Bärtiger Mann beim Baden im Schnee

Unheilbar, aber halb so schlimm: Erkältungen und was man dagegen tun kann

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Halb Deutschland hustet, schnieft und fiebert; Medikamente werden knapp: Erkältungskrankheiten grassieren dieses Jahr wie schon lange nicht mehr. Am besten also erst gar nicht krank werden. Vermeintliche Geheimtipps für die Vorbeugung und Behandlung von Erkältungen gibt es im Internet genug. Wir schauen uns in mehreren Beiträgen eine Auswahl von Evidenz aus systematischen Reviews dazu an.

Erkältungen sind in den Industrienationen die häufigste akute Erkrankung. Im Durchschnitt bekommen Erwachsene zwei bis vier Erkältungen pro Jahr, kleine Kinder sogar sechs bis acht. Es handelt sich typischerweise um Infektionen der Atemwege wie Schnupfen, Halsentzündung und Bronchitis. Auslöser können eine Vielzahl von Erkältungsviren sein – die Wissenschaft kennt mehr als 200 verschiedene Typen davon, etwas aus den Gruppen der Rhino- und Adenoviren [1]. Übertragen werden sie durch virushaltige Tröpfchen, entweder direkt oder auf dem Umweg über Türklinken, Haltegriffe und andere Oberflächen. Erkältungsviren lösen eine Entzündung der Schleimhäute von Nase und Rachen aus, sind ansonsten aber weitgehend harmlos. Der fast immer gutartige Verlauf einer Erkältung unterscheidet sie von schwereren Atemwegserkrankungen wie der echten Grippe (Influenza-Viren) oder COVID-19 (SARS-CoV-2). Diese können zwar auch mild verlaufen, aber eben auch zu schweren Verläufen führen.

Strategien zur Vorbeugung

Erkältungen vergehen in der Regel nach einer guten Woche von selbst. Obwohl sie so weit verbreitet sind, gibt es bisher keine ursächliche Therapie. „Eine Erkältung dauert ohne Behandlung eine Woche, mit Behandlung sieben Tage“, sagt ein recht treffende Sprichwort. Allerdings kann man sich diese Woche erträglicher machen, indem man versucht, die Beschwerden zu lindern, bis das körpereigene Immunsystem die Infektion bekämpft hat.

Und wie steht es um die Vorbeugung? Klassische Hygienemaßnahmen wie häufiges Händewaschen senken die Wahrscheinlichkeit, sich mit den Viren anzustecken. Und ein gesunder Lebensstil (wie beispielsweise regelmäßige Bewegung, wie wir in einem früheren Beitrag auf Wissen Was Wirkt vorgestellt haben) stärkt das Immunsystem. Auch zahlreiche Hausmittel und rezeptfreie Präparate aus der Apotheke versprechen, die Wahrscheinlichkeit einer Erkältung zu reduzieren, beziehungsweise deren Verlauf zu erleichtern. Dazu gehören Vitamine und Spurenelemente, pflanzliche Mittel oder Probiotika zur Immunstimulation. Doch gibt es Beweise, dass diese Mittel wirklich helfen?

Normale Infektabwehr durch Vitamine verbessern?

Unbestritten ist: Eine ausreichende Menge an Vitamin D, Vitamin C und Zink ist für die Funktion des Immunsystems unentbehrlich. Ein langfristiger Mangel kann zu einer erhöhten Infektanfälligkeit führen. Entsprechend sind Werbeaussagen wie „Zink/Vitamin D/Vitamin C trägt zur normalen Funktion des Immunsystems bei“ als sogenannte Health Claims für Nahrungsergänzungsmittel (NEM) von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) zugelassen [2]. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass bei ausreichend versorgten Menschen durch eine zusätzliche Supplementation, die über den tatsächlichen Bedarf hinausgeht, weitere positive Effekte auf die Immunabwehr zu erwarten sind.

Vitamin D

In Kürze: Die Einnahme von Vitamin D hat in der europäischen Allgemeinbevölkerung vermutlich keine oder nur geringe Auswirkungen auf das Risiko einer Erkältung. Profitieren könnten Personen, die einen Vitamin D-Mangel aufweisen, weil sie sich beispielsweise nicht ausreichend mit unbedeckter Haut im Freien aufhalten.

„Ein guter Vitamin-D-Status kann vor akuten Atemwegsinfektionen schützen“, stellt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung fest. Ob die Deutschen ausreichend mit Vitamin D versorgt sind, wird seit Jahren immer wieder diskutiert. Nach Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) liegen nach einer einmaligen Messung 55 Prozent der Erwachsenen in Deutschland unter einem als für die Knochengesundheit optimal angesehenen Vitamin-D-Blutwert von 50 Nanomol pro Liter – allerdings meist nur geringfügig [3]. Ob es sich hierbei um einen dauerhaften Mangel handelt, lässt sich mit einer solchen Einzelmessung nicht sagen, zumal die Methoden der Bestimmung von Vitamin D störanfällig sind [4].

