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Weltweit haben viele fehlsichtige Menschen keinen Zugang zu einem Sehtest oder einer Brille. Ein Scoping Review von Cochrane-Autor*innen und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zeigt, wie Fachpersonen gegen Fehlsichtigkeit international vorgehen.

Dafür sind keine randomisierten Studien nötig: Die wirksamste Maßnahme zur Korrektur einer Fehlsichtigkeit ist immer noch eine Brille oder Kontaktlinsen. Bei Kindern und Jugendlichen tritt Fehlsichtigkeit oft im Wachstum auf. Die Ursache für das Dasein als „Blindfisch“ liegt in einem anatomischen Fehler im zu kurzen oder zu langen Glaskörper. Das Ergebnis ist eine Kurz- oder Weitsichtigkeit, die mit den Gläsern einer genau angepassten Brille korrigiert werden kann. Später im Leben lässt bei vielen Menschen die Elastizität der Augenlinse nach. Sie sorgt normalerweise dafür, dass das Auge immer so scharf wie möglich sieht. Vor allem beim Lesen in der Nähe können wir das Bild dann nicht mehr richtig scharf stellen.  Dann wird eine Lesebrille nötig.

Der Zugang zu einer Brille ist international ungleich verteilt

Das Problem der Fehlsichtigkeit haben Menschen auf der ganzen Welt. Der Zugang zu einer Brille jedoch ist weltweit unterschiedlich. Ungefähr zwei Drittel aller Erwachsenen über 16 Jahren in Deutschland tragen laut der repräsentativen Brillenstudie aus dem Jahr 2019 regelmäßig oder zumindest gelegentlich eine Brille – Tendenz steigend. Bei der Generation über 60 sind sogar über 90% Brillenträger*innen [1]. Bisher wurde die Brille bei Jung und Alt auch nicht von Kontaktlinsen und der Augenlaserchirurgie verdrängt.

Während in unseren Breiten Brillen also allgegenwärtig sind, sieht das in vielen Weltregionen ganz anders aus. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass nur 36% aller Menschen, die aufgrund einer Fehlsichtigkeit nicht scharf sehen, Zugang zu einer Einrichtung haben, die einen Sehtest durchführen und, wenn nötig, eine Brille anpassen kann. Weltweit leben geschätzte 800 Millionen Menschen ohne eine Brille, obwohl sie eine bräuchten, so die WHO [2]. Viele Menschen leben weit entfernt von Zentren mit der nötigen Infrastruktur oder können eine passende Brille für sich oder ihre Kinder schlichtweg nicht bezahlen. Von den Millionen geflüchteter Menschen, die – oft jahrelang – unter desolaten Bedingungen in Lagern leben ganz zu schweigen. Neben der verminderten Lebensqualität und erhöhten Unfallgefahr hat das unscharfe Sehen besonders für junge Menschen massive Auswirkungen auf ihre Bildungs- und Berufschancen.

SPECS2030 soll die Brillenversorgung weltweit verbessern, Cochrane liefert Evidenz

An genau diesen Punkten setzt die Initiative SPECS2030 an. Mit dem ehrgeizigen Ziel, das Versorgungsangebot dort, wo es nötig ist, bis 2030 massiv zu erhöhen, hat die WHO im Mai 2024 diese Initiative lanciert [3]. Damit die Mittel für dieses groß angelegte Programm gezielt eingesetzt werden können, musste aber zunächst untersucht werden, welche Einrichtungen und Programme bereits existieren, um die Fehlsichtigkeit im Jugend- oder Erwachsenenalter zu erkennen und durch Anpassung von Brillen zu korrigieren. Ein Team von Cochrane-Autor*innen ging dieser Frage im Auftrag des „Vision and Eye Care Programme” der WHO nach. Genauer gesagt wollten sie herausfinden, auf welche Arten Augentests durchgeführt und Brillen angepasst werden. Sie lenkten den Blick auf die weltweite Versorgung in Gemeinschaften und Kliniken. Ihr Scoping Review fasst Informationen aus Hunderten von Quellen zusammen und zeigt auch auf, wo es noch Wissenslücken gibt.

Doch was sind Scoping Reviews überhaupt?

Ein Scoping Review ist eine explorative Literaturstudie. Im Gegensatz zu anderen Typen von Übersichtsarbeiten befassen sich Scoping Reviews nicht mit einer präzise definierten Fragestellung, wie beispielsweise dem Nutzen und Schaden einer bestimmten Intervention. Vielmehr bilden sie die Schlüsselkonzepte eines Forschungsbereichs ab oder stecken die inhaltlichen Grenzen eines Themas ab.

