Gesundheitskompetenz: gar nicht mal so leicht! Eine Einführung.

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Sie sind erkrankt und möchten sich über Behandlungsmöglichkeiten informieren? Sie wollen im Gespräch mit Ihrem Arzt die richtigen Fragen stellen? Sie fragen sich, wie Sie an Informationen kommen können? Und wie Sie beurteilen sollen, ob die Informationen tatsächlich verlässlich sind? Wenn Sie dabei ins Grübeln kommen, sind Sie nicht alleine: Mehr als der Hälfte der Menschen in Deutschland geht es gemäß der ersten repräsentativen Studie zum Thema Gesundheitskompetenz ganz ähnlich. Was unter der ‚individuellen Gesundheitskompetenz‘ zu verstehen ist und warum sie heute mehr denn je eine Rolle spielt, möchten wir Ihnen in diesem ersten Artikel einer kurzen Serie zum Thema vorstellen.

Eine gute Freundin von mir hat die Angewohnheit, jedes einzelne Krankheitssymptom, das sie an sich oder ihren Kindern beobachtet, zu ergoogeln. Zwar weiß ich nicht, nach welcher Suchstrategie sie dabei vorgeht oder welche der unzähligen Suchergebnisse sie am Ende nutzt, habe aber häufig den Eindruck, dass sie nach ihrer Suche im Netz besorgter ist als zuvor. Das zugrundeliegende Problem bringt Sven Oswald, Journalist beim Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb), so auf den Punkt: „Grundsätzlich findet sich ja leider bei jeder Erkrankung und jedem noch so harmlosen Symptom im Netz ein Fall, der tödlich ausging. Das verunsichert und schürt Ängste“. Wenn meine Freundin nach dem Googeln noch mehr verunsichert ist als zuvor, dann kann das auch damit zu tun haben, dass sie Schwierigkeiten hat, gute und schlechte Informationen und Informationsquellen zu unterscheiden – sie verfügt möglicherweise nicht über ausreichend Gesundheitskompetenz.

Gesundheitskompetenz –was ist das?

Immer, wenn Menschen eine gesundheitsbezogene Entscheidung treffen, greifen sie auf ihre mehr oder minder ausgeprägte Gesundheitskompetenz zurück. Damit ist all das Wissen gemeint, über das sie hinsichtlich des Themas „Gesundheit“ und all seiner Aspekte verfügen. Das Spektrum möglicher Themen ist dabei sehr breit. Es kann Fragen zu einer medizinischen Behandlung und den Gang zum Arzt, zu einem Medikament oder generell zu Themen wie Ernährung, Bewegung und seelischem Gleichgewicht betreffen.

Gesundheitskompetenz erstreckt sich ganz allgemein auf die Bereiche Krankheitsbewältigung, Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung. Schlechte Gesundheitskompetenz hat folglich Auswirkungen in diesen drei Bereichen, die sich beispielsweise in höherem Erkrankungsrisiko, ungesunder Lebensführung, Defiziten im Umgang mit akuten und chronischen Erkrankungen und Orientierungsschwierigkeiten im Gesundheitssystem zeigen. Studien belegen bspw., dass Menschen mit hoher Gesundheitskompetenz häufiger Sport treiben und seltener in Krankenhäusern behandelt werden. Demgegenüber haben Menschen mit einem niedrigen Grad an Gesundheitskompetenz etwa Schwierigkeiten, sich über zustehende Versicherungsleistungen zu informieren, medizinischen Anweisungen zu folgen oder an gemeinsamer Entscheidungsfindung mitzuwirken. Laut einer Schätzung der WHO sind drei bis fünf Prozent der Gesundheitsausgaben auf mangelnde Gesundheitskompetenz zurückzuführen. In Deutschland wären das jährlich 9 bis 15 Milliarden Euro.

Im Jahr 2014 wurde die erste Studie in Deutschland durchgeführt (publiziert 2016). Sie war repräsentativ, das heißt, dass die Datenerhebung methodisch so konzipiert wurde, dass aus Stichproben Aussagen über die Gesamtheit der Bevölkerung möglich sind. Die Studie hat gezeigt, dass über 54% der Menschen in Deutschland nicht über eine ausreichende Gesundheitskompetenz verfügen. Ihnen fehlen also wichtige Fähigkeiten und Kenntnisse, um gute, wissenschaftlich belegte Informationen finden, verstehen, einordnen, bewerten und nutzen zu können.

