Stottertherapie: Kind und stottern

Wenn Kinder stottern, helfen keine Murmeln im Mund

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5 bis 10 % aller Kinder stottern. Bei Kindern bis sechs Jahren verschwindet die Sprechstörung oftmals von allein oder durch eine gezielte Behandlung. Eine Therapiemethode für Kinder im Vorschulalter ist das sogenannte Lidcombe-Programm. Ein aktueller Cochrane Review untersuchte, ob dieses Programm stotternden Kindern helfen kann.

«Schieben Sie sich diese Glasmurmeln in den Mund! Und wenn Ihre königliche Hoheit dann die Freundlichkeit besäßen, dies hier vorzulesen!» Mit diesen Worten beginnt im mehrfach oscarprämierten Spielfim „The King’s Speech“ ein weiterer erfolgloser Versuch, Prinz Albert, den späteren britischen König Georg VI, von seinem Stottern zu heilen. Auf den Hinweis des kurz darauf gefeuerten Sprachtherapeuten, schon der griechische Redner Demosthenes habe so sein Stottern unter Kontrolle gebracht, stellt die Ehefrau des Prinzen im Film die richtige Frage nach der Evidenz: «Hat es denn seitdem nochmal funktioniert?»

Tatsächlich war der Glaube an solch drastische Therapien zu jener Zeit weit verbreitet. Weitaus gefährlicher – und ebenso unwirksam – war die noch im 19. Jahrhundert durchgeführte chirurgische Behandlung des Sprachfehlers, bei der ein keilförmiges Stück an der Zungenwurzel herausgeschnitten wurde. Auch das Durchtrennen des Bändchens zwischen Zunge und Zungengrund zur Stottertherapie erscheint heute nur noch kurios.

König Georg IV war nicht der einzige prominente Stotterer, der seit seiner Kindheit stotterte. Auch Newton, Darwin oder Churchill stotterten, ebenso wie berühmte Schauspieler*innen und Sänger*innen wie Bruce Willis, Marilyn Monroe, Rowan Atkinson (aka «Mr. Bean») oder Ed Sheeran. Ihre (Leidens-)Geschichten zeigen aber, dass Stottern durchaus heil- oder zumindest kontrollierbar sein kann.

Was ist Stottern?

Bei stotternden Menschen ist der normale Redefluss und der zeitliche Ablauf des Sprechens gestört. Während der Sprachentwicklung ist das bei Kindern ganz normal. Die genaue Ursache des Stotterns ist bisher jedoch noch unbekannt. Allerdings spielen wohl eine familiäre Veranlagung sowie äussere Einflüsse eine Rolle.

Stotternde Menschen wissen ganz genau, was sie sagen möchten. Allerdings fällt es ihnen schwer, dies flüssig auszusprechen. Typische Merkmale des Stotterns sind wiederholte Laute (T-T-T-Tasche), Silben (Co-Co-Cola) bzw. Wörter (mit –mit –mit dem Auto) oder gedehnte Laute (mmmmeine). Manche Betroffene bauen hörbare oder stumme Blockierungen vor oder in einem Wort ein.

Müdigkeit oder Aufregung kann zu Phasen vermehrten Stotterns beitragen. Dagegen sprechen Kinder oftmals flüssiger mit vertrauten Personen oder ihren Haus- und Kuscheltieren. Offenbar hängt die Wahrscheinlichkeit einer Stotter-Episode also erheblich von den äußeren Umständen und dem gefühlten Stress ab. Dieser zeigt sich auch in einem verkrampften Gesicht oder Stimme. Manche stotternde Menschen zwinkern häufiger, nicken vermehrt mit dem Kopf, erröten oder schwitzen beim Sprechen. Daher versuchen sie bestimmte Wörter oder Situationen zu vermeiden. Dies kann sich negativ auf das Selbstvertrauen und die Lebensqualität sowohl von Kindern als auch Erwachsenen auswirken. Umso wichtiger sind wirksame Behandlungen für das Stottern, um späteren negativen Auswirkungen vorzubeugen. Andererseits ist für Betroffene auch wichtig, einen offenen Umgang mit dem Stottern zu entwickeln und die damit verbundenen Ängste und letztlich den hinderlichen Stress abzubauen.

