Ältere Frau spielt mit Puzzle

Den Kopf im Alter trainieren: Geistige Leistungsfähigkeit erhalten und Demenz verhindern durch kognitives Training?

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Ein wirksames Heilmittel gegen geistigen Abbau im Alter oder Demenz gibt es nicht. Doch wie sieht es mit Präventionsmethoden aus? Drei Cochrane Reviews haben untersucht, ob ein kognitives Training dem Verlust von kognitiven Fähigkeiten entgegenwirken kann.

Dass die geistige Leistungsfähigkeit abnimmt, gehört bei den meisten Seniorinnen und Senioren zum Älterwerden. Sie werden zum Beispiel vergesslicher oder merken sich neue Dinge nicht mehr so rasch. Hier handelt es sich nicht um eine Krankheit. Ein gewisser Abbau der kognitiven Fähigkeiten ist eine ganz normale Alterserscheinung.

Das Denken, Lernen, Kommunizieren und Erinnern kann allerdings auch deutlich stärker eingeschränkt sein. So sehr, dass ältere Menschen sich im Alltag immer weniger zurechtfinden. Dann liegt eine Demenz vor. Die häufigste Form ist die Alzheimer-Demenz, gefolgt von der vaskulären Demenz mit Durchblutungsstörungen des Gehirns [4,5,8,10].

Die Betroffenen benötigen im Laufe der Zeit immer mehr Unterstützung und können nicht mehr alleine leben. Weltweit sind rund 47 Millionen Menschen betroffen und mit ihnen Angehörige Freunde und ganze Gesundheitssysteme; 2050 sollen es bis zu 135 Millionen Menschen sein [1,4,5]. Durch die steigende Lebenserwartung sind demenzielle Erkrankungen schon jetzt ein Thema von enormer Relevanz [3,6,7].

Vergesslichkeit ist nicht gleich Demenz

Milder als eine Demenz, aber schwerwiegender als das übliche, altersentsprechende Nachlassen der „Gehirnfitness“ sind leichte kognitiven Störungen (mild cognitive impairments). Sie kommen bei älteren Menschen recht häufig vor. So sind in der Altersgruppe der 60- bis 64-Jährigen rund 7 Prozent betroffen, unter den 80- bis 84-Jährigen sind es bereits 25 Prozent [1,9].

Dabei sind die Einschränkungen beim Denken und Erinnern noch überschaubar, so dass die Betroffenen ihren Alltag noch selbstständig meistern können. Nichtsdestotrotz werden die leichten kognitiven Störung von den Betroffenen mitunter als starke Belastung empfunden. Und sie können Angst machen, weil sie ein Vorbote einer Demenz sein können.

Bedürfnis nach Vorbeugung

Es gibt derzeit kein Heilmittel gegen den von vielen Menschen so gefürchteten Verlust der geistigen Fähigkeiten, sei er leicht oder schwer. Daher sind Fachleute und Betroffene sehr daran interessiert, ob es wirksame Präventionsmaßnahmen gibt.

Auf Basis dieser Nachfrage hat sich auch ein Markt für kommerzielle Produkte zum Gehirntraining entwickelt. Eine Wirksamkeit klingt plausibel, weil geistig rege Menschen ein geringeres Demenzrisiko haben [11, 12]. Doch kann man das Gehirn wirklich gezielt trainieren und durch Übungen dem geistigen Verfall vorbeugen?

Gehirnfitness für Gesunde

Zu den für die Fachwelt interessanten Kandidaten zählt das computergestützte kognitive Training (computerised cognitive training). Die Trainingseinheiten können können verschiedene Übungen, Spiele oder auch Ausflüge in virtuelle Welten sein und werden am Computer oder einem Mobilgerät absolviert. Der Vorteil: niederschwelliger Zugang, geringe Kosten, standardisierte Interventionen. Betroffene können die Aufgaben zudem oft sehr leicht von zu Hause aus durchführen [2].

Das Autorenteam eines Cochrane Reviews aus dem Jahr 2019 [2] beschäftigte sich mit der Frage, ob das computergestützte kognitive Training einen positiven Effekt auf den Erhalt beziehungsweise die Verbesserung kognitiver Fähigkeiten bei älteren Menschen hat.

Dazu wurden die Ergebnisse von 8 randomisiert-kontrollierten Studien zusammengefasst. Die insgesamt 1183 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren mindestens 65 Jahre alt. Sie hatten zu Studienbeginn keinerlei kognitive Einschränkungen, geschweige denn eine Demenzerkrankung.

Die Dauer der Studien betrug zwischen 12 und 26 Wochen. Per Zufall wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Interventions- oder Kontrollgruppe zugewiesen und absolvierten entweder computergestützte kognitive Trainings oder als andere computer- oder bildschirmbasierte Aktivitäten. Diese Kontrollaktivitäten hatten keinen speziellen Trainingsinhalt. Es handelte handelte sich etwa um Lehrvideos samt Testfragen, Computerschulungen oder Vorträge. Oder es wurde in dieser Gruppe gar keine Aktivität angeboten.

Die Zusammenfassung dieser randomisiert-kontrollierten Studien deutet darauf hin, dass computergestütztes kognitives Training unmittelbar nach Abschluss die geistige Leistungsfähigkeit geringfügig verbesserte. Allerdings ist dieses Ergebnis mit viel Unsicherheit behaftet. Und es ist unklar, ob dieser rechnerische Effekt auch für die Betroffen selbst spürbar ist bzw. ob es sich um eine nachhaltige Verbesserung handelt.

Trainieren und reparieren?

Ein weiterer Cochrane Review [1], ebenfalls aus dem Jahr 2019, untersuchte den Effekt von computergestütztem kognitiven Training bei einer anderen Personengruppe: Menschen, die bereits leichte kognitive Beeinträchtigungen haben. Somit war auch das Demenzrisiko erhöht. Das Autorenteam wollte wissen, ob die „geistige Fitness“ durch das computergestützte kognitive Training erhalten wird bzw. ob sich dadurch das Risiko einer Demenz verringert.

Zu diesem Zweck wurden die Ergebnisse von insgesamt 8 randomisiert-kontrollierte Studien mit 660 Teilnehmerinnen und Teilnehmern in einem Alter von über 60 Jahren herangezogen. Die Interventionen dauerten zwischen 12 Wochen und 18 Monaten.

Auch hier wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Interventionsgruppe mit denen einer Kontrollgruppe verglichen, die an alternativen Aktivitäten teilnahmen. Nur in einer Studie unternahm die Kontrollgruppe gar nichts. Die Zuteilung zu den Gruppen erfolgte nach dem Zufallsprinzip.

Allerdings konnten die Review-Autoren nach Auswertung der Studiendaten keine Aussagen dazu treffen, ob das computergestützte Training die kognitiven Fähigkeiten von bereits leicht beeinträchtigen Menschen verbