„Wir müssen mehr voneinander lernen. Und ich habe heute mehr gelernt als ich dachte!“ Einer der Referenten brachte kurz und knapp auf den Punkt, was wohl viele der rund 80 Anwesenden bei unserem 4. Methodenforum am 19. Juni in Freiburg gedacht haben dürften. Denn die inhaltlich dichten Vorträge, die zahlreichen Rückfragen dazu, die intensiven Diskussionsrunden und Pausenunterhaltungen und das direkte Feedback der Teilnehmer*innen zeigten: Der Gesprächsbedarf und der Wunsch nach mehr Miteinander sind groß bei den verschiedenen Expertengruppen, die an medizinischer Forschung beteiligt sind.
Die Veranstaltung gliederte sich in drei Themenblöcke: Zunächst ging es um evidenzbasierte klinische Forschung, anschließend um verschiedene Aspekte von Evidenzsynthese und zum Schluss brachten unterschiedliche nationale Interessenvertreter ihre Perspektive auf das Thema ein.
„Wir haben eine Frage ganz bewusst in den Mittelpunkt bei unserem diesjährigen Methodenforum gestellt: Wie lassen sich Evidenzsynthese und klinische Forschung zusammen denken und besser verzahnen als bisher? Denn wir wollten die Fachleute dazu in den Austausch miteinander bringen“, sagte Prof. Dr. Jörg Meerpohl, wissenschaftlicher Vorstand von Cochrane Deutschland, nach dem Ende der überwiegend auf Englisch abgehaltenen Konferenz. „Und mein Eindruck ist: Das ist uns mit dieser Veranstaltung gut gelungen.“
Vortrag 1: Evidence-based Research – Aspiration & Reality

Im ersten Vortrag des Tages widmete sich Prof. Dr. Matthias Briel (Universität Basel) dem Thema „Evidence-based Research – Aspiration & Reality“ und erläuterte ein Grundprinzip der evidenzbasierten Medizin (EbM): Neue Forschung entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern sollte auf der bereits vorhandenen Evidenz aufbauen und im Kontext früherer Studien geplant, durchgeführt und interpretiert werden.
Briels Vortrag machte deutlich: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit besteht oft eine erhebliche Lücke. Zwar gilt seit Langem das Prinzip, dass neue Forschung auf bestehender Evidenz aufbauen sollte. Empirische Untersuchungen zeigen jedoch, dass Studien mitunter noch durchgeführt werden, obwohl bereits ausreichend Evidenz vorliegt, während wichtige Wissenslücken bestehen bleiben. Hinzu kommt eine seit Jahren bekannte Diskrepanz zwischen den Forschungsfragen von Wissenschaftler*innen und den Prioritäten von Patient*innen.
Neue Handreichung hilft klinisch Forschenden
Um diesem Problem zu begegnen, wurde 2018 das internationale Evidence-Based Research Network (EVBRES) ins Leben gerufen. Es verfolgt das Ziel, evidenzbasierte Forschung als wissenschaftlichen Standard zu etablieren und Forschende bei der Umsetzung entsprechender Prinzipien zu unterstützen.
Zudem wurde kürzlich die so genannte REVEAL-Guidance veröffentlicht: Eine Handreichung, die klinisch Forschenden eine praxisnahe, schrittweise Anleitung gibt, um bereits vorhandene Evidenz rasch zu identifizieren und bei der Studienplanung zu berücksichtigen. Auch sie könnte künftig dazu beitragen, dass neue Forschung besser begründet, relevanter und letztlich effizienter wird.
Vortrag 2: Core Outcome Sets for Evidence-Based Research