Ein wichtiger Unterschied zu klassischen systematischen Reviews ist, dass Scoping Reviews einen Überblick über die vorhandene Evidenz geben, unabhängig davon, ob diese bestimmten Qualitätsanforderungen entspricht. Daher gibt es meist auch keine formale Bewertung der eingeschlossenen Studien mit einem Instrument wie dem Cochrane Risk of Bias Tool. Und anders als bei Cochrane Reviews wird die Literatursuche nicht auf bestimmte Studientypen, wie beispielsweise randomisierte Studien, eingeschränkt. Auch bereits bekannte Reviews zur gleichen Fragestellung werden als Informationsquelle berücksichtigt. In der Cochrane Library gibt es bisher erst wenige Scoping Reviews. Dies liegt auch daran, dass ihre Methodik bisher vor allem von einer anderen Evidenz-Organisation entwickelt wurde: JBI, einem weltweiten Netzwerk, welches aus dem Joanna Briggs Institute in Australien hervorgegangen ist.

Was hat der Scoping Review zu Fehlsichtigkeit untersucht?

Für den Scoping Review zur weltweiten Versorgung von Menschen mit Fehlsichtigkeit wurde im Jahr 2022 wissenschaftliche Datenbanken, die Jahresberichte und Webseiten von Organisationen und weitere Quellen für den Zeitraum der letzten 20 Jahre durchsucht. Es konnten insgesamt 175 relevante Studien, 146 Firmenberichte und 81 Webseiten von Organisationen eingeschlossen werden. Drei Viertel der Studien waren Querschnittsstudien (insgesamt 134). Es gab aber auch 11 randomisierte Studien und sieben Kohortenstudien. Aus dieser Vielzahl von Quellen wurden für den Scoping Review nebst Zahlenangaben auch Fallberichte entnommen, in denen bestimmte Arten der Versorgung exemplarisch dargestellt wurden.     

Das waren die Ergebnisse international

Weltweit werden in den WHO-Regionen unterschiedliche Ansätze verfolgt, um Bevölkerungsgruppen auf Fehlsichtigkeit zu testen und mit Korrekturbrillen zu versorgen. Dies beinhaltet z.B. in afrikanischen Ländern oft Reihenuntersuchungen in Schulen, aber auch sogenannte Outreach-Programme.  Diese Programme sind zeitlich begrenzte Aktionen meist in entlegenen Gebieten, bei denen mobile Teams sowohl Sehtests durchführen als auch Brillen anpassen, beispielsweise am Arbeitsplatz der Personen.

Die Outreach-Programme und schulbasierten Ansätze verwendeten die Versorger*innen hauptsächlich, um die Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten. Mit permanenten Sehzentren konnten Patient*innen in Einrichtungen der Primärversorgung erreicht werden. 

Der Outreach-Ansatz wurde in Südostasien und Lateinamerika am stärksten verfolgt. Darüber hinaus wurden in Südostasien auch spezialisierte Sehzentren eingerichtet. Auf dem afrikanischen Kontinent nutzten die Anbieter*innen hauptsächlich Outreach-Programme und schulbasierte Konzepte.  Für die Länder des Nahen Ostens (genauer, der WHO-Region Östliches Mittelmeer, EMRO) lagen keine ausreichenden Informationen vor. Auch gibt es bisher so gut wie keine Evidenz, welche Ansätze am wirksamsten sind, da sie nur in wenigen Studien miteinander verglichen und bewertet wurden.

Die Projekte, die exemplarisch als Fallstudien beschrieben werden, zeigen, dass „viele verschiedene Wege nach Rom führen“ und regional angepasste Lösungen sinnvoll sind: So wurden Sehtests in den USA in Kitas, Kirchen, Seniorenheimen und Gesundheitsmesse durchgeführt, in Deutschland in geschützten Werkstätten für Menschen mit kognitiven Einschränkungen, und in Indien und Nepal von ausgebildeten Teams, die in entlegenen Gebieten von Tür zu Tür gingen.     

Evidenz zu den Versorgungsstrukturen gegen Kurzsichtigkeit als Planungsgrundlage

Wissenschaftliche Evidenz schafft Klarheit, zu den weltweit bestehenden Versorgungsstrukturen. Aber nur, wenn diese Evidenz übersichtlich dargestellt und zugänglich gemacht wird, lassen sich erfolgversprechende Ansätze zur Verbesserung der Versorgung bei Fehlsichtigkeit umsetzen. Scoping Reviews können als flexibles Format andere Fragen beantworten als klassische systematische Übersichtsarbeiten und diese so ergänzen. Cochrane hat das erkannt. Wie in der wissenschaftlichen Strategie 2025 angekündigt, wird die Organisation so zur Lösung der globalen Probleme mit hochwertiger Evidenz beitragen.  


Dr. Erik von Elm ist Facharzt für Public Health und Epidemiologie


Das ist der Scoping-Review auf Englisch.

Die neue wissenschaftlichen Strategie von Cochrane findet sich hier.

Hier zum Artikel: Brillen mit Blaulichtfilter gegen Kunstlicht: keine Evidenz für einen Nutzen

  

Quellen

[1] Zentralverband der Augenoptiker und Optometristen: Brillenstudie 2019  https://www.zva.de/brillenstudie [zuletzt abgerufen am 27.02.2025].

[2] World Health Organization: Report of the 2030 targets on effective coverage of eye care https://www.who.int/publications/i/item/9789240058002 [zuletzt abgerufen am 27.02.2025].

[3] World Health Organization: SPECS 2030 https://www.who.int/initiatives/specs-2030

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