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Von Senior*innen mit Mangelernährung im Krankenhaus, einer Netzwerk-Metaanalyse mit Primärdaten und Spätschichten am Schreibtisch: Cochrane-Autorin Eva Kiesswetter im Gespräch über ihren neuen Review

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Individuelle Patient*innendaten zu verwenden, gilt methodisch als besonders sauber, bedeutet aber auch einen enormen Aufwand: Dr. Eva Kiesswetter, Ernährungswissenschaftlerin am Institut für Evidenz in der Medizin am Universitätsklinikum Freiburg, hat genau das in der Netzwerk-Metaanalyse ihres neuen Cochrane Review getan – und wollte herausfinden: Welche der vielen verschiedenen ernährungstherapeutischen Maßnahmen helfen eigentlich, wenn mangelernährte oder von Mangelernährung bedrohte ältere Menschen stationär ins Krankenhaus aufgenommen werden – etwa, weil sie Herzprobleme oder einen gebrochenen Oberschenkelhalsknochen haben?

mehr zu PD Dr. Eva Kiesswetter

Eva Kiesswetter ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Evidenz in der Medizin am Universitätsklinikum Freiburg.

  • Forschungsschwerpunkte: Ernährungsverhalten, Mangelernährung und Adipositas im Alter, Evidenzsynthesen zu ernährungswissenschaftlichen und ernährungsmedizinischen Themen

Fun Fact: Ihr Lieblingsessen ist Pasta in allen Variationen.

Weitere berufliche Stationen:

  • 2024: Habilitation in Experimenteller Medizin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen Nürnberg
  • 2014 – 2021: Postdoktorandin am Institut für Biomedizin des Alterns, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen Nürnberg
  • 2017-2018: Gastwissenschaftlerin am Department of Health Sciences, Section Nutrition & Health, Vrije Universiteit Amsterdam, Niederlande
  • 2014: Promotion (Dr. rer. biol. hum.)
  • 2009 – 2014: Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Institut für Biomedizin des Alterns, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Zu Eva Kiesswetters Publikationen

Mangelernährung ist nämlich ein Risikofaktor, der den Behandlungserfolg durchaus gefährden kann – der aber längst nicht immer ausreichend berücksichtigt wird.  Fachgesellschaften und Expert*innen weisen seit Jahren darauf hin, dass Mangelernährung im Krankenhaus oft zu spät erkannt wird. Nun laufen gerade die Vorbereitungen für ein systematisches Screening aller Patient*innen, die stationär in Kliniken in Deutschland aufgenommen werden.

Wir haben mit Eva Kiesswetter über die außergewöhnlich aufwändige Methodik ihres Reviews gesprochen, über aufgeriebene Nerven und die politische Bedeutung ihres Themas – und wir haben sie gefragt, wie man Mangelernährung bei älteren Menschen erkennen kann und was man dann sinnvollerweise tut.

Aber eins nach dem anderen. Erstmal die Ergebnisse des Reviews, kurz zusammengefasst:   

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Das Forschungsteam um Eva Kiesswetter hat 21 Studien mit insgesamt 3309 älteren Krankenhauspatient*innen ausgewertet. Die Teilnehmenden waren im Durchschnitt zwischen 75 und 85 Jahre alt und galten als mangelernährt oder von Mangelernährung bedroht.

Untersucht wurden ausschließlich Ernährungsmaßnahmen, die über den Mund erfolgen – also keine Ernährung über Sonden oder Infusionen.

Verglichen wurden unter anderem:

  • speziell zusammengesetzte medizinische Ernährungsprodukte in flüssiger oder fester Form, (rechtlich als „Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke“ definiert) meist in Form von Trinknahrung
  • eiweißreiche Zusatzprodukte oder eiweißangereicherte Speisen 
  • kalorienreiche Nahrungsergänzungen
  • individuelle Unterstützung bei den Mahlzeiten
  • umfassende individuelle Ernährungstherapien

Die zentrale Erkenntnis: Medizinische Ernährungsprodukte (meist Trinknahrung) statt der Standardversorgung senken möglicherweise das Sterberisiko und das Risiko für schwerwiegende Komplikationen innerhalb von einem Monat bzw. bis zur Entlassung. Für die anderen untersuchten Ernährungsansätze hingegen zeigten sich keine klaren Unterschiede zur Standardversorgung oder die Datenlage war zu schlecht, um belastbare Aussagen ableiten zu können.

Das Besondere an Kiesswetters Review war die Methodik: Die Forschenden führten eine sogenannte Netzwerk-Metaanalyse durch und werteten dafür – soweit verfügbar – individuelle Daten der Patient*innen aus den Originalstudien aus. Eine Netzwerk-Metaanalyse ist eine Erweiterung der herkömmlichen (paarweisen) Metaanalyse, sie kann mehrere Interventionen gleichzeitig vergleichen.