Dr. Sarah Gorst (Universität Liverpool) widmete sich bei unserem Methodenforum anschließend den „Core Outcome Sets for Evidence-Based Research“: Die Frage, welche Endpunkte in Studien gemessen werden sollten, gehört zu den zentralen methodischen Herausforderungen der evidenzbasierten Medizin. Core Outcome Sets (COS) sollen dazu beitragen, dass Studien zu derselben Erkrankung die gleichen relevanten Endpunkte erfassen und berichten. Dadurch werden Forschungsergebnisse besser vergleichbar und lassen sich leichter in systematischen Reviews zusammenführen. Ein COS bezeichnet eine zwischen relevanten Interessengruppen abgestimmte Mindestmenge an Endpunkten, die in allen klinischen Studien zu einem bestimmten Gesundheitsproblem erhoben und berichtet werden sollte.
Gorst machte deutlich, warum die Standardisierung von Endpunkten weit mehr ist als eine methodische Detailfrage. Studien zu derselben Erkrankung erfassen häufig unterschiedliche Endpunkte oder messen diese auf unterschiedliche Weise. Zudem werden nicht alle erhobenen Ergebnisse veröffentlicht. Gleichzeitig zeigen Untersuchungen, dass nur etwa die Hälfte der Endpunkte, die Patientinnen und Patienten als wichtig einstufen, überhaupt in Primärstudien berücksichtigt wird. Die Folge: Forschungsergebnisse sind schwer vergleichbar und beantworten nicht immer die Fragen, die für Betroffene tatsächlich relevant sind.
Daten nicht standardisiert? Nutzbarkeit eingeschränkt!

Wenn Patient*innnen an der Entwicklung von Core Outcome Sets beteiligt werden, finden Endpunkte, die für Betroffene im Alltag unmittelbar relevant sind, häufiger Eingang in die in festgelegten Kernendpunkte – etwa Lebensqualität, körperliche Funktionsfähigkeit, emotionales Wohlbefinden, soziale Teilhabe oder kognitive Einschränkungen. Dies unterstreicht: Betroffenen frühzeitig einzubinden ist wichtig, um die Forschung stärker an patientenrelevanten Fragestellungen auszurichten.
Besonders eindrücklich waren die vorgestellten Analysen aus Cochrane Reviews zur Augenheilkunde. Nur bei 35 % der Reviews konnten alle eingeschlossenen Studien in mindestens eine Meta-Analyse zu einem der untersuchten Endpunkte einbezogen werden. Damit blieb der Großteil der in den Studien erhobenen Daten für die Evidenzsynthese ungenutzt – ein eindrückliches Beispiel dafür, wie fehlende Standardisierung die Nutzbarkeit von Forschungsergebnissen einschränken kann.
Vortrag 3: The What, Why, and How of Patient and Public Involvement

Im Anschluss daran sprach Dr. Gary Hickey vom britischen „National Institute for Health and Care Research“ (Universität Southampton) über die Erfahrungen, die dort schon seit 20 Jahren mit der Beteiligung von Patient*innen und Bürger*innen gesammelt werden. Er plädierte dafür, dass Betroffene konsequent in alle Arbeitsschritte der klinischen Forschung einbezogen werden – vom Festlegen der Fragestellung einer neuen Studie bis hin zur Interpretation der Ergebnisse.
Praktische Tipps: Wie motiviert man Bürger*innen, sich einzubringen?
In seinem Vortrag mit dem Titel „The What, Why, and How of Patient and Public Involvement“ ging er auf bekannte Barrieren ein – wie zum Beispiel das Wissensgefälle zwischen Fachpersonen und Betroffenen. Hickey thematisierte ebenfalls, wie schwierig es ist, Diversität bezüglich Altersgruppen und Bildungshintergrund zu erreichen. Dabei berichtete Hickey beispielsweise, wie Menschen, die bisher keinen Zugang zu Forschungsthemen hatten, in Institute in ihrer Nähe eingeladen und so zur Mitwirkung motiviert wurden.
Zudem hatte er einige ganz praktische Tipps dazu parat, wie Patient*innen und Bürger*innen in Forschung eingebunden werden können: Stets darauf zu achten, dass respektvoll und in leicht verständlicher Sprache kommuniziert wird beispielsweise – oder Termine in Randzeiten zu legen, so dass Berufstätige sie überhaupt wahrnehmen können.
Vortrag 4: From Evidence to Execution: Collaborative Trial Design

Zum Abschluss des Vormittags beim Methodenforum sprachen Dr. Britta Lang (Universitätsklinikum Freiburg) und Dr. Alexander Supady (ebenfalls Universitätsklinikum Freiburg) zum Thema „From Evidence to Execution: Collaborative Trial Design“. Britta Lang zeigte, wie das Zentrum Klinische Studien (ZKS) des Universitätsklinikums Freiburg Forschende bei der Planung und Durchführung klinischer Studien unterstützt. Im Mittelpunkt stand in ihrem Beitrag die enge Zusammenarbeit zwischen klinischer und methodischer Expertise als Voraussetzung für hochwertige akademische Forschung.
Dabei machte Lang deutlich, unter welchen Rahmenbedingungen akademische Studien entstehen: Ärztinnen und Ärzte am Uniklinikum müssen Forschung häufig zusätzlich zur Patientenversorgung leisten, oft ohne speziell dafür vorgesehene Arbeitszeit. Gleichzeitig handelt es sich bei klinischen Studien um langfristige Vorhaben: Von der Entwicklung der Fragestellung bis zur Publikation vergehen nicht selten fünf Jahre oder mehr. Dies steht im Spannungsfeld zu akademischen Karrierewegen, die häufig kurzfristige Publikationserfolge belohnen.

Hinzu kommen umfangreiche regulatorische Anforderungen. Akademisch initiierte Studien müssen dieselben Vorgaben erfüllen wie industriegesponserte Studien – von Ethik- und Behördenanträgen über Datenschutz und Qualitätsmanagement bis hin zu Pharmakovigilanz und Audits. Im Vergleich zur Industrie stehen dafür an Kliniken jedoch meist deutlich weniger Personal und Geld zur Verfügung. Lang verdeutlichte damit, dass viele Qualitätsprobleme in der Forschung weniger auf fehlendes Wissen, sondern vielmehr auf strukturelle Rahmenbedingungen zurückzuführen sind.
Praxiseinblick: Wie funktioniert klinische Forschung im Alltag?

Einen besonders praxisnahen Einblick in die Realität klinischer Forschung gab anschließend der internistische Intensivmediziner und Oberarzt am Universitätsklinikum Freiburg Alexander Supady : Anhand der geplanten PRIME-Studie zur frühen Bauchlagerung von ECMO-behandelten Patient*innen mit schwerem akutem Lungenversagen zeigte er, wie komplex der Weg von einer klinischen Idee bis zum Start einer multizentrischen randomisierten Studie sein kann.
Die Studie soll untersuchen, ob eine frühe Bauchlagerung nach Beginn der ECMO-Therapie die Überlebenschancen dieser schwer kranken Menschen verbessert. Besonders eindrucksvoll war der dargestellte Zeitplan: Von der Entwicklung des Studienkonzepts über die Antragstellung bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG bis hin zum mehrstufigen Begutachtungsverfahren und der Förderzusage vergehen mehrere Jahre, ehe die ersten Patient*innen rekrutiert werden können.
Herausforderungen: Was macht das Forschen schwierig?

Supady machte zudem deutlich, wie viele Akteure an einer klinischen Studie beteiligt sind. Neben den klinisch Forschenden wirken Fachleute aus Statistik, Datenmanagement, Projektkoordination und Qualitätssicherung sowie Patientenvertreter*innen mit. Der Erfolg einer Studie hängt dabei davon ab, dass klinische Praxis, methodische Anforderungen, regulatorische Vorgaben und die verfügbaren Ressourcen kontinuierlich aufeinander abgestimmt werden.
Zu den größten Herausforderungen zählen nach Supadys Erfahrungen fehlende Freistellungen von klinischen Aufgaben, langwierige Genehmigungsprozesse, Ethikanträge und Vertragsverhandlungen mit den beteiligten Studienzentren. Erschwert wird die Studienplanung zudem durch krankheitsspezifische Besonderheiten. So können beispielsweise saisonale Schwankungen der Erkrankungshäufigkeit dazu führen, dass sich die Rekrutierung von Studienteilnehmenden deutlich langsamer gestaltet als erwartet.
Supadys Vortrag machte eindrucksvoll sichtbar, wie viel organisatorische und methodische Arbeit notwendig ist, bevor die eigentliche Studie startet.
Vortrag 5: „Implications for Research“ Statements in Systematic Reviews

