Das Wochenbett als positive Erfahrung: Was Mütter nach einer Geburt brauchen.

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Eine neue Leitlinie der Weltgesundheitsorganisation WHO zur Betreuung von Mutter und Kind in den ersten sechs Wochen nach der Geburt stellt positive Erfahrungen für die Mutter in den Mittelpunkt. Dabei geht es um mehr als die Erbringung bestimmter Dienstleistungen. Eine gute postnatale Betreuung sollte darauf abzielen, den Bedürfnissen jeder einzelnen Frau gerecht zu werden. Ziel ist, dass alle frischgebackenen Familien diese kritische Zeit in ihrem Leben als etwas Positives erleben. Aleena Wojcieszek und Jessica Hatcher-Moore haben beide an der neuen Leitlinie mitgearbeitet, in die mehr als ein Dutzend verschiedene Cochrane Reviews eingingen. Hier erläutern sie die wichtigsten Empfehlungen aus zum Teil sehr persönlicher Sicht.

„Die Geburt ist der Anfang, nicht das Ende des Rennens“ – Jessica

Als ich zum ersten Mal als Mutter aufwachte, fühlte ich tiefe und überschwängliche Freude: Wir hatten einen gesunden kleinen Jungen. Mein zweiter Gedanke war, dass ich mich nicht aufsetzen konnte, um ihn anzuschauen. Meine Bauchmuskeln, so schien es, hatten ihren Platz geräumt und waren durch viel überschüssige Haut ersetzt worden. Ich drehte mich um und versuchte, mein Baby – das nicht mehr wog als eine durchschnittliche Katze – zu mir zu ziehen. Aber auch das gelang mir nicht.

Ich hatte gedacht, die Geburt würde das Ende der monatelangen körperlichen Umwälzungen bedeuten, die ich erlebt hatte. Aber in Wahrheit fing es gerade erst an.

Mein erstes Baby bekam ich mit 34. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich an einen Körper mit einer endlichen Liste von Funktionen, einem bestimmten Hormonprofil und einer weitgehend stabilen Form gewöhnt. Und dann, innerhalb weniger Stunden, entdeckten meine Brustwarzen eine höhere Berufung, meine Körperform machte eine vollständige und dramatische Metamorphose durch, und mein Hormonspiegel ließ den Börsencrash von 2008 harmlos aussehen.

Im Nachhinein ist es schwer zu sagen, welcher Aspekt der postnatalen Periode mir schwerer fiel: die steinharten, kurz vor einer Infektion stehenden Brüste; die Vulva und die Vagina, die schmerzten und bluteten wie eine Wunde; die Tatsache, dass ich kaum niesen konnte, ohne auszulaufen; oder die Schlaflosigkeit und die Weinkrämpfe, die mir das letzte bisschen Energie raubten. Aber gleichzeitig fühlte es sich auch unendlich herrlich an, Mutter zu sein und ein Baby zu haben.

Die meisten Frauen bereiten sich auf die Geburt vor. Aber wir sollten uns auch auf das vorbereiten, was danach kommt. Die Statistiken über den Gesundheitszustand nach der Geburt sprechen für sich: Eine von acht Müttern leidet unter postnatalen Depressionen, etwa eine von zehn unter Mastitis (entzündete und schmerzende Brüste) und etwa ein Drittel unter Harninkontinenz. Werdende Mütter brauchen in dieser entscheidenden Phase ihres Lebens und des Lebens ihrer Babys Unterstützung. Und doch fühlen sie sich allzu oft vom Gesundheitssystem im Stich gelassen. Die begrenzten Ressourcen werden für die Neugeborenen eingesetzt, während die Mütter mit ihren Problemen allein gelassen werden.

Koautorin Jessica Hatcher-Moore mit ihrem zweiten Baby.
Autorin Jessica Hatcher-Moore stillt zu Hause ihr zweites Kind. Jessica erwartete, dass das Stillen ganz intuitiv klappen würde. Aber das Überangebot an Milch machte die ersten Monate schwierig. Foto © Philip Hatcher-Moore

„Gute“ postnatale Betreuung neu definieren – Aleena

Die postnatale Phase – von der WHO als die ersten sechs Wochen nach der Geburt definiert – ist in der Regel eine freudige Zeit für Frauen und Familien. Aber es ist auch eine Zeit der großen Anpassungen, wie Jessicas Erfahrungen zeigen. Und sie ist selten ohne große Herausforderungen, selbst wenn es der Frau und dem Baby scheinbar gut geht.

In der globalen Gesundheitsversorgung haben wir uns in der postnatalen Versorgung lange darauf konzentriert, Todesfälle und schwere Erkrankungen bei Frauen und Säuglingen zu reduzieren. Aber das ist einfach nicht genug. So wie es bei einer „guten Geburt“ um mehr geht als um ein lebendiges, gesundes Baby, geht es in der Phase nach der Geburt um so viel mehr als das bloße Überleben.

Wir brauchen dringend einen ganzheitlicheren Ansatz.