Die Gründe hierfür sind vielseitig und betreffen den Einzelnen ebenso wie die Anbieter von Gesundheitsinformationen. Sind die bereitgestellten Informationen leicht zu finden, so dass der Einzelne seine individuelle Gesundheitskompetenz leicht anwenden kann? Sind die bereitgestellten Informationen verlässlich? Sind sie gut strukturiert? All dies fällt in den Verantwortungsbereich von Informationsdienstleistern und Versorgungseinrichtungen und damit der sogenannten organisationalen Gesundheitskompetenz, über die wir im nächsten Beitrag dieser Serie berichten wollen.

Gute Informationen lassen sich (manchmal) schwer finden

Im Juli 2019 schrieb Bundesgesundheitsminister Spahn anlässlich der Verleihung des Berliner Gesundheitspreises 2019, „Wir werden das Feld nicht Dr. Google und Co. überlassen!“ Man kann fragen, ob es dafür nicht schon ein wenig spät ist. Unzweifelhaft ist: Die Informationsflut im Internet ist enorm. Den Nonsens, die persönlichen, nicht validierten Meinungen und die gezielte Desinformation von den vertrauenswürdigen und verlässlichen Informationen zu unterscheiden, wird immer schwieriger. Die Menge an verfügbaren Gesundheitsinformationen ist so groß wie nie zuvor. Gerade in unserer Zeit, in der einerseits eine Vertrauenskrise in die Wissenschaft herrscht und andererseits selbst Verantwortliche in höchsten Ämtern ohne Konsequenzen bewusst falsche Informationen und „alternative Fakten“ weitergeben, ist es von größter Bedeutung, allen Menschen sowohl das Handwerk der kritischen Informationssuche zu vermitteln als auch vertrauenswürdige Informationen bereitzustellen.

Es ist eine Sache, eine Frage in eine Suchmaschine einzugeben und sich dann die Antworten anzusehen. Es ist aber eine ganz andere Sache, die gefundenen Informationen lesen, verstehen, beurteilen und anwenden zu können.

Ein Beispiel: Als Jugendlicher wollte ich aus Legosteinen ein Batmobil bauen. Ein cooles, ganz in Schwarz. Ich habe also in der Lego-Kiste gezielt nach allen schwarzen Steinen gesucht. In einer großen Kiste voller bunter Legosteine sind die schwarzen in diesem Fall also die „guten“- die, die mir weiterhelfen. Unsere Legosteine waren seinerzeit auf drei Kisten verteilt. Daher habe ich alle zu einem großen Haufen ausgekippt.
Erkenntnis Nr. 1: je mehr Steine auf einem Haufen lagen, desto schwerer wurde es, die schwarzen zu finden.
Erkenntnis Nr. 2: Mehr Steine bedeuteten nicht automatisch auch mehr schwarze Steine. Das wäre nur bei ausgewogener Durchmischung der Fall gewesen. Was habe ich daraus gelernt? Mehr Auswahl bedeutet nicht automatisch bessere Ergebnisse, sondern erschwert unter Umständen sogar das Suchen und Finden.
Mein Vorteil seinerzeit war, dass ich wusste, wie die „guten“ Steine aussehen – ich verfügte also über die Kompetenz, schwarze Steine zu identifizieren.

Wie finde ich vertrauenswürdige Informationen?

Doch wie finde ich vertrauenswürdige Informationen? Und wie kann ich sie kritisch beurteilen? Ein bewusster, kritischer und urteilsfähiger Umgang mit Informationen im Zeitalter der Informationen (und Desinformationen) könnte bereits im Kinder- und Jugendalter vermittelt werden. Man sollte frühzeitig lernen, dass sich im Internet mehr Spreu als Weizen findet und dass dort jeder seine Sicht der Dinge, von dämlich bis brillant, von Täuschung bis Evidenz, verbreiten kann. Und Evidenz ist das Stichwort: jede Einschätzung der Vertrauenswürdigkeit einer Information muss die Frage nach deren wissenschaftlichem Fundament miteinschließen: Stimmt das? Gibt es Beweise? Gibt es gar Bedenken oder Unsicherheiten?