Im zweiten Themenblock bei unserem Methodenforum fokussierte Dr. Waldemar Siemens (Universitätsklinikum Freiburg) auf die „Implications for Research Statements in Systematic Reviews“: Systematische Reviews sollen nicht nur vorhandene Evidenz zusammenfassen, sondern durch ihre „Implications for Research“-Hinweise auch Orientierung für zukünftige Forschung geben. Wie gut ihnen das gelingt, stand im Mittelpunkt von Siemens‘ Vortrag.
Zwar enthalten viele Reviews einen Abschnitt zu den „Implications for Research“ (IfR), in dem Empfehlungen für künftige Studien ausgesprochen werden. Das bloße Vorhandensein eines solchen Abschnitts bedeutet jedoch noch nicht, dass die Empfehlungen tatsächlich hilfreich sind.
Wie aussagekräftig sind Hinweise zu künftiger Forschung wirklich?
Anhand zweier Metaforschungsstudien zeigte Siemens, dass Hinweise für künftige Forschung in systematischen Reviews häufig vage bleiben. Formulierungen wie „Weitere Forschung ist erforderlich“ sind weit verbreitet, liefern jedoch kaum Hinweise darauf, welche Wissenslücken konkret geschlossen werden sollten. Empfehlungen beziehen sich meist auf Interventionen, Populationen oder Studiendesigns. Deutlich seltener wird präzisiert, welche patientenrelevanten Endpunkte untersucht oder welche methodischen Schwächen bestehender Studien künftig gezielt adressiert werden sollten.

Besonders bemerkenswert war die Beobachtung, dass die Konzepte des GRADE-Ansatzes bisher nicht systematisch für IfR berücksichtigt werden. Obwohl die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz häufig wegen Ungenauigkeit, indirekter Evidenz oder Verzerrungsrisiken herabgestuft wird, werden diese Unsicherheiten nur selten in konkrete Empfehlungen für zukünftige Forschung übersetzt.
Fester Bestandteil, aber erstaunlich wenig standardisiert
Die Konsequenzen sind potenziell weitreichend: Werden lediglich pauschale Forderungen nach weiterer Forschung formuliert, besteht die Gefahr, dass Fördermittel und Forschungsressourcen in Studien fließen, die nur begrenzt dazu beitragen, relevante Evidenzlücken zu schließen. Siemens betonte daher, dass die Verantwortung für hochwertige Hinweise zu künftiger Forschung nicht allein bei den Autor*innen systematischer Reviews liege. Auch Journaleditoren, Leitlinienentwickler, HTA-Agenturen und Förderorganisationen seien gefordert, die Formulierung konkreter und nutzbarer Forschungsempfehlungen zu unterstützen.
Der Vortrag machte deutlich, dass ein Bereich, der seit Jahren fester Bestandteil vieler Reviews ist, bislang erstaunlich wenig standardisiert wurde. Dabei könnten gut formulierte Forschungsimplikationen eine wichtige Brücke zwischen Evidenzsynthese und zukünftiger Forschung schlagen.
Vortrag 6: Implications for Research in HTA

Danach widmete sich Dr. Volker Vervölgyi aus dem Ressort „Arzneimittelbewertung“ des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in Köln den “Implications for Research in HTA”. Das IQWiG ist gesetzlich unter anderem damit beauftragt zu beurteilen , ob ein neues Arzneimittel gegenüber der bisherigen Standardbehandlung einen Zusatznutzen bietet.
Anhand mehrerer aktueller und jüngerer Nutzenbewertungen zeigte Vervölgyi: HTA-Bewertungen im Bereich Arzneimittel scheitern häufig daran, dass die Pharmahersteller keine direkten Vergleichsstudien mit bereits etablierten Therapien durchführen.
Vorhandene Studien oft nicht gut genug vergleichbar
Wenn aber direkte Vergleichsstudien zwischen verschiedenen Therapien fehlen, sind indirekte Vergleiche häufig die einzige Möglichkeit, überhaupt vergleichende Aussagen zur Wirksamkeit und Sicherheit verschiedener Behandlungsoptionen zu treffen. In der Praxis erweisen sich indirekte Vergleiche jedoch oft als nicht belastbar, weil sich die zugrunde liegenden Studien hinsichtlich ihrer Durchführung, Endpunktdefinitionen, Beobachtungszeiten oder Auswertungsmethoden unterscheiden. Sie sind damit nicht ausreichend gut vergleichbar.