Die ersten sechs Wochen nach der Geburt sind eine kritische Zeit für Frauen, Babys und Familien. Die erhaltene Pflege und die Erfahrungen damit bilden die Grundlage für die künftige Gesundheit und das Wohlbefinden aller Beteiligten. Positive Erfahrungen nach der Geburt sind entscheidend. Dazu gehört, dass Frauen, Eltern und Familien die notwendigen Informationen und die Sicherheit erhalten, die sie brauchen. Und dass diese Angebote auf ihre Lebensumstände zugeschnitten sind.

Die neue Leitlinie der Weltgesundheitsorganisation (WHO recommendations on maternal and newborn care for a positive postnatal experience) spiegelt diesen wichtigen Wandel in der Denkweise weltweit über die Betreuung von Frauen und Babys während der Schwangerschaft, der Geburt und der postnatalen Phase wider. Es geht um das Gedeihen, nicht nur um das Überleben.

Die Leitlinie enthält 63 Empfehlungen zur Betreuung von Müttern und Neugeborenen, ebenso wie zu Gesundheitssystemen und zur Gesundheitsförderung in der postnatalen Phase. Die Empfehlungen wurden von einer Gruppe internationaler Expert*innen auf der Grundlage der verfügbaren wissenschaftlichen Evidenz erarbeitet. Und die Empfehlungen gehen weit über das hinaus, was wir tun können, um Tod und Krankheit zu verringern (siehe Abbildung 1).

Zwölf Cochrane-Reviews trugen zu 13 der neuen und/oder aktualisierten Empfehlungen bei, die sich hauptsächlich auf die Betreuung von Müttern beziehen. Diese Cochrane-Reviews umfassen folgende Themen:

  • Linderung von postpartalen Schmerzen (5 Übersichtsarbeiten; 3 Empfehlungen)
  • Beckenbodentraining zur Stärkung des Beckenbodens (1 Übersichtsarbeit; 1 Empfehlung)
  • Vorbeugung und Behandlung von Brustschwellungen und Mastitis (2 Übersichtsarbeiten; 4 Empfehlungen)
  • Vorbeugung von postpartaler Verstopfung (1 Übersichtsarbeit; 1 Empfehlung)
  • Vitamin-D-Supplementierung für gestillte Säuglinge (1 Übersichtsarbeit; 1 Empfehlung)
  • Zeitpunkt der Entlassung aus Gesundheitseinrichtungen nach Hause (1 Übersichtsarbeit; 1 Empfehlung)
  • Zeitpläne für postnatale Pflegekontakte (1 Übersichtsarbeit; 2 Empfehlungen).

Neben den 12 Cochrane-Reviews wurden auch Ergebnisse einer demnächst erscheinenden qualitativen Cochrane-Evidenzsynthese zu Faktoren, die die postnatale Betreuung beeinflussen, herangezogen. Sie sollte helfen, die Akzeptanz und Durchführbarkeit verschiedener Aspekte der postnatalen Betreuung aus Sicht von Gesundheitspersonal zu verstehen. (Anmerkung: Die Ansichten von Frauen und Familien wurden im Rahmen anderer, nicht von Cochrane stammender Evidenzsynthesen bewertet).

Die Cochrane-Evidenz unterstreicht den erweiterten Anwendungsbereich der Leitlinie und wirft ein wichtiges Licht auf einige der häufigsten Erfahrungen von Frauen nach der Geburt eines Kindes.

Die Informationslücke füllen – Jessica

In einer Umfrage fragte MUTU (ein Online-Fitnessprogramm für frischgebackene Mütter) kürzlich Frauen, welche Fragen sie nach der Geburt eher googeln würden, anstatt sie einer Ärztin oder einem Arzt zu stellen. „Alles“ war eine der am häufigsten gegebenen Antworten.

Während der ersten Wochen und Monate im Leben meines Sohnes googelte ich alle paar Tage etwas – Verstopfung, Mastitis, Inkontinenz, Prolaps – und durchforstete die Ergebnisse nach evidenzbasierten Ratschlägen. Unweigerlich wurde ich enttäuscht.

Als Journalistin las ich die Cochrane-Reviews und die randomisierten kontrollierten Studien. Aber fast alle schienen mit der Feststellung zu enden, dass es an Evidenz für das, was ich brauchte, mangelte – ob es sich nun um Kohlblätter oder Kegel-Übungen, Pflaumen oder Beckenbodentrainer handelte.
Schließlich rief ich einen weltweit führenden Spezialisten für Beckenbodengesundheit, John DeLancey, an. Er bestätigte meine Befürchtungen: Für viele der von unseren Gesundheitssystemen vorgeschlagenen Maßnahmen gibt es einfach keine gute Evidenz. Als ich meine Hausärztin aufsuchte, wurde ich erneut enttäuscht. Sie sagte mir, dass sich meine Probleme mit der Zeit bessern würden und dass leichte Inkontinenz nach einem großen Baby ganz normal sei. Und so wurde ich mein eigener Arzt.
Als frischgebackene Mutter war ich fröhlich und aktiv. Aber hinter meiner lockeren Fassade hatte ich Angst, dass mein Körper nie wieder richtig funktionieren würde. Doch anstatt darüber zu sprechen, verbarg und ignorierte ich meine Symptome, wann immer ich konnte.
Tatsächlich können scheinbar unbedeutende Dinge – Verstopfung, Vaginalschmerzen, Inkontinenz bei leichter Belastung oder geschwollene Brüste – sehr große Auswirkungen auf die betroffene Person haben. Sie untergraben das Selbstvertrauen und führen zu Schamgefühlen.