Der kausale Nachweis, dass eine Vitamin D-Einnahme Atemwegsinfektionen vorbeugt, lässt sich nur mit randomisierten kontrollierten Studien erbringen. Eine aktuelle, methodisch hochwertige Übersichtsarbeit hat die Evidenz zum Nutzen einer Nahrungsergänzung zur Vorbeugung von Atemwegsinfektionen zusammengefasst [5]. Die Forschenden haben dafür 115 randomisierte Studien mit knapp 200.000 Teilnehmenden aus 37 Ländern ausgewertet. Neben Vitamin D wurden auch andere Vitamine und Spurenelemente untersucht, die eine Rolle bei der Immunfunktion spielen.

Für Europa fanden die Wissenschaftler*innen dabei keinen vorbeugenden Effekt von Vitamin D, überraschenderweise war jedoch für Nordamerika (USA, Kanada) ein gewisser Schutz vor Atemwegsinfektionen durch eine Vitamin D-Supplementierung nachweisbar. Für Europäer lautet die entscheidende Botschaft dieser Übersichtsarbeit jedenfalls: Um Atemwegsinfektionen vorzubeugen, ist eine Vitamin D-Supplementierung wahrscheinlich wirkungslos.

Vitamin C

In Kürze: Täglich größere Mengen Vitamin C einzunehmen, hat wahrscheinlich in der Allgemeinbevölkerung keine oder nur geringe Auswirkungen auf das Auftreten einer Erkältung. Es scheint aber für Personen nützlich zu sein, die sich kurzzeitig extrem körperlich betätigen. Auch scheint sich dadurch die Dauer der Erkältung etwas zu verkürzen.

Zu diesem Thema gibt es einen Cochrane Review, den wir bereits in einem früheren Beitrag auf Wissen Was Wirkt ausführlich vorgestellt haben [6].

Zink

In Kürze: Die Studienergebnisse zur Wirksamkeit von Zinkpräparaten zur unterstützenden Behandlung bei Erkältungen sind uneinheitlich [7]. Einige Studien zeigen einen positiven Effekt, andere Studien hingegen nicht. Ein Problem dabei ist, dass die Studien nur schwer vergleichbar sind, da unterschiedliche Zink-Salze in unterschiedlichen Dosierungen und in unterschiedlichen Darreichungsformen untersucht wurden.

Mit Zink-Lutschtabletten in hoher Dosierung (≥ 75 mg pro Tag über fünf Tage, also jeweils sechs Lutschtabletten pro Tag) lassen sich noch die besten therapeutischen Effekte erzielen, wenn diese spätestens einen Tag nach Beginn der Beschwerden über mehrere Tage eingesetzt werden. Im Mittel kann dann eine Verkürzung der Erkältungsdauer um einen Tag erreicht werden. Vermutlich wirkt Zink hierbei durch Kontakt mit der Mundschleimhaut. Allerdings haben Zink-Lutschtabletten einen unangenehmen Geschmack und als unerwünschte Wirkungen können Übelkeit, Mundtrockenheit und Irritationen der Mundschleimhaut auftreten. In Deutschland sind Zink-Lutschtabletten keine übliche Anwendungsform, hierzulande werden bei Erkältungen eher Präparate zum Schlucken beworben. Es fehlen jedoch Daten, um die erkältungsvorbeugende Wirkung dieser Präparate beurteilen zu können. Eine ausreichende Zinkzufuhr ist in Deutschland über die Ernährung normalerweise gewährleistet [8]. Welche Personengruppen von einem Zinkmangel betroffen sein können, finden Sie auf der Webseite der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e.V.

Für Vitamine und Zink fehlen Beweise

Für Vitamine und das Spurenelement Zink fehlen weitgehend Beweise, dass eine Nahrungsergänzung über den benötigten Bedarf hinaus einen Zusatzeffekt auf die Erkältungsabwehr hat. Besteht individuell das Risiko eines Mangels für ein bestimmtes Vitamin oder Spurenelement sollte eine gezielte Supplementierung erfolgen – nicht primär zur Erkältungsprophylaxe, sondern weil eine ausreichende Versorgung für die Gesundheit allgemein notwendig ist.

Probiotika (Gute Bakterien)

Probiotika enthalten „gute“ Bakterien, die in friedlicher Koexistenz auf der Darmschleimhaut siedeln und Krankheitserreger in ihrem Wachstum bremsen oder neutralisieren sollen. Außerdem sollen sie das Immunsystem unspezifisch anregen, vermehrt Abwehrzellen zu bilden, mit denen sich der Organismus dann besser gegen Krankheitserreger aller Art wehren kann. Es gibt viele verschiedene Probiotika, oft werden auch mehrere Probiotikastämme gemeinsam verabreicht (z. B. Lactobacillus plantarum, Lactobacillus paracasei). Entsprechende Präparate enthalten lebensfähige Bakterien in Pulverform, für Kinder häufig in Form von Milchprodukten.

