Pflegerin misst Blutdruck bei älterer Dame

Bluthochdruck: Ist weniger wirklich mehr?

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Hohen Blutdruck haben viele, doch im Alter nimmt das Risiko erheblich zu. Die Werte zu senken soll Betroffene vor schweren Folgeerkrankungen schützen. Welche Grenzwerte man bei der Behandlung von Bluthochdruck anpeilen sollte, ist jedoch umstritten. Ein Cochrane-Review fasst die Evidenz zusammen – wir stellen die wichtigsten Ergebnisse in diesem vierten Teil unserer Serie „Gesundes Altern“ vor.

Bluthochdruck: Das ist eine Diagnose, die viele Menschen im Laufe ihres Lebens erhalten. Dabei steigt das Risiko mit dem Alter deutlich. Jenseits des 65. Geburtstages hat in Österreich, der Schweiz und Deutschland mehr als jeder/jede Zweite einen deutlich erhöhten Blutdruck. Meistens lautet die ärztliche Empfehlung dann, die Werte zu senken – auch wenn die so genannte Hypertonie für die Betroffenen oft nicht spürbar oder gar unangenehm ist.

Ziel der Blutdrucksenkung ist die Vorbeugung oder Linderung von Krankheiten sowie die Verhinderung von Todesfällen. Denn ein dauerhaft erhöhter Blutdruck führt zu einer starken Belastung der Gefäße. Dadurch drohen unter anderem Herzinfarkt, Schlaganfall und Nierenschäden.

Fachleute sind sich nicht einig

Europäische Fachgesellschaften empfehlen im Allgemeinen, einen Blutdruck-Wert von bis zu 140/90 mmHg (Millimeter Quecksilbersäule) als „normal“ zu betrachten. Werte darüber werden demnach als Bluthochdruck gewertet und sollten gesenkt werden. Es gibt aber auch weitergehende Empfehlungen, etwa 135/85 mmHg oder gar 130/80 mmHg – in der Hoffnung, dass die Gesundheit durch die Extra-Senkung noch zusätzlich profitiert. So zumindest wurden manche Studien in der Vergangenheit interpretiert.

Fachleute sind sich darüber allerdings nicht einig. Schließlich bedeuten niedrigere Zielwerte, dass Betroffene blutdrucksenkende Medikamente früher oder mit höheren Dosierungen einnehmen und dadurch eventuell auch mehr Nebenwirkungen auftreten.

Ein Cochrane-Forschungsteam aus Costa Rica und Kanada ist der Frage nachgegangen, ob sich mit niedrigeren Grenzwerten bei Personen mit bekanntem Bluthochdruck die Sterblichkeit und das Risiko für Erkrankungen senken lässt. Für das aktuelle Update eines erstmals 2009 erschienenen Cochrane Reviews haben sie nach den besten verfügbaren Studien zu diesem Thema gesucht, deren Vertrauenswürdigkeit geprüft und die Ergebnisse rechnerisch zusammengefasst.

Niedriger ist nicht automatisch besser

Das Ergebnis: Eine stärkere Senkung des Bluthochdrucks auf höchstens 135/85 mmHg bringt offenbar keine deutlichen Vorteile mit sich. So kann das niedrigere Blutdruckziel wohl nicht mehr Todesfälle verhindern als das Ziel von maximal 140/90 mmHg. Gleichzeitig bleibt das Risiko für schwerwiegende unerwünschte Ereignisse vermutlich auf einem ähnlichen Niveau. Die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz für diese Ergebnisse wurde im GRADE-System zur Bewertung von Evidenz als moderat bis hoch eingestuft.