Der Mangel an verlässlichen, fundierten Informationen für Frauen nach der Geburt war so eklatant, dass ich mich entschloss, ein Buch für frischgebackene Mütter zu schreiben, um diese Lücke zu schließen. Bei meinen Recherchen wurde mir klar, wie dringend notwendig qualitativ hochwertige Evidenz über die postnatale Gesundheit ist. Diese Evidenz könnte helfen, dass Frauen wie ich diese wichtige Zeit in unserem Leben nicht damit verbringen müssen, uns Sorgen um unseren Körper zu machen und zu rätseln, wie wir ihn reparieren können.

Koautorin Jessica Hatcher-Moore mit ihrem ersten Kind.
Autorin Jessica Hatcher-Moore zu Hause mit ihrem ersten Baby, wenige Tage nach der Geburt. Jessica hatte eine positive Geburtserfahrung, fühlte sich aber schlecht auf das vorbereitet, was danach kam.

Der neue Goldstandard in der postnatalen Versorgung – Aleena

Die WHO-Empfehlungen zur Betreuung von Müttern und Neugeborenen für eine positive postnatale Erfahrung bieten eine umfassende Zusammenfassung der verfügbaren Erkenntnisse, einschließlich aktueller Cochrane-Reviews, zu breiten Aspekten der postnatalen Betreuung.

Die Leitlinie enthält klare Empfehlungen zu den häufigsten Gesundheitsproblemen, die Frauen wie Jessica und ihre Babys nach der Geburt erleben. Sie rückt die Bedeutung der postnatalen Versorgung erneut und gebührend in den Mittelpunkt.

Am wichtigsten ist, dass sie positive Erfahrungen nach der Geburt in den Mittelpunkt der Betreuung stellt. Dazu gehört auch, dass anerkannt wird, was viele Frauen in der Zeit nach der Geburt durchmachen. Und dass ihr Bedarf an Informationen und Unterstützung gedeckt wird.
Denn keine Frau sollte sich nach der Geburt eines Kindes im Stich gelassen fühlen.

Leider gibt es im Bereich der postnatalen Versorgung noch große Forschungslücken. Die in die Cochrane Reviews eingeflossene wissenschaftliche Evidenz war in der Regel von geringer oder sehr geringer Vertrauenswürdigkeit. Ob aufgrund kleiner Stichprobengrößen, methodischer Probleme, inkonsistenter Daten oder anderer Probleme – der Mangel an qualitativ hochwertiger Forschung im Bereich der postnatalen Versorgung ist auffällig. Selbst beim allgegenwärtigen Thema postnatale Verstopfung waren die Studien zur Bewertung von Abführmitteln mehr als 40 Jahre alt!
Wir können und sollten es besser machen. Und größere Investitionen in die postnatale Versorgung im Allgemeinen könnten auch größere Investitionen in die Forschung nach sich ziehen.

Die neue Leitlinie zur postnatalen Versorgung vervollständigt eine Serie von WHO-Leitlinien rund um die Geburt, zu denen noch Empfehlungen zur Schwangerenvorsorge (2016) und zur Versorgung während der Geburt (2018) gehören. Zusammen können diese Leitlinien einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass die offizielle WHO-Vision für eine Versorgung von Frauen und Neugeborenen Wirklichkeit wird. Sie besagt, dass „jede schwangere Frau und jedes Neugeborene während der Schwangerschaft, der Geburt und in der Zeit nach der Geburt eine qualitativ hochwertige Versorgung erhält“.


Quellen als PDF


Die Autorinnen

Jessica Hatcher-Moore ist Associate Writer/Editor bei Green Ink und Autorin eines Buches über postnatale Gesundheitsversorgung. Sie hat viel in Afrika südlich der Sahara gearbeitet und wurde für ihre Berichterstattung über die Gesundheit von Frauen, Menschenrechte und Konfliktlösung ausgezeichnet.
Aleena Wojcieszek ist klinische Epidemiologin und Wissenschaftskommunikatorin. Sie arbeitet international als unabhängige Beraterin für Themen rund um die Gesundheit von Müttern und Neugeborenen. Sie ist honorary research fellow am Australian Centre of Research Excellence in Stillbirth (Stillbirth CRE) und Mitglied der International Stillbirth Alliance (ISA).

Dieser Text erschien ursprünglich auf Evidently Cochrane, dem Blog unserer Kollegen von Cochrane UK. Übersetzung: Katharina Wollmann und Georg Rüschemeyer. Bilder: © Philip Hatcher-Moore.

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