Bild Temperatur-Screening

Wie wirksam sind Screenings auf COVID-19?

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Manche Menschen sind zwar Träger des Coronavirus, haben aber keine Symptome. Dennoch können sie andere Menschen anstecken. Eine Möglichkeit, Infizierte frühzeitig zu erkennen und so die Infektionskette zu durchbrechen, könnte das Screening breiter Bevölkerungsteile sein. Was das ist und welche Evidenz die Autoren eines neuen Cochrane Rapid Reviews für die Wirksamkeit von Massenscreenings fanden, wollen wir in diesem Beitrag unter die Lupe nehmen.

Wer sich mit dem Coronavirus infiziert, kann eine ganze Reihe von Symptomen haben. Aber es gibt auch Infizierte, die sich gesund fühlen und keinerlei Beschwerden entwickeln, zumindest am Anfang der Infektion. Das macht die Eindämmung der Pandemie so schwierig. Denn Menschen mit einer verdeckten Infektion können zu ‚unsichtbaren Bindegliedern‘ in der Infektionskette werden. In der Tat entwickelt ein erheblicher Anteil der mit SARS-CoV-2 infizierten Personen niemals oder erst nach längerer Inkubationszeit COVID-19 (1). Sie können aber andere Menschen damit anstecken. Sogenannte Screenings, also die breit angelegte Untersuchung von klinisch unauffälligen Personen, könnte helfen, solche verdeckten Fälle aufzudecken.

Was sind Screenings?

Screenings zielen darauf ab, Erkrankungen bei Menschen zu identifizieren, die keine Symptome aufweisen. Hierzu gehören auch gängige Früherkennungsuntersuchungen, die meist für Menschen mit einem erhöhten Grundrisiko angeboten werden. So wird Frauen in Deutschland ab dem 20. Lebensjahr ein regelmäßiger Pap-Test empfohlen (Österreich: ab 18; Schweiz: ab 21), um Gebärmutterhalskrebs vorzubeugen; Menschen über 50 eine Koloskopie, um Darmkrebs frühzeitig zu erkennen. Zur Abgrenzung: Eine andere, hier nicht gemeinte Bedeutung des Begriffs „Screening“ ist eine umfassende, individuelle Untersuchung von Menschen, die unspezifische Symptome aufweisen, bei denen die Krankheitsursache aber unklar ist.

Früherkennung ist das Ziel, aber sind Screenings der richtige Weg?

In der gegenwärtigen COVID-19-Krise wäre es extrem hilfreich, symptomlose Träger des Virus verlässlich identifizieren zu können, damit sie sich von anderen fernhalten und so weitere Ansteckungen vermeiden können. Umstritten ist jedoch, ob breit angelegte Screenings – sei es durch Fiebermessen an Flughäfen oder Virus-Tests für ganze Bevölkerungsgruppen – der richtige Weg dafür sind. Das Grundproblem dabei: keine Testmethode ist zu 100 Prozent zuverlässig. Stets bleibt das Restrisiko eines falsch-positiven (Test stellt Infektion fest, die in Wirklichkeit nicht vorhanden ist) oder eines falsch-negativen Ergebnisses (Test gibt Entwarnung, obwohl tatsächlich eine Infektion vorliegt – sie auch unseren Artikel zu generellen Gesundheitschecks). Beides hat unerwünschte Folgen: Im Fall von COVID-19 führen falsch-positive Ergebnisse zu unnötiger Isolation und Sorgen; falsch-negativ getestete Menschen könnten sich in falscher Sicherheit wiegen und unwissentlich Mitmenschen anstecken.

Die Autoren eines kürzlich veröffentlichten Cochrane Rapid Reviews wollten nun zusammenfassen, was die Wissenschaft bisher über die Wirksamkeit von breit angelegten Screenings auf COVID-19 von symptomfreien oder -armen Personen erforscht hat. Dies gilt für die Allgemeinbevölkerung oder für besondere Berufsgruppen wie dem Personal in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Genauer gesagt wollten die Autoren:

  • den Nutzen sowie die möglichen negativen Auswirkungen eines Screenings scheinbar gesunder Menschen auf eine Infektion mit SARS-CoV-2 identifizieren und
  • herausfinden, wie zuverlässig Personen mit oder ohne SARS-CoV-2-Infektion korrekt mit einem Screening identifiziert werden können.

Um diese Fragen schnell beantworten zu können, nutzen die Autoren das verkürzte Verfahren eines „schnellen“ Cochrane Rapid Reviews, das wir bereits in einem früheren Blog-Beitrag zur Wirksamkeit von Quarantänemaßnahmen während der COVID-19-Pandemie genauer erläutert haben. Die Autoren der Übersichtsarbeit sind der Überzeugung, dass das „Schnellverfahren“ keinen Einfluss auf die allgemeinen Schlussfolgerungen des Reviews hat.

Was machten die Autoren?

Die Autoren suchten nach Studien, in denen Personen „gescreent“ wurden, die bisher keine Hinweise auf eine potenzielle SARS-CoV-2-Infektion zeigten. Sie fanden 22 Studien; davon 17 Kohortenstudien (prospektive longitudinale Beobachtungstudien) und fünf Modellierungsstudien (mehr zu Modellierungsstudien in unserem Artikel Wenn Mathematik die „bestmögliche“ Evidenz liefert). Die Studien fanden in den USA, Europa und Asien statt. Der Review enthält Evidenz aus Studien, die bis Mai 2020 veröffentlicht wurden.

Was kam dabei raus?