Dies betrifft insbesondere patientenberichtete Endpunkte – die so genannten Patient-Reported Outcomes. Obwohl sie zunehmend erhoben werden, werden sie häufig nicht konsequent ausgewertet oder nicht über ausreichend lange Zeiträume erfasst. So endet die Datenerhebung oft mit dem Therapieabbruch oder dem Fortschreiten der Erkrankung. Für HTA-Entscheidungen sind jedoch gerade Informationen darüber wichtig, wie sich eine Therapie langfristig auf die Lebensqualität auswirkt und wie sie vertragen wird.
Wissenschaftliche Beratung zu HTA-Aspekten schon bei Planung einer Studie
Vervölgyi plädierte in seinem Vortrag daher dafür, dass Arzneimittelhersteller bereits bei der Planung ihrer Studien stärker berücksichtigen, welche Anforderungen erfüllt werden müssen, damit das IQWiG eine frühe Nutzenbewertung machen kann. Dazu gehören längere Beobachtungszeiträume, die konsequente Erfassung patientenberichteter Endpunkte auch nach Krankheitsprogression oder Therapieabbruch sowie eine Operationalisierung von Endpunkten, die Vergleiche zwischen verschiedenen Studien ermöglichen. Vervölgyi sprach sich dafür aus, wissenschaftliche Beratung bereits in der Planungsphase klinischer Studien stärker zu nutzen, um methodische Probleme frühzeitig zu vermeiden.
Vortrag 7: Living Evidence (Gap) Maps

Im Anschluss daran gaben zwei Referentinnen jeweils einen Einblick in eine besonders zeitnahe Form der Evidenzsynthese: Dr. Roses Parker (The Cochrane Collaboration, London) und Dr. Maria-Inti Metzendorf (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung). Zunächst stellte Parker den Teilnehmer*innen des Methodenforums ein neu entwickeltes Produkt von Cochrane vor: eine Living Evidence Gap Map. Diese „lebendige“, also laufend aktualisierte Übersichtskarte zeigt den Nutzer*innen systematisch an, welche Interventionen für welche Outcomes und Bevölkerungsgruppen untersucht wurden – und wo Forschungsbedarf besteht.
Als Pilotbeispiel hat das zuständige Cochrane-Team eine interaktive Gap Map zur Dengue-Prävention entwickelt. Die Karte lässt sich beispielsweise nach Studiendesign und Vertrauenswürdigkeit der Evidenz und Population (z.B. Kinder, Erwachsene) filtern – und liefert optische Orientierungshilfen: Randomisiert kontrollierte Studien etwa werden durch grüne Punkte dargestellt und nicht-randomisierte Studien durch gelbe. Je nachdem, wie viele Studien vorliegen, sind die gelben und grünen Punkte größer oder kleiner. So macht sie auf einen Blick sichtbar, wo wie viel von welcher Art Evidenz vorliegt – und wo Lücken in der Forschung sind.
Zusammenarbeit mit Expert*innen aus Brasilien
Man habe mit der Living Evidence Gap Map zur Dengue-Prävention nicht nur das Evidenzsynthese-Portfolio von Cochrane erweitern wollen, sondern dabei auch weitere Ziele verfolgt, sagte Parker: Um Stakeholder vor Ort intensiv und systematisch einzubinden, habe man bei der Entwicklung der Karte eng mit einer brasilianischen Nichtregierungsorganisation zusammengearbeitet, die wiederum etliche weitere Kontakte vor Ort hergestellt habe.

Ein weiteres Ziel: Künstliche Intelligenz für die Aktualisierung der Datenbasis zu nutzen. Bei der ersten Version der Karte kam KI allerdings noch nicht zum Einsatz – sondern der Goldstandard-Datensatz wurde von Menschen erarbeitet, um die KI für künftige Versionen zu trainieren und zu testen. „Die gute Nachricht ist: Durch diese Arbeit steht nun ein Goldstandard-Datensatz bereit, den wir die nächste Version der Gap Map nutzen“, so Parker. Das Ziel, die Karte innerhalb eines Jahres zu erstellen, hat das Team zwar nicht ganz erreicht – aber sie ist annähernd fertig und soll in den nächsten Tagen veröffentlicht werden.
Lebendige Übersichtskarte zu Klimawandel- und Gesundheitsforschung
Im Anschluss an Parker stellte Dr. Maria-Inti Metzendorf die Living Evidence Map des DESTINY-Projekts vor: ebenfalls eine „lebendige“ Übersichtskarte, die gerade entwickelt wird und die die weltweit rasant wachsende Literatur zu den Themen Klimawandel und Gesundheit mit Hilfe von KI-Tools zusammenfasst und zugänglich macht.

