Musiktherapie für Demenzkranke

0
(0)

Kann eine Musiktherapie bei Menschen mit Demenz die Lebensqualität verbessern? Welche Hinweise es dazu aus Studien gibt, hat ein Cochrane Review untersucht.

Frau Helga Schmidt ist 88 Jahre alt, lebt in einem Pflegeheim und hat eine fortgeschrittene Demenz. Sie spricht kaum noch, wirkt oft verwirrt und zieht sich zunehmend zurück.

Eine Musiktherapeutin kommt regelmäßig zu ihr. Sie setzt sich neben Frau Schmidt, bringt eine Gitarre mit und singt Lieder aus ihrer Jugend – etwa Volkslieder oder alte Schlager. Schon bei den ersten Takten von „Im Märzen der Bauer…“ huscht ein Lächeln über Frau Schmidts Gesicht. Nach einigen Sitzungen summt sie leise mit, später singt sie einzelne Textpassagen mit. Obwohl sie im Alltag vieles vergisst, sind Lieder aus Kindheit und Jugend noch erstaunlich präsent. Sie wecken Erinnerungen, Emotionen und ein Gefühl von Vertrautheit.

Die Szene ist erfunden und dient der Illustration, wie Musik Menschen mit Demenz ansprechen könnte. Demenzkranke verlieren nach und nach den Zugang zu ihrem Gedächtnis, zu klaren Gedanken und zu den Routinen des Alltags. Vertraute Aufgaben fallen immer schwerer, Persönlichkeit und Verhalten können sich verändern. Viele Betroffene erleben Gefühle von Hilflosigkeit, Traurigkeit oder innerer Unruhe. Mit fortschreitender Erkrankung geht oft auch die Sprache verloren: Worte werden schwer verständlich, Gedanken lassen sich kaum noch ausdrücken. Erstaunlich stabil bleibt jedoch häufig das musikalische Gedächtnis. Das legt den Gedanken nahe, Musik auch therapeutisch einzusetzen.

Musik als therapeutischer Ansatz

Bei einer Musiktherapie nutzen speziell ausgebildete Fachpersonen Musik als therapeutisches Mittel – entweder durch Mitsingen, Mitklatschen, Tanzen oder gemeinsames Musizieren, zum Beispiel mit Trommeln, Rasseln oder Instrumenten, oder durch Zuhören.

Ein Cochrane Review hat erforscht: Hilft Musiktherapie Menschen mit Demenz, sich emotional besser zu fühlen? Und: Hat Musiktherapie einen positiven Einfluss auf Verhaltensprobleme wie Unruhe, Reizbarkeit oder aggressives Verhalten?

beenhere

Cochrane Review: Musik bei Demenz

– 30 kleinere Studien mit insgesamt 1720 Betroffenen
– Durchgeführt vor allem in Ländern mit hohem Einkommen, darunter mehrere europäische Staaten
– Überwiegend lebten die Studienteilnehmenden in Pflegeheimen
– Mindestens fünf Musiktherapie-Sitzungen, entweder einzeln oder als Gruppentherapie
– In fast allen Studien wurden aktive Elemente eingesetzt, etwa Singen oder Tanzen, ergänzt durch passive Bestandteile wie das Hören vertrauter Lieder

Was sagt die Forschung zu Musik bei Demenz?

Die Ergebnisse zeigen: In den Wochen nach einer Musiktherapie sind Menschen mit Demenz im Vergleich zur üblichen Versorgung wahrscheinlich etwas weniger traurig oder niedergeschlagen (9 Studien mit 441 Teilnehmenden). Für Unruhe und aggressives Verhalten lässt sich hingegen wahrscheinlich kein Unterschied feststellen (11 Studien mit 503 Teilnehmenden).

Wenn mehrere Verhaltensauffälligkeiten gemeinsam betrachtet werden – darunter Aggressivität, Reizbarkeit, Misstrauen, Teilnahmslosigkeit und Schlafprobleme – deuten die Ergebnisse darauf hin, dass sich diese allgemeinen Verhaltensprobleme ebenfalls am Ende der Therapie leicht verbessert haben (niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz, 10 kleine Studien mit insgesamt 385 Teilnehmenden). Unklar ist, ob die beobachteten Effekte länger anhalten oder sich verändern, wenn Musiktherapie weiter angeboten wird. Eine messbare Wirkung auf die Lebensqualität der Betroffenen wurde nicht festgestellt (4 Studien mit 154 Teilnehmenden); allerdings ist dieses Ergebnis wegen methodischer Probleme der Studien sehr unsicher.

Im Vergleich zu anderen Beschäftigungsangeboten wie Malen oder Puzzeln verbessert Musiktherapie möglicherweise das Sozialverhalten in den Wochen danach (4 Studien mit 84 Teilnehmenden). Einige Studien deuten darauf hin, dass sich auch die Ängstlichkeit kurzfristig verbessert. Bei anderen gesundheitlichen Aspekten zeigten sich hingegen keine Unterschiede zwischen Musiktherapie und anderen angebotenen Aktivitäten.

Zu möglichen unerwünschten Wirkungen gibt es bislang kaum verlässliche Daten. Nur wenige Studien berichteten über negative Effekte, etwa über Spannungen oder „Probleme in der Gruppe“.

Kurzfristige Aufhellung, offene Fragen zur Wirkung

Wahrscheinlich lindert eine Musiktherapie kurzfristig Niedergeschlagenheit und verbessert möglicherweise allgemeine Verhaltensprobleme . Für Unruhe und aggressives Verhalten zeigt sich dagegen wahrscheinlich kein Effekt. Ob Musiktherapie die Lebensqualität insgesamt steigert, ist nach derzeitigem Wissensstand unklar.


Zur laienverständliche Kurzzusammenfassung des Reviews

Zum Volltext des Reviews

Quelle

van der Steen JT, van der Wouden JC, Methley AM, Smaling HJ A, Vink AC, Bruinsma MS. Music‐based therapeutic interventions for people with dementia. Cochrane Database of Systematic Reviews 2025, Issue 3. Art. No.: CD003477. DOI: 10.1002/14651858.CD003477.pub5.

Text: Dr. Birgit Schindler

Wie gefällt Ihnen dieser Artikel?

Klicken Sie auf einen Stern, um den Artikel zu bewerten.

Durchschnittsbewertung: 0 / 5. Anzahl an Bewertungen: 0

Bisher keine Bewertungen. Seien Sie die/der Erste!

Wir freuen uns über Rückmeldung von Ihnen!

Schreiben Sie uns, was wir in Zukunft verbessern oder beibehalten sollten?

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Nach oben scrollen