Häufigkeit und Auftreten

Stottern beginnt häufig im Alter zwischen zwei und sechs Jahren. Dieses entwicklungsbedingte Stottern ist weit verbreitet. Insgesamt durchleben rund fünf Prozent aller Kinder eine längere Phase, in der sie mit dem Stottern kämpfen. Jungen sind bis zu drei Mal so häufig betroffen wie Mädchen. Bei vielen Kindern verschwindet das Problem innerhalb von zwei Jahren nach Auftreten entweder spontan oder mit Hilfe einer Therapie. Gut ein Drittel der stotternden Kinder tun dies jedoch auch noch als Erwachsene. Bei ihnen bleibt das Stottern meist langfristig bestehen. Im Erwachsenenalter sind Männer sogar fünfmal häufiger als Frauen betroffen.

Verschiedene Therapieansätze

Unabhängig vom Alter kann das Auswendiglernen von Texten oder Gedichten helfen, da hierbei andere Hirnregionen beteiligt sind als beim normalen Sprechen. Durch eine solche Sprachtherapie kamen manche Schauspieler*innen und Sänger *innen überhaupt erst zu ihrem Beruf. Nichtsdestotrotz kann bei Erwachsenen meist nur eine Reduktion der Stotterrate erzielt werden, während bei Kindern ein stotterfreier Redefluss das Ziel einer Therapie ist.

Welche Behandlungsmethode kann bei Kindern sowohl kurz‐ als auch langfristig den Redefluss, das Kommunikationsverhalten und die Lebensqualität verbessern? Und gibt es möglicherweise schädliche Wirkungen solcher Therapien? Dies herauszufinden, war Ziel eines Cochrane Reviews. Allerdings fanden die Autor*innen nur vier Studien, die ihren zuvor definierten Einschlusskriterien entsprachen. Alle vier untersuchten denselben Therapieansatz, das sogenannte Lidcombe-Programm.

Das Lidcombe-Programm…

Dabei handelt es sich um eine verbreitete Therapiemethode für Kinder im Vorschulalter. Entwickelt wurde sie in den 1980er Jahren am Australian Stuttering Research Centre , das damals seinen Sitz in Lidcombe, einem Vorort von Sydney, hatte. Bei diesem Programm üben die Kinder regelmässig in ihrem bekannten Umfeld mit den Eltern als Co-Therapeuten. Allerdings werden dabei nicht Texte auswendig gelernt, sondern zuhause alltägliche Gespräche geübt. Dabei erhalten die Familien therapeutische Unterstützung. In den anfänglich wöchentlichen Sitzungen (Phase I) lernen Eltern, wie sie das tägliche Training des Kindes in ihren Alltag integrieren können und bekommen direktes Feedback. Typischerweise loben die Eltern ihre Kinder, wenn sie stotterfrei gesprochen haben, fordern sie auf, das Gesprochene selbst zu bewerten oder auch einzelne Wörter zu korrigieren. Diese Phase dauert so lange, bis das Kind ganz oder überwiegend stotterfrei ist. In der anschliessenden Phase II werden die Abstände zwischen den Sitzungen immer grösser. Meist dauert sie zwischen 12 und18 Monate.

Während beim britischen Regenten der Therapeut und seine Frau die massgeblichen Rollen spielten (zumindest dem Film zufolge), sind es beim Lidcombe-Programm die Eltern. Sie sollten hoch motiviert sein, um mit ihrem Kind täglich 10 bis15 Minuten zu üben – und dies mindestens 18 Monate lang. Auch für die wöchentlichen Sitzungen sollte genügend Zeit einkalkuliert werden. Im Idealfall ziehen Therapeut*in, Eltern und Kind gemeinsam an einem Strang. Hierdurch soll die neu erworbene Redeflüssigkeit erhalten bzw. die Stotterrate niedrig gehalten werden.