Wirksamkeit und unerwünschte Ereignisse

Zwei der Modellierungsstudien berichten über die Wirksamkeit und die unerwünschten Ereignisse der Screenings. Eine Studie deutet an, dass eine Befragung nach Symptomen an Flughäfen die Einreise von infizierten Personen etwas reduzieren, aber nicht stoppen könnte. Die andere deutet darauf hin, dass wöchentliche oder 14-tägige Früherkennungsuntersuchungen von Gesundheitspersonal die Übertragung der Infektion auf Patienten und andere in Notaufnahmen Beschäftigte verringern könnten. Keine der Studien berücksichtigte die negativen Auswirkungen der Screenings.

Die korrekte Identifizierung von Infizierten

In 17 Kohortenstudien und drei Modellierungsstudien wurde darüber berichtetet, ob Screenings diejenigen mit und ohne Infektion korrekt identifizieren können. Die Studien unterschieden sich stark in Bezug auf das Setting und die Methoden.

In den Kohortenstudien wurden verschiedene Screening-Strategien evaluiert, wobei Personen zumeist nur einmal und nicht wiederholt gescreent wurden. Gefragt wurde dabei entweder nach Symptomen, ob man kürzlich international gereist sei oder ob man mit einem bekannten oder vermuteten COVID-19-Fall in Kontakt gekommen sei. In anderen Fällen wurde die Körpertemperatur gemessen oder ein schneller „Point-of-Care“-Test durchgeführt, der vor Ort innerhalb von Minuten Ergebnisse liefert. Die Screening-Strategien der 17 Kohortenstudien mit 17.574 Personen erzielten sehr oft falsch-negative Ergebnisse wie auch falsch-positive Ergebnisse. So wurden:

  • zwischen 20 und 100 von 100 tatsächlich infizierten Menschen fälschlicherweise als virusfrei identifiziert;
  • zwischen 0 und 38 von 100 gesunden Menschen fälschlicherweise als betroffen identifiziert.

Diese hohen Fehlerraten hingen nur geringfügig von der verwendeten Screeningmethode ab. So wurden nach Befragung bezüglich möglicher Symptome in 13 der Kohortenstudien mit 16.762 Personen

  • zwischen 40 und 100 von 100 infizierten Menschen fälschlicherweise als virusfrei identifiziert und
  • zwischen 0 und 34 von 100 gesunden Menschen fälschlicherweise als betroffen identifiziert.

Temperaturkontrollen, die in sechs Studien mit 14.741 Personen nach internationalen Reisen oder nach Kontakten mit infizierten Bekannten oder vermuteten Infizierten durchgeführt wurden, identifizierten

  • zwischen 77 und 100 von 100 infizierten Menschen fälschlicherweise als virusfrei und
  • zwischen 0 und 10 von 100 gesunden Menschen als fälschlicherweise infiziert.

Zwei Kohortenstudien mit 779 Teilnehmern kombinierten das Screening auf Symptome mit Temperaturkontrollen. Hier wurden:

  • zwischen 31 und 88 von 100 infizierten Menschen fälschlicherweise als virusfrei und
  • zwischen 0 und 10 Personen von 100 gesunden Menschen als betroffen identifiziert.

Drei der Modellierungsstudien befassten sich speziell mit Ein- und Ausreisekontrollen an Flughäfen. In der ersten Studie wurden ganze 70 Prozent der infizierten Reisenden übersehen. Die zweite entdeckte zwar 90 Prozent der Infektionen, verwendete jedoch ein Szenario, das die Review-Autoren als unrealistisch einschätzten. Die dritte Studie verwendete allgemein sehr unzuverlässige Methoden, so dass die Evidenz aus dieser Studie nicht verwendet werden konnte.

Wie vertrauenswürdig ist die Evidenz?

Die meisten der in den Review eingeschlossenen Studien haben ihre Screening-Methoden nicht klar genug beschrieben, was das Vertrauen der Autoren in die Ergebnisse einschränkt. Zudem waren die Teilnehmer und Settings sehr unterschiedlich, so dass es schwierig ist, zu beurteilen, ob die Ergebnisse breitere Gültigkeit haben.

Schlussfolgerungen

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass jede der untersuchten Screening-Strategien ein hohes Risiko mit sich brachte, dass tatsächlich infizierte Personen fälschlicherweise als virusfrei identifiziert werden (falsch-negatives Ergebnis).

Hauptautorin Meera Viswanathan vom unabhängigen Forschungsinstitut RTI International (North Carolina, USA) kommentiert: „Wir sind uns nicht sicher, ob kombinierte Screenings, wiederholte Symptombeurteilung oder schnelle Labortests sinnvoll sind. Da infizierte Menschen beim Screening leicht übersehen werden können, sind gesundheitspolitische Maßnahmen wie eine Nase-Mund-Bedeckung, physical distancing und Quarantäne für diejenigen, die möglicherweise Kontakt mit einer infizierten Person hatten, weiterhin sehr wichtig.“

Zukünftige Screening-Studien auf Bevölkerungsebene dürften unser Verständnis der Wirksamkeit und Genauigkeit des Screenings auf COVID-19 wesentlich verbessern.

Text adaptiert aus dem Englischen: Andrea Puhl

(1) Gudbjartsson DF, Helgason A, Jonsson H, Magnusson OT, Melsted P, Norddahl Gl, et al. Spread of SARS-CoV-2 in the Icelandic population. New England Journal of Medicine 2020;382(24):2302-15. [DOI: 10.1056/NEJMoa2006100] [PMID: 32289214].

Mehr Informationen zu den Ergebnissen finden Sie in der laienverständlichen Zusammenfassung.

Anmerkung: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.

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