Den Review in voller Länge gibt es hier nachzulesen, eine deutsche Kurzzusammenfassung in einfacher Sprache hier – und unsere Pressemitteilung hier.

Frau Kiesswetter, wie sind Sie eigentlich auf die Idee gekommen, genau das Thema zu bearbeiten? Warum ältere, multimorbide Menschen?

Die Projektidee gab es tatsächlich schon, bevor ich ans Institut gekommen bin. Ich hatte dann das Glück, dass ich Projektkoordinatorin werden konnte. Das Thema Mangelernährung im Alter begleitet mich aber schon länger. Ich halte es für höchst relevant, weil es so weit verbreitet ist und teils schwerwiegende Folgen hat. Beobachtungsstudien beschreiben nämlich, dass Krankenhausbehandlungen bei älteren Patient*innen mit Mangelernährung zu mehr Komplikationen und einem schlechteren Behandlungsergebnis führen als bei Menschen, deren Ernährungszustand normal ist.

Warum ist die Frage, wie sich Mangelernährung am besten behandeln lässt, gerade jetzt so relevant?

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Die Politik hat vor kurzem beschlossen, dass Krankenhäuser ab 2027 Patient*innen, die stationär aufgenommen werden, systematisch auf Mangelernährung screenen müssen. Gerade werden die Qualitätsvorgaben dafür entwickelt. Schon 2006 hat die German Hospital Malnutrition Studie gezeigt, dass 56 Prozent aller Patient*innen auf geriatrischen Stationen betroffen sind. Dass die Politik das Thema jetzt angeht, ist ein wichtiges Zeichen. Wenn eine drohende oder eine bestehende Mangelernährung früh erkannt wird, kann man rechtzeitig gegensteuern.

Und mit welcher der Maßnahmen, die Sie in Ihrem Review untersucht haben, klappt das Gegensteuern besonders gut, welche hilft am besten?

Wir haben in unserem Review herausgefunden, dass spezielle Trinknahrung im Vergleich zu Standardernährung möglicherweise das Risiko senkt, schwerwiegende Komplikationen zu erleiden oder gar zu sterben. Allerdings konnten wir mit unserer Netzwerk-Metaanalyse leider nicht herausfinden, welche der untersuchten Maßnahmen besser wirkt als eine andere. Denn für viele Vergleiche – besonders zwischen den unterschiedlichen Interventionen – standen zu wenige Studien zur Verfügung.

Können Sie denn aus Ihrem Review etwas dazu ableiten, welche Ernährungsinterventionen künftig vorrangig untersucht werden sollten?

Da das Vertrauen in die Evidenz für meisten Vergleiche niedrig bis sehr niedrig war und die Vergleiche häufig auf wenigen und kleinen Studien basierten, ist es schwierig, einzelne Interventionen herauszugreifen. Ich denke aber, dass umfangreiche, individualisierte und pragmatische Ansätze, wie sie in der Schweizer EFFORT-Studie zu individualisierten Ernährungsansätzen untersucht wurden, aufgrund der unterschiedlichen Gesundheitssysteme auch in anderen Ländern getestet werden sollten. Ich halte es auch für sinnvoll, Interventionen basierend auf bestehenden Leitlinien-Empfehlungen zu entwickeln und zu testen.

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Es klang ja schon kurz an: Sie haben in Ihrem Review eine Netzwerkmetaanalyse gemacht. Warum eigentlich – und wie sind Sie dabei konkret vorgegangen?

Der Vorteil einer Netzwerkmetaanalyse ist, dass man mit ihr mehrere unterschiedliche Interventionen gleichzeitig miteinander vergleichen kann. Über sogenannte indirekte Evidenz erhält man auch Ergebnisse zu Vergleichen, die in den zugrundeliegenden Studien gar nicht untersucht wurden.

Das Besondere an unserem Vorgehen war: Wir haben versucht, die Primärdaten aller Studien zu bekommen, die wir in unseren Review eingeschlossen haben. Diese Roh-Datensätze enthalten die individuellen Patient*innen-Daten (IPD). Die meisten Metaanalysen nutzen publizierte, zusammengefasste Daten. IPD-Analysen haben den Vorteil, dass man alle individuellen Studiendaten mit dem gleichen Analyseansatz auswerten kann und Faktoren, die für Heterogenität in den Analysen sorgen, einfacher berücksichtigen kann. Im Unterschied zu einigen früheren Reviews konnten wir durch diesen Ansatz z.B. die zu untersuchende Population – also ältere Patient*innen im Krankenhaus mit bestehender oder drohender Mangelernährung – besser eingrenzen.

An den Studien, die Ihrem Review zugrunde liegen, haben ja insgesamt 3309 Patient*innen teilgenommen. Wie sind Sie denn an all deren Daten gekommen?