Gleichzeitig braucht es ein Angebot an vertrauenswürdigen, wissenschaftlich fundierten Informationen. Grundsätzlich ist das nicht nur ein frommer Wunsch, denn solche Angebote existieren bereits. Die Informationsseiten des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), des Ärztlichen Zentrums für Qualität in der Medizin (ÄZQ) und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) bieten bspw. nicht nur vertrauenswürdige Informationen, sondern auch transparente Darstellungen der wissenschaftlichen Methodik und Grundlagen, sowie der Qualitätskriterien ihrer Informationen.

Einer Studie der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahr 2017 zufolge verwenden viele Internetnutzer weitere Seiten, wie etwa Wikipedia, die Apotheken-Umschau oder Netdoktor, bei denen die Darstellung der Evidenz nicht durchgehend gegeben und eine Einschätzung der Vertrauenswürdigkeit teilweise schwieriger ist. Bei Ratgeber-Communities wie gutefrage.de oder wer-weiss-was.de wird diese Einschätzung fast unmöglich.

Das 2020 online gegangene Nationale Gesundheitsportal (siehe unten) hat daher zum Ziel, die zentrale Anlaufstelle für alle Gesundheits-relevanten Fragen zu sein: hier werden Anbieter von Gesundheitsinformationen, die die Qualitätskriterien erfüllen, gebündelt. Offen bleiben dessen Erfolgsaussichten hinsichtlich Wirksamkeit und Reichweite. Der Anspruch ist, dass der Bürger dieses Portal als erste Internetadresse bei allen Fragen rund um das Thema Gesundheit annimmt.

Der Erfolg eines solchen Portals hängt sicher auch vom wechselseitigen Verhältnis zwischen individueller Gesundheitskompetenz und dem System der angebotenen Informationen ab. Anders gesagt: Individuelle Gesundheitskompetenz trifft auf die vorhandene Informationsinfrastruktur. Beide Seiten müssen sich auf die Bedürfnisse, Fähigkeiten und Anforderungen der jeweils anderen Seite einstellen und immer wieder an sie anpassen. Dies wird auch in Zeiten der Covid-19-Pandemie immer wieder deutlich: nicht allen Bürgern gelingt es, die vertrauenswürdigen Quellen von allen anderen zu unterscheiden. Und nicht allen Anbietern von Informationen gelingt es, Informationen in einer Form anzubieten, die eine entsprechende Einschätzung ermöglicht. Es gibt auf beiden Seiten durchaus noch Luft nach oben.

Den beiden Perspektiven der individuellen und organisationalen Gesundheitskompetenz widmet sich auch das 2. Symposium der Cochrane Deutschland Stiftung am 12. Februar 2021 in Freiburg, dessen Durchführung aufgrund der Corona-Pandemie als reine Online-Veranstaltung geplant ist (weitere Informationen zur Veranstaltung und Teilnahme).

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Nationales Gesundheitsportal

Das Nationale Gesundheitsportal wurde 2020 unter dem Dach des Bundesgesundheitsministeriums geschaffen. Seine Aufgabe ist es, qualitätsgesicherte, neutrale und verständliche Gesundheitsinformationen zur Verfügung zu stellen. Dafür arbeitet es mit Partnern wie dem IQWiG, dem Krebsinformationsdienst des DKFZ und dem Robert Koch-Institut zusammen. Die Qualitätssicherung beruht auf der Einhaltung transparent dargestellter Qualitätskriterien. Wichtigste Grundlage sind die Prinzipien der Evidenzbasierten Medizin (EbM). Als Leitlinie dienen dient die „Gute Praxis Gesundheitsinformation“, herausgegeben durch das Netzwerk Evidenz-basierte Medizin. Weitere Informationen zur Qualitätssicherung finden Sie hier.

Text: Michael Graf-Höfflin

Michael Graf-Höfflin ist Mitarbeiter bei Cochrane Deutschland und drückt in diesem Artikel zum Thema Gesundheitskompetenz auch seine persönliche Haltung aus.

Weiterführende Links:

Anmerkung: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.

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