Die Abkürzung DESTINY stehe dabei für „Digital Evidence Synthesis Tool Innovation Yielding Improvements in Climate & Health“, so Metzendorf. Ziel der „lebendigen“ Übersichtskarte ist es, die globale Forschungsliteratur zu Klimawandel und Gesundheit systematisch zu kartieren und kontinuierlich aktuell zu halten. Auch diese Karte soll Forschungsschwerpunkte und Wissenslücken aufzeigen und Entscheidungsträger in Politik und Wissenschaft informieren. Speziell entwickelte KI-Tools sollen die Datenextraktion und die Generierung von Abstracts automatisieren.
Repository soll künftig erweitert werden
Die erste Version der Karte werde sich auf ein „Living Evidence Repository“ stützen, das auf der bibliografischen Datenbank OpenAlex basiere, erläuterte Metzendorf. Für spätere Versionen ist angedacht, auch Einträge aus Studienregistern, Berichte von Nichtregierungsorganisationen und Regierungen sowie klinische Leitlinien und Leitlinien für Public Health in das Repository einfließen zu lassen.
Vortrag 8: Working Together for Better Evidence: Collaborative and Prospectives Approaches to Evidence Synthesis

Danach stellte Prof. Dr. Anna Lene Seidler (Universitätsmedizin Rostock) ihren Vortrag unter das Motto “Working Together for Better Evidence: Collaborative and Prospective Approaches to Evidence Synthesis”. Sie illustrierte anhand empirischer Daten zur klinischen Forschung zu COVID-19 die Probleme, mit denen die Erstellung klassischer Evidenzsynthesen behaftet ist und die letztlich zur Verschwendung wertvoller Ressourcen für die Forschung führen.
Dabei nannte sie vor allem das selektive Berichten von Studienergebnissen (z.B. nur für bestimmte Endpunkte), den eingeschränkten Informationsgehalt von bereits analysierten Studiendaten in Publikationen und die oft eklatanten Unterschiede in der Methodik von Studien, mit denen ein und dieselbe Fragestellung beantwortet werden soll.
Seidler skizzierte als Lösungsansatz, wie Forschende durch sogenannte „prospektive Metaanalysen“ und die Verwendung der individuellen (statt wie üblich aggregierten) Studiendaten besser zusammenarbeiten können.
Kooperation bei Studien zur Übergewichtsprävention bei Kindern

Sie präsentierte Beispiele von erfolgreichen internationalen Konsortien, in denen durch diese innovativen Ansätze die Qualität der klinischen Studien verbessert und die Umsetzung ihrer Ergebnisse in der klinischen Praxis beschleunigt werden konnte: So arbeiteten vier Forschergruppen im Bereich der Prävention von Übergewicht im Kindesalter schon während der Laufzeit ihrer randomisierten Studien in einem Konsortium namens „Early Prevention of Obesity in Childhood“ (EPOCH) zusammen. Sie verständigten sich in einem gemeinsamen Protokoll darauf, die fortlaufend gesammelten Studiendaten in einer prospektiven Metaanalyse zu kombinieren. Aber Seidler stellte auch klar: Auf diesem Weg liegen einige Hürden – etwa der meist schwierige Zugang zu Studiendaten durch Dritte. Dieses so genannten „Data Sharing“ konnte trotz vieler Anstrengungen in der deutschen Forschungslandschaft bislang noch nicht flächendeckend umgesetzt werden.
Vortrag 9: Commission for Evidence Synthesis to Research: The Role of GRADE

Im Anschluss führte Prof. Dr. Dr. Holger Schünemann (Humanitas Universität Mailand) als Vorsitzender der GRADE Working Group, das „Implications for Research“-Thema weiter aus. GRADE als methodisches Rahmenwerk zur Bewertung der Vertrauenswürdigkeit von Evidenz hat sich mittlerweile zu einem maßgeblichen Standard bei der Leitlinienerstellung entwickelt. Schünemanns Vortrag beim Methodenforum hatte den Titel „Commission for Evidence Synthesis to Research: The Role of GRADE“. Er berichtete von der laufenden Arbeit einer Projektgruppe, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Empfehlungen für zukünftige Forschung zu einer Fragestellung basierend auf dem GRADE-Ansatz weiter zu verbessern. Dazu soll der Informationsgehalt der umfangreichen Evidenzbewertungen mittels GRADE besser genutzt werden.

Schünemann machte deutlich: Die bisherigen Beschreibungen von Evidenzlücken und die Formulierung von Empfehlungen für künftige Forschung in Evidenzsynthesen könnten besser strukturiert werden. Dafür schlägt die Gruppe vor, eine neue Art standardisierter Tabellen einzuführen: die so genannten „Summary of Implications for Research (SOIR) Tables“.
Diese Tabellen enthalten in übersichtlicher Form Angaben zu bestehenden Forschungslücken sowie Empfehlungen für künftige Forschung. Je nach Informationsbedarf der Nutzer*innen können sie unterschiedlich umfangreich und detailliert ausfallen; Schünemann stellte dazu drei verschiedene Beispiele vor. Diese Neuerung, so Schünemann, könnte den Informationsfluss zwischen Erstellerinnen von Evidenzsynthesen und Leitlinien, die den GRADE-Ansatz verwenden, und der klinischen Forschung, in der neue Evidenz generiert wird, deutlich verbessern.
Vortrag 10: „Rolle von Evidenz in Ethikkommissionen“

Im letzten Themenblock bei unserem Methodenforum ging Prof. Dr. Georg Schmidt (Vorsitzender der Ethikkommission der TU München und des Arbeitskreises Medizinischer Ethikkommissionen in Deutschland) der Frage nach: Welche Rolle spielt Evidenz in Ethikkommissionen? Sie sei zentral für deren Arbeit, sagte Schmidt, weil ohne Evidenz weder die Risiken noch der Erkenntnisgewinn einer geplanten Studie abgeschätzt werden könnten. Dann nahm er eine strukturelle Besonderheit der Arbeit von Ethikkommissionen in den Blick: Sie urteilen über Forschungsvorhaben am Menschen nämlich zu einem Zeitpunkt, zu dem noch keine belastbare, sondern nur vorläufige Evidenz vorliegt. Weil sie früh im Forschungsprozess ein Votum über eine geplante Studie abgeben müssen, stützen sie sich auf präklinische Daten, erste klinische Erfahrungen und biologische Plausibilität – und nehmen dabei erhebliche Unsicherheiten in Kauf.
Wann ist Forschung am Menschen ethisch nicht vertretbar?
Schmidt führte zudem aus, inwiefern die Evidenzbasiertheit einer geplanten Studie bedeutsam ist für Entscheidungen der Ethikkommissionen. Forschung am Menschen ist nämlich unter anderem dann ethisch nicht vertretbar und eine Studie dementsprechend nicht gerechtfertigt, wenn die Forschungsfrage bereits beantwortet sei, es keine wirklich relevante Wissenslücke gebe, vorhandenes Wissen ignoriert werde oder die geplante Studie die Forschungsfrage wegen ihres Designs gar nicht beantworten könne.
Schmidts Vortrag machte deutlich: Ethikkommissionen prüfen all diese Punkte, bevor sie ihr Votum abgeben – und tragen so dazu bei, dass neue Studien auf Basis vorliegender Evidenz begründet werden und eine valide Methodik und Qualität als Voraussetzung für die Genehmigung aufweisen.
Vortrag 11: Erprobungsstudien des G-BA

