Was Cochrane heute bedeutet

5
(1)

Zunehmende Desinformation, schwindendes Vertrauen in die Wissenschaft und die Risiken, aber auch Chancen beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz: Wie soll sich die Cochrane Collaboration weiterentwickeln, um auf gesellschaftliche Herausforderungen dieser Art besser reagieren zu können? Dieser Frage widmet sich Dr. Rupa Sarkar, Chefredakteurin von Cochrane, in ihrem am 27. August 2026 in der Cochrane Library erschienenen Leitartikel. Vor einem halben Jahr hat sie diese Rolle neu übernommen. Für diesen Blog haben wir ihren richtungsweisenden Beitrag ins Deutsche übersetzt:

Mehr zu Dr. Rupa Sarkar

Rupa Sarkar trat im März 2026 ihre Rolle als Chefredakteurin bei Cochrane an, mit mehr als 15 Jahre Erfahrung als promovierte Molekularbiologin in der medizinischen Forschung und im wissenschaftlichen Publikationsbetrieb, unter anderem bei Journalen von Nature. Seit Gründung im Jahr 2018 war sie Chefredakteurin des Fachjournals The Lancet Digital Health. Sie hat ein fundiertes Verständnis von digitalen Anwendungen und Künstlicher Intelligenz und wie diese die Forschungsevidenz und Gesundheitsversorgung verändern.

Noch nie stand uns so viel Information zur Verfügung, und noch nie war es schwerer einzuordnen, was wir davon glauben können. Wir sehen uns einer wachsenden Flut von „KI-Müll“ gegenüber – computergenerierten Inhalten, die massenhaft produziert werden, aber weitgehend ungeprüft, manchmal gar überzeugend, aber häufig falsch sind. Der Bedarf an vertrauenswürdiger, hochwertiger, unabhängiger Evidenz wird zu einer existenziellen Frage. In diesem Kontext trete ich die Rolle der Chefredakteurin bei Cochrane an.

Foto: Наталья Косаревич, Adobe Stock.

In der Gesundheitsversorgung stehen wir vor neuen Herausforderungen und beispiellosen Chancen. Daher startet Cochrane eine neue Reihe von Leitartikeln in der Cochrane Library, die sich mit prägenden Themen unserer Zeit befasst – angefangen von Desinformation und Künstlicher Intelligenz (KI) über das Problem von Bias und Interessenkonflikten bis hin zum Vertrauen in die Forschung. Diese Beiträge sind als Einladung gedacht, gemeinsam darüber nachzudenken, was Cochrane ist, was es werden muss, und wie wir sicherstellen können, dass unsere hochwertige Evidenz weiterhin das Leben der Menschen durch fundiertere Entscheidungen in Gesundheitsfragen verbessert.

Meine eigene Sichtweise auf Veränderungen wurde schon früh geprägt – und zwar nicht auf eine Weise, die ich damals besonders erbaulich fand. Ich verbrachte Jahre damit, Mausmodelle für eine Entwicklungsstörung zu entwerfen – eine mühsame, teure und langwierige Arbeit –, nur um am Ende festzustellen, dass neuere Technologien inzwischen in wenigen Wochen ähnliche Ergebnisse erzielen. Ich war wütend. Doch was ich aus meiner Zeit als Wissenschaftlerin mitnahm, war die Erkenntnis, dass Fortschritt selten geradlinig verläuft. Und dass die Überzeugung, das Richtige zu tun, und die Skepsis, ob es funktionieren wird, keine diametral entgegengesetzten Haltungen sind. Beides kann gleichzeitig zutreffen. Ich nehme beide Sichtweisen mit in meine neue Rolle: Echten Optimismus, dass KI helfen kann, eine wahrhaftigere, konsequentere und gerechtere Zukunft aufzubauen. Aber auch echte Skepsis aufgrund der Kluft zwischen dem, was versprochen wird, und dem, was KI derzeit tatsächlich leistet.