Ein kleiner Vorteil durch die stärkere Blutdrucksenkung deutet sich hinsichtlich Herzinfarkt und Herzinsuffizienz an. Beide Erkrankungen traten in den Studiengruppen mit den niedrigeren Grenzwerten ein wenig seltener auf. Allerdings war das Risiko für Herzinfarkt und Herzinsuffizienz insgesamt in beiden Gruppen sehr gering. Kein Unterschied zeigte sich hinsichtlich der Häufigkeit von Schlaganfällen. Die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz für diese Punkte wurde als niedrig eingeschätzt.

Die Übersichtsarbeit im Detail

Diese Ergebnisse basieren auf 11 Studien, in die Daten von knapp 39.000 Personen einflossen sind. Die jüngsten Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren zu Studienbeginn 20, die ältesten 80 Jahre alt; ihr Durchschnittsalter lag bei 63 Jahren. Sie hatten zu Beginn im Durchschnitt einen Blutdruck von 155/91 mmHg, wurden je nach Studie 1 bis 7 Jahre lang beobachtet und kamen aus über 25 Ländern Asiens, Europas, Nordamerikas und Südamerikas.

In allen Studien wurden die Teilnehmenden per Zufallsprinzip einem Blutdruckziel zugewiesen und nahmen entsprechend Medikamente ein: Entweder sollten sie den höheren Grenzwert (140/90 mmHg) erreichen oder einen niedrigeren Grenzwert (135/85 mmHg) anstreben.

In beiden Gruppen starben etwa 4 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Laufe der Studien; die unterschiedlichen Blutdruckziele hatten demnach keinen Einfluss auf die Anzahl der Todesfälle. In beiden Gruppen erlitten rund 30 Prozent unerwünschte Ereignisse. Auch hier gab es insgesamt also keine Unterschiede.

Einige schwerwiegende unerwünschte Ereignisse betrachtete das Autorenteam im Detail. Dabei zeigten sich kleine Gruppenunterschiede in Bezug auf Herzinfarkte und Herzinsuffizienz: Die Teilnehmenden mit dem niedrigeren Blutdruckziel schnitten hier ein wenig besser ab (Herzinfarkt: 2,1%; Herzinsuffizienz: 1,9%) als jene mit höheren Grenzwerten (Herzinfarkt: 2,5%; Herzschwäche: 2,5%). In Bezug auf Schlaganfall und fortgeschrittene Nierenerkrankungen zeigten sich aber keine Unterschiede zwischen den Gruppen (jeweils ca. 2 Prozent).

Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten bereits vor Studienbeginn Medikamente zur Blutdrucksenkung eingenommen. Bei ihnen war also schon zu Beginn ein erhöhtes Risiko für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung bekannt. sie waren im Schnitt 63 Jahre alt.

Damit dürften sich die Studienergebnisse gut auf typische Bluthochdruck-Patientinnen und -Patienten aus der Allgemeinbevölkerung übertragen lassen, so das Cochrane-Autorenteam. Demnach bringt eine stärkere Blutdrucksenkung in dieser Gruppe offenbar keine größeren Nutzen mit sich.

Inwiefern die Ergebnisse der Übersichtsarbeit auch für andere Personengruppen gelten, ist unklar. Dazu zählen etwa junge Erwachsene mit Bluthochdruck oder Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen.


Infobox

beenhere

Nicht immer Medikamente

Um den Blutdruck zu senken, sind nicht immer Medikamente notwendig – auch Gewichtsreduktion, salzreduzierte Ernährung, mehr Bewegung, Alkoholreduktion und Rauchstopp können zu einer Normalisierung des Blutdrucks führen. Wenn Medikamente zum Einsatz kommen,
so stehen verschiedene Wirkstoffgruppen zur Verfügung, etwa ACE-Hemmer,
Betablocker und Diuretika.

Gesicherte Informationen rund um Bluthochdruck und
verschiedene Therapieformen finden Sie unter:
https://www.gesundheitsinformation.de/bluthochdruck-hypertonie.html



Quellen:


Dies ist der dritte Artikel unserer Serie zur Gesundheit im Alter.
Hier die bisher erschienenen Artikel der Serie:

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