…und seine Evidenzbasis

Die Cochrane-Autor*innen schlossen vier Studien mit insgesamt 151 Kindern im Alter von zwei bis sechs Jahren in ihren systematischen Review ein. Zwei der Studien fanden in Australien, eine in Neuseeland und eine in Deutschland statt. Die Kinder besuchten zusammen mit ihren Eltern einmal wöchentlich Sprachtherapeut*innen in einer Klinik. Bei einer der beiden australischen Studien fand das wöchentliche Gespräch per Telefon statt. Die Kinder nahmen 12 Wochen (1 Studie), 16 Wochen (1 Studie) oder 9 Monate (2 Studien) am Lidcombe-Programm teil. Alle vier Studien berichteten über die Wirkungen der Behandlung auf die Häufigkeit des Stotterns. Dies wurde anhand eines Eingangs- und Abschlusstests durch die Forscher*innen sowie durch die Eltern eingeschätzt. Als Vergleich dienten Kinder, die zunächst auf eine Warteliste gesetzt wurden und später die Therapie erhielten.

Im Anteil der gestotterten Silben zeigte sich zwar eine leichte Reduzierung bei den Vorschulkindern, die am Lidcombe-Programm teilnahmen. Allerdings können die Cochrane-Autor*innen aufgrund der sehr niedrigen Vertrauenswürdigkeit der Evidenz nach GRADE nicht sagen, ob dieses Ergebnis den wahren Effekt widerspiegelt . Klarere Ergebnisse zeigten sich in der Spracheffizienz, d.h. der Anzahl der nicht gestotterten Silben pro Sekunde. Sie wird durch das Lidcombe‐Programm wahrscheinlich verbessert (moderate Vertrauenswürdigkeit der Evidenz nach GRADE), allerdings basiert dieses Teilergebnis nur auf den Daten einer einzigen Studie.

In den eingeschlossenen Studien wurden keine schädlichen Wirkungen durch das Lidcombe-Programm beschrieben. Auch fehlte es an belastbarer Evidenz, ob sich die Behandlung positiv auf den Schweregrad des Stotterns, das Kommunikationsverhalten oder die emotionale, kognitive oder psychosoziale Entwicklung der Kinder auswirkt.

Im Cochrane-Review wurden die Kinder nur in einer der eingeschlossenen Studien länger als ein Jahr beobachtet. Daher fordern die Autor*innen, zukünftige Studien über einen längeren Zeitraum zu planen. Dies und eine grössere Teilnehmerzahl würde die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz erhöhen und könnte klären, in wie weit die in Aussicht gestellte Wirkung wirklich existiert. Auch sollten in Zukunft andere Therapiemöglichkeiten als das Lidcombe-Programme in Studien untersucht werden, so die Autor*innen.

Selbstvertrauen stärken kann Berge versetzen…

…und stotternden Menschen bei ihrer Therapie helfen. Da sind sich Expert*innen einig. Im Film, der sich dicht an die historisch belegten Ereignisse hält, findet Prinz Albert schließlich wirkliche Hilfe in Person des unkonventionellen Sprachtherapeuten Lionel Logue. Logue, der auch zu einem engen Freund wird, verleiht ihm durch ein intensives Sprechtraining, dessen genaue Natur nicht überliefert ist, neues Selbstvertrauen. Schließlich gelingt es Albert, wichtige öffentliche Reden stotterfrei zu halten. Die Aufnahme seiner im Radio weltweit übertragenen Krönungsansprache aus dem Jahr 1937 beweist, dass dieses Happy End für König Georg VI nicht nur eine Erfindung des Films war.

Text: Anne Borchard, Cochrane Schweiz

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