Cochrane hat sich schon oft nahe an solchen Spannungsfeldern bewegt. Seit Jahrzehnten treibt die Cochrane-Community einige der bedeutendsten Fortschritte für die Gesundheit der Menschen voran, indem sie sich für systematische Reviews einsetzt und die Methoden der Evidenzsynthese weiterentwickelt. Doch wenn wir relevant bleiben wollen, müssen wir genau definieren, was Cochrane heute bedeutet.

Foto: Наталья Косаревич, Adobe Stock.

Cochrane ist mehr als nur eine Produzentin von systematischen Reviews. Die Organisation setzt sich aktiv für Evidenz ein und verteidigt im öffentlichen Diskurs ihre Qualität, Integrität und unverzichtbare Anwendung. Wir haben gesehen, was passiert, wenn diese Verteidigung fehlt. Behandlungen bei COVID-19 [1], [2] und der Alzheimer-Krankheit [3] oder Verschreibungspraktiken von Antibiotika [4] fanden breite Akzeptanz, bevor eine sorgfältige Evidenzsynthese deutlich machte, wie gering ihr Nutzen tatsächlich ist – und in manchen Fällen, welchen Schaden sie verursachen. Diese Schlussfolgerungen waren zu dem Zeitpunkt, als man sie am dringendsten brauchte, nicht populär. Aber genau das ist die Aufgabe von Cochrane: bereit zu sein, die unliebsame Nachricht zu überbringen, bevor die Welle des Vertrauens bricht – nicht danach. Diesem Ideal gerecht zu werden, bedeutet, dass wir unsere Mission sowohl bekräftigen als auch weiterentwickeln müssen. Ich möchte das auf fünf verschiedene Weisen erreichen. Aber ehrlich gesagt, ist die folgende Darstellung ordentlicher als die Wirklichkeit, die immer unübersichtlicher und verschlungener sein wird.

Im ersten Schritt stärken wir die redaktionelle Leitung und Verantwortlichkeit. Vertrauen hängt nicht nur von strengen Methoden ab, sondern auch von eindeutiger Verantwortlichkeit für Entscheidungen. Das bedeutet, dass diese in redaktionellen Fragen konsistent, transparent und strategisch ausgerichtet sind und früh im Prozess angewendet werden. Redaktionelles Urteilsvermögen muss dort gebündelt werden, wo Expertise wirklich einen Mehrwert bietet – statt dünn über jede Phase verteilt zu sein. Denn das verlangsamt alles, ohne irgendetwas zu verbessern. Wir haben bereits erste Optimierungen vorgenommen, doch dieses Thema bleibt weiterhin eine Baustelle.

Foto: Наталья Косаревич, Adobe Stock.

Zweitens werden wir schneller, ohne dort Abstriche zu machen, wo unsere Vertrauenswürdigkeit beeinträchtigt werden könnte. Ich werde häufig auf diese Gegensätzlichkeit angesprochen, und ich glaube eigentlich nicht, dass es eine ist. Langsame Evidenz versagt genauso gründlich wie schlampige Evidenz. Unsere redaktionelle Linie ist darauf ausgerichtet, die Veröffentlichungsgeschwindigkeit zu erhöhen – mit eindeutigen Verantwortlichkeiten, früheren Zeitpunkten für Entscheidungen, weniger unnötigen Revisionsrunden und unter der Verwendung von KI-Tools, die den Arbeitsablauf unterstützen, ohne das Urteilsvermögen zu ersetzen, das in seinem Zentrum steht. Wir investieren in Maßnahmen, die sicherstellen, dass unsere Evidenz aktuell bleibt. Nur so können unsere Kernaussagen mit den neu eingehenden Daten Schritt halten. Die mediane Zeit von der ersten Einreichung eines Manuskripts bis zur Veröffentlichung ist 2026 von 11,9 Monaten im Januar auf 8,6 Monate im Juli gesunken. Unser nächstes Ziel ist die Reduktion auf 6 Monate.  Das ist ehrgeizig, aber erreichbar, wenn wir aufhören, doppelten Aufwand an Stellen zu betreiben, an denen das nicht die Qualität sichert.