Ein im August 2022 aktualisierter Cochrane Review schließt 24 Studien ein, in denen Probiotika zur Vorbeugung akuter Infektionen der oberen Atemwege über eine „Erkältungssaison“ (drei bis sechs Monate) hinweg untersucht wurden [9]. Analysiert wurden Daten von 6950 Personen, darunter auch Kinder. Allerdings war die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz für die meisten untersuchten Endpunkte niedrig. Für die folgenden zwei Endpunkte war die Evidenz immerhin von mäßiger Vertrauenswürdigkeit: Dies waren die Zahl der Personen, die im Studienzeitraum drei oder mehr Atemwegsinfektionen hatten, und die Zahl der Personen, die Antibiotika verschrieben bekamen. Während 129 von 1.000 Personen, die ein Placebopräparat einnahmen, im Studienzeitraum drei oder mehr Atemwegsinfektionen hatten, waren es mit Probiotika nur 76 von 1.000. Antibiotika benötigten 100 von 1000 bei Placebo-Einnahme, bei Probiotika-Einnahme dagegen nur 58 von 1000.

Pflanzliches Mittel: Echinacea purpurea

Der getrocknete Presssaft aus dem Kraut oder der Wurzel des Purpursonnenhuts (Echinacea purpurea) soll als „pflanzlicher Immunmodulator“ die Schleimhäute unempfindlicher gegenüber Erkältungsviren machen und allgemein die körpereigene Abwehr stärken.

Es ist in Studien jedoch nicht klar nachgewiesen, dass Echinacea-Präparate im Vergleich zu einer Placebobehandlung Erkältungen vorbeugen oder die Symptome einer Erkältungskrankheit lindern können. Auch die Evidenz für die Sicherheit ist unzureichend. Neben bekannt gewordenen allergischen Reaktionen könnten durch eine dauerhafte unspezifische Anregung des Immunsystems ruhende Autoimmunprozesse aktiviert werden. Ein Cochrane Review aus dem Jahr 2014 wurde in einem früheren Blog-Beitrag vorgestellt [10].


Birgit Schindler ist promovierte Pharmazeutin und wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Cochrane Deutschland.

Quellen

[1] Sexton DJ, McClain MT. The common cold in adults: Treatment and prevention. In: UpToDate, Post, TW (Ed), UpToDate, Waltham, MA, 2022.

[2] EU Register on nutrition and health claims, Stand: 25.10.2018.

[3] Robert Koch Institut (RKI). Antworten des Robert Koch-Instituts auf häufig gestellte Fragen zu Vitamin D.

[4] Heidrich J. Vitamin D messen. Wie bestimmt und interpretiert man den Serumspiegel richtig? DAZ 2016, Nr. 11, S. 44.

[5] Vlieg-Boerstra B, de Jong N, Meyer R, Agostoni C, De Cosmi V, Grimshaw K, Milani GP, Muraro A, Oude Elberink H, Pali-Schöll I, Roduit C, Sasaki M, Skypala I, Sokolowska M, van Splunter M, Untersmayr E, Venter C, O’Mahony L, Nwaru BI. Nutrient supplementation for prevention of viral respiratory tract infections in healthy subjects: A systematic review and meta-analysis. Allergy 2022; 77(5): 1373-1388.

[6] Hemilä H, Chalker E. Vitamin C for preventing and treating the common cold. Cochrane Database of Systematic Reviews 2013, Issue 1. Art. No.: CD000980. DOI: 10.1002/14651858.CD000980.pub4.

[7] Singh M, Das RR. Zinc for the common cold. Cochrane Database of Systematic Reviews 2015, Issue 4. Art. No.: CD001364. DOI: 10.1002/14651858.CD001364.pub5. (withdrawn)

[8] Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. Ausgewählte Fragen und Antworten zu Zink.

[9] Zhao Y, Dong BR, Hao Q. Probiotics for preventing acute upper respiratory tract infections. Cochrane Database of Systematic Reviews 2022, Issue 8. Art. No.: CD006895. DOI: 10.1002/14651858.CD006895.pub4.

[10] Karsch‐Völk M, Barrett B, Kiefer D, Bauer R, Ardjomand‐Woelkart K, Linde K. Echinacea for preventing and treating the common cold. Cochrane Database of Systematic Reviews 2014, Issue 2. Art. No.: CD000530. DOI: 10.1002/14651858.CD000530.pub3.

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