur sichtbar sind, sondern tatsächlich Einstellungen und Verhalten prägen. Die österreichische Studie erfasste selbstberichtete Exposition, Vertrauen und Kaufverhalten. Sie liefert keinen direkten Vergleich mit klassischen Gesundheitsquellen wie Ärzt:innen, Wissenschaftler:innen oder staatlichen Stellen.
Hinzu kommt: Die Influencer-Forschung ist vergleichsweise jung. Viele Studien weisen eine insgesamt niedrige methodische Qualität (6) auf. Die verfügbare Evidenz erlaubt nur vorsichtigere Aussagen über stabiles, belastbares Vertrauen als bei medizinischen Fachpersonen oder – mit Einschränkungen – bei Wissenschaftler*innen.
Was der Vergleich zeigt – und was nicht
Menschen vertrauen bei Gesundheitsfragen besonders den Schnittstellen, wo Fachkompetenz mit persönlicher Nähe zusammenkommt. Das erklärt, warum Ärzt*innen und Pflegekräfte so oft vorn liegen. Wissenschaft genießt international ebenfalls beachtliches Vertrauen. Staatliche Stellen bleiben wichtig; ihre Glaubwürdigkeit ist aber stärker davon abhängig, Unsicherheit, Änderungen und Zielkonflikte transparent zu erklären. Influencer wiederum zeigen, dass Reichweite und Glaubwürdigkeit nicht automatisch dasselbe sind.
Trotzdem wäre es gewagt, aus den Umfrageergebnissen eine exakte Rangliste abzuleiten. Dafür unterscheiden sich die Studien zu stark: Sie stammen aus verschiedenen Jahren, Ländern und Designs. Sie vergleichen mal Personen, mal Institutionen, mal Informationsquellen. Und sie meinen mit „Vertrauen“ nicht immer dasselbe. Was sich festhalten lässt: Die fachliche Richtigkeit reicht meist nicht aus, um Vertrauen zu gewährleisten.
Aristoteles und die mangelnde Gewissheit
Letztlich spricht vieles für eine recht einfache Schlussfolgerung: Menschen vertrauen bei Gesundheitsfragen vor allem denjenigen, denen sie fachliche Kompetenz und persönliche Glaubwürdigkeit zugleich zuschreiben. Schon Aristoteles hat diesen Zusammenhang beschrieben: „Wir glauben guten Menschen bereitwilliger und umfassender als anderen; dies gilt allgemein bei jeder Frage, aber ganz besonders dort, wo keine absolute Gewissheit möglich ist und die Meinungen geteilt sind“ (Rhetorik, Buch I Kapitel II). Also gerade dort, wo sichere Gewissheit fehlt und unterschiedliche Einschätzungen nebeneinanderstehen, kommt es auf die Glaubwürdigkeit der sprechenden Person an. Für Gesundheitskommunikation heißt das: Gute Evidenz allein reicht nicht aus. Entscheidend ist auch, ob sie verständlich, konsistent und in einem vertrauenswürdigen Rahmen vermittelt wird.
Quellen
- Wellcome
- Nature
- PMC
- OECD
- https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1054139X2500415X
- ScienceDirect

Gastautor: Hilko Krey
Hilko Krey studiert Wissenschaftsjournalismus an der TU Dortmund. Mit der Nordsee im Herzen verbindet der gebürtige Ostfriese seine Begeisterung für Naturwissenschaften mit seinem Handwerk als freier Journalist. Als JONA-Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung widmet er sich der Aufgabe, komplexe Forschung verständlich als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit aufzubereiten.