Drittens übernehmen wir die Führung bei der Methodenentwicklung – nicht nur bei der Synthese von Evidenz, sondern im gesamten Kreislauf ihrer Erzeugung. Die Expertise in der Bewertung von Primärforschung hebt Cochrane in eine Position, die nur sehr wenige andere Organisationen teilen. Wir können zu den Standards beitragen, nach denen Forschung überhaupt erst durchgeführt wird,  statt sie lediglich im Nachhinein zu bewerten. Das bedeutet, dass wir mit am Tisch sitzen, wenn Studien konzipiert, KI-Tools validiert und Leitlinien für die Berichterstattung verfasst werden. Unsere Studie zum Einsatz von KI in Evidenzsynthesen ist Teil dieser Entwicklung [5], ebenso wie unser neuer Ansatz zum Umgang mit zurückgezogenen Publikationen [6]. Wir werden ausloten, wo es sich lohnt, das Themenspektrum unserer Publikationen zu erweitern. Dazu gehören auch innovative Ansätze zur Erstellung von Forschungsevidenz, die von derselben strengen und transparenten Prüfung und dem Engagement der Cochrane Community profitieren sollen, die all unseren Inhalten zugrunde liegen.

Foto: Наталья Косаревич, Adobe Stock.

Viertens müssen wir klarer definieren, was als glaubwürdige Evidenz zählt, und strategischer vorgehen, wenn wir Reviews in Auftrag geben. Randomisierte kontrollierte Studien bleiben dafür grundlegend, doch kein einzelnes Studiendesign kann alle Fragen beantworten. Um all den Bedürfnissen von Patient*innen, Kliniker*innen und Entscheidungsträger*innen gerecht zu werden, müssen wir auf Formen der Evidenz zurückgreifen, die für die jeweilige Entscheidung am besten geeignet sind. Target Trial Emulation, Beobachtungsstudien und prognostische Modellierung haben ihre Berechtigung, wenn sie nach strengen Kriterien angewendet werden. Bei Cochrane wird diese methodische Debatte geführt. Aber gleichzeitig überwiegen bei den Reviews in Vorbereitung weiterhin Fragestellungen zu Interventionen. Das zeigt mir, dass wir überlegter vorgehen müssen, wenn wir die Gesundheitsfragen auswählen, die global betrachtet am dringendsten beantwortet werden müssen. Und wenn wir abwägen, welche Evidenz dafür nötig ist, und entsprechende Reviews in Auftrag geben.

Der fünfte und wichtigste Punkt: Cochrane ist zuallererst eine Community. Unsere größte Stärke liegt in unserem weltweiten Netzwerk aus Tausenden von Forschenden, Kliniker*innen, Methodenentwickler*innen und Mitwirkenden aus der Öffentlichkeit, die zu unserer Arbeit beitragen. Im Moment haben einige von ihnen das Gefühl, von außen zuzusehen. Das höre ich in Gesprächen über Zentralisierung, scheinbar undurchsichtige Entscheidungen oder die Distanz zum Hauptsitz. Mit Unterstützung des Central Editorial Teams kann die Cochrane Community Evidenz produzieren, damit sie auch die Wirkung entfaltet, die sie verdient. In der Praxis bedeutet das, dass wir Arbeitsabläufe gemeinsam gestalten, beim Treffen von Entscheidungen transparent sind und zukünftige Führungspersönlichkeiten aufbauen – und das besonders in Entwicklungs- und Schwellenländern. So können wir auch die historische Ungleichheit bei der Erstellung von Evidenz angehen. Diese Artikelreihe ist eine Einladung, gemeinsam an der Gestaltung dieser Zukunft mitzuwirken.

Foto: Наталья Косаревич, Adobe Stock.

Cochrane hat dazu beigetragen, einige der größten Fortschritte in der globalen Gesundheitsversorgung voranzutreiben und ist heute bedeutsamer denn je – nicht als Überbleibsel aus einer gemächlicheren Zeit, sondern als eine der wenigen Institutionen, die für das jetzige Informationszeitalter geschaffen sind. Ich glaube, dass wir beim nächsten Sprung in der Erstellung von vertrauenswürdiger, hochwertiger und unabhängiger Evidenz ganz vorne mit dabei sein können. Dafür müssen wir uns weiterentwickeln – durchdacht, kritisch und gemeinsam.