Um die individuellen Patient*innen-Daten zu nutzen, mussten wir natürlich zunächst die Studienautor*innen kontaktieren und sie darum bitten, dass sie uns ihre Daten zur Verfügung stellen.  Mit jenen Autor*innen, die eingewilligt haben, haben wir Datennutzungsvereinbarungen abgeschlossen – und Bedingungen geschaffen, um die Daten sicher zu uns zu holen und dann vor Ort zu analysieren. Das klingt jetzt vielleicht recht unkompliziert – aber tatsächlich war das ein echt großer administrativer Aufwand. Das hat viel Zeit gekostet – und ehrlich gesagt auch einige Nerven.

Und als alle Daten dann endlich bei Ihnen waren – was haben Sie damit gemacht?

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Zuerst haben wir sie auf Vollständigkeit und Plausibilität geprüft. Im nächsten Schritt wurden die Daten für die Analysen vorbereitet und – wo nötig – wurden Variablen zusammengefasst oder umcodiert. Dann wurden die Daten anhand eines vorab entwickelten Analyseplans auf individueller Ebene ausgewertet. Danach haben wir die Ergebnisse in einer Netzwerk-Metaanalyse gemeinsam ausgewertet. Wir haben allerdings nicht von allen Studien, die wir in den Review eingeschlossen haben, die Rohdaten zur Verfügung gestellt bekommen. Sprich: In die Netzwerk-Metaanalyse sind auch einige aggregierte Daten eingeflossen.

Ist es dann nicht ein bisschen enttäuschend, wenn man so viel Aufwand hat und das Ergebnis dann so „dünn“ ist?

Nein, enttäuscht war ich nicht. Es ist ja nicht so, dass wir gar nichts zeigen konnten – wir haben Hinweise gefunden, dass die Trinknahrung helfen kann, die Sterblichkeit und schwere Komplikationen zu verringern. Das ist aus meiner Sicht durchaus ein ermutigendes Signal.  Außerdem könnte es sein, dass auch andere Interventionen eigentlich besser helfen als es in unserem Review scheint – und zwar deshalb, weil die Patient*innen in der Vergleichsgruppe mit der Standardversorgung möglicherweise doch auch die eine oder andere Ernährungsmaßnahme vom Arzt verordnet bekommen haben, weil es gesundheitlich nötig war. Das führt möglicherweise dazu, dass wir den Effekt z.B. von individualisierten Ernährungstherapien oder Unterstützung beim Essen unterschätzt haben.

Außerdem hat uns der Review ein deutlich besseres Bild davon verschafft, wo die Evidenzlücken liegen. Und das ist ja auch eine wichtige Erkenntnis – und zugleich ein Ansporn für weitere Forschung.

Haben Sie denn schon welche geplant, bleiben Sie an dem Thema dran?

Schon aus persönlichem Interesse werde ich das Thema auf jeden Fall weiterverfolgen, aber auch weil ich an einer Leitlinie zur klinischen Ernährung und Hydration im Alter mitarbeite. Außerdem finde ich es wichtig zu erforschen, wie Ernährungsinterventionen bei Senior*innen mit bestehender oder drohender Mangelernährung wirken, die ambulant oder in Pflegeheimen versorgt werden. Dazu habe ich im Moment aber noch kein Forschungsprojekt geplant.

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Unterm Strich: Hat sich der Riesenaufwand gelohnt – und machen Sie sich den in Zukunft nochmal?

Mein Fazit ist positiv. Denn wir konnten mit dem Projekt wie gesagt einen aktuellen Überblick über die Evidenz liefern. Ich persönlich habe viel Methodisches dazugelernt. Vor allem konnte ich durch den IPD-Ansatz mit unterschiedlichen Wissenschaftler*innen zusammenarbeiten, die sich auf dem Gebiet der Mangelernährung im Alter engagieren. Das war eine große Bereicherung. Aus meiner Sicht hat sich der Aufwand also gelohnt und ich kann mir gut vorstellen, diese Form der Netzwerk-Metaanalyse auch in künftigen Projekten wieder anzuwenden.

Und zum Schluss: Worauf sollte man bei Senior*innen achten, wenn’s um das Thema Ernährungszustand geht?

Grundsätzlich ist es sinnvoll, bei älteren Menschen im Auge zu behalten, wie sie essen – und wie sich ihr Körpergewicht entwickelt. Wenn es nicht möglich ist, sie zu wiegen, kann man das auch daran erkennen, wie ihre Kleidung sitzt. Wenn Angehörigen auffällt, dass sie Gewicht verlieren oder ihre Mahlzeiten häufig nicht aufessen, sollten sie das bei Fachleuten ansprechen: Ärzt*innen, Pflegekräfte oder Ernährungsfachkräfte können den Ernährungszustand dann genauer abklären und nach möglichen Ursachen für die Veränderungen suchen. Gerade bei älteren Menschen sind die Gründe für Mangelernährung vielfältig und gehen über gesundheitliche Aspekte hinaus. Außerdem können die Fachleute dann prüfen, ob beispielsweise eine Trinknahrung oder andere ernährungstherapeutische Maßnahmen sinnvoll sind.

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