Im Anschluss daran widmete sich Dipl. Pol. MPH Daniel Reuter (Gemeinsamer Bundesausschuss G-BA) einem vergleichsweise wenig bekannten Aufgabenbereich des G-BA: der Generierung neuer Evidenz. Denn der G-BA bewertet nicht nur vorhandene Evidenz, sondern kann seit einer Gesetzesänderung 2012 unter bestimmten Voraussetzungen auch so genannte Erprobungsstudien initiieren.
Sie sollen offene Fragen zum Nutzen neuer Untersuchungs- und Behandlungsmethoden klären, wenn keine ausreichende Evidenz vorliegt, die Methode jedoch ein relevantes Potenzial erkennen lässt. Die Ergebnisse dienen anschließend als Grundlage für Entscheidungen über die Erstattungsfähigkeit in der gesetzlichen Krankenversicherung.
Unterschiedlichste medizinische Verfahren werden erprobt

Derzeit befinden sich 18 Studien in unterschiedlichen Stadien der Planung oder Durchführung. Ein Beispiel für eine kürzlich abgeschlossene Erprobungsstudie ist die LIPLEG-Studie zur Liposuktion beim Lipödem.
Die Bandbreite der untersuchten Verfahren reicht von Behandlungen bei Herzinsuffizienz (pulmonalarterieller Sensor), COPD (High-Flow-Sauerstofftherapie) und Reflux (magnetischer Ösophagussphinkter) über diagnostische Verfahren bei Demenz (Amyloid-PET-Bildgebung) bis hin zu chirurgischen, physikalischen und medizintechnischen Interventionen in der Urologie, Gynäkologie, Orthopädie und Augenheilkunde. Die meisten Fragestellungen werden dabei in randomisierten kontrollierten Studien untersucht.
Der Zufall spielt mit bei der Auswahl der Verfahren
Gleichzeitig machte Reuter deutlich, dass das Verfahren mit erheblichen Herausforderungen verbunden ist – etwa stark formalisierten, zeitaufwändigen Prozessen und Schwierigkeiten bei der Rekrutierung von Studienteilnehmer*innen.
Dieser letzte Vortrag beim Methodenforum zeigte, dass der G-BA eine aktive Rolle übernehmen kann, um Evidenzlücken zu schließen. Die Erprobungsstudien folgen dabei jedoch keiner übergeordneten Forschungsagenda – sondern untersuchen mehr oder weniger zufällig all jene Methoden, bei denen die vorhandene Evidenz für eine abschließende Bewertung nicht ausreicht und die im Rahmen des Verfahrens an den G-BA herangetragen werden.
Was auch in Zukunft zählt: Engagement und enge Zusammenarbeit

Und die Bilanz nach rund zehn Stunden Vorträgen, Gesprächen und intensivem Austausch zwischen den Vertretern aus Evidenzsynthese, klinischer Forschung, Health Technology Assessment und Ethikkommissionen? „Unser Methodenforum hat eines sehr deutlich gemacht“, sagte Prof. Dr. Jörg Meerpohl, wissenschaftlicher Direktor von Cochrane Deutschland. „Wenn jeder von uns die Arbeitsabläufe, Rahmenbedingungen, Herausforderungen und Bedarfe der anderen Beteiligten besser versteht, dann können wir die Forschung zu medizinischen und gesundheitlichen Fragen und die daraus entstehende Evidenz gemeinsam verbessern. Und damit die Versorgung der Patientinnen verbessern – und das ist ja letztlich unser gemeinsames Ziel.“
Claudia Breuer, Meerpohls Stellvertreterin und für die Programmplanung des Methodenforums zuständig, ergänzte:
„Während der Veranstaltung ist es immer wieder angeklungen: Wenn klinische Studien und Evidenzsynthesen besser ineinandergreifen, wird unnötige Forschung vermieden und die Forschungsergebnisse kommen schneller bei den Patientinnen an. Es gibt bereits positive Beispiele, aber bisher zu wenige gemeinsame Initiativen in diesem Bereich. Um die Situation weiter zu verbessern, wird es auch in Zukunft sowohl Engagement als auch enge Zusammenarbeit verschiedener Gruppen, beispielsweise von Forschenden und Review-Autorinnen, Förderorganisationen und Ethikkommissionen brauchen.“

Dieser Text stammt von Dr. Birgit Schindler, Dr. Erik von Elm und Mirjam Mischke-Stöckel, allesamt Mitarbeiter im Team „Wissenstransfer“ bei der Cochrane Deutschland Stiftung.