Letztlich geht es bei dieser Arbeit nie nur um Evidenz, sondern auch darum, welche Welt wir aufbauen und welche wir hinter uns lassen wollen.

Rupa Sarkar, Chefredakteurin von Cochrane

Der Originalartikel ist hier erschienen.


Erklärung von Interessenkonflikten:

Rupa Sarkar ist von Cochrane als Chefredakteurin (Editor-in-Chief) angestellt.

Danksagung:

Die Autorin möchte Karla Soares-Weiser (CEO, Cochrane), Toby Lasserson (Deputy Editor-in-Chief, Cochrane), Harry Dayantis (Head of Communications, Cochrane) und Anne Flegel (Deputy for Editorial Operations, Cochrane) für ihre Unterstützung beim Erstellen dieses Leitartikels danken. Die Autorin möchte außerdem Denise Mitchell (Senior Production Editor, Cochrane) und Elizabeth Royle (Production Manager, Cochrane) für das Lektorat sowie Justin Mann (Managing Editor, Cochrane) für die Leitung des redaktionellen Ablaufs danken.

Herkunft und Peer Review:

Dieser Leitartikel wurde von der Chefredakteurin initiiert und nicht extern begutachtet.

Übersetzung ins Deutsche:

Dr. Erik von Elm, Cochrane Deutschland & Cochrane Schweiz und Leonie Jungen, Cochrane Deutschland

Referenzen:

[1] Singh B, Ryan H, Kredo T, Chaplin M, Fletcher T. Chloroquine or hydroxychloroquine for prevention and treatment of COVID‐19. Cochrane Database of Systematic Reviews 2021, Issue 2. Art. No.: CD013587. DOI: 10.1002/14651858.CD013587.pub2. https://doi.org/10.1002/14651858.CD013587.pub2

[2] Popp M, Reis S, Schießer S, Hausinger R, Stegemann M, Metzendorf M-I, et al. Ivermectin for preventing and treating COVID‐19. Cochrane Database of Systematic Reviews2022, Issue 6. Art. No.: CD015017. DOI: 10.1002/14651858.CD015017.pub3. https://doi.org/10.1002/14651858.CD015017.pub3

[3] Nonino F, Minozzi S, Sambati L, Del Giovane C, Baldin E, Bassi MC, De Santis C, Gonzalez-Lorenzo M, Vignatelli L, Filippini G, Richard E. Amyloid‐beta‐targeting monoclonal antibodies for people with mild cognitive impairment or mild dementia due to Alzheimer’s disease. Cochrane Database of Systematic Reviews2026, Issue 4. Art. No.: CD016297. DOI: 10.1002/14651858.CD016297. https://doi.org/10.1002/14651858.CD016297

[4] Venekamp RP, Sanders SL, Glasziou PP, Rovers MM. Antibiotics for acute otitis media in children. Cochrane Database of Systematic Reviews2023, Issue 11. Art. No.: CD000219. DOI: 10.1002/14651858.CD000219.pub5. https://doi.org/10.1002/14651858.CD000219.pub5

[5] Gartlehner G, Banda S, Callaghan M, Chase JA, Dobrescu A, Eisele-Metzger A, et al. Cochrane evaluation of (semi-)automated review methods: protocol for an adaptive platform study within reviews. Journal of Clinical Epidemiology2026 Jun 19 [Epub ahead of print];198:112390. doi: 10.1016/j.jclinepi.2026.112390. https://doi.org/10.1016/j.jclinepi.2026.112390

[6] Cochrane strengthens systems to manage retracted publications in its published reviews. Available at https://www.cochrane.org/about-us/news/cochrane-strengthens-systems-manage-retracted-publications-its-published-reviews

Wie gefällt Ihnen dieser Artikel?

Klicken Sie auf einen Stern, um den Artikel zu bewerten.

Durchschnittsbewertung: 5 / 5. Anzahl an Bewertungen: 1

Bisher keine Bewertungen. Seien Sie die/der Erste!

Wir freuen uns über Rückmeldung von Ihnen!

Schreiben Sie uns, was wir in Zukunft verbessern oder beibehalten sollten?

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Nach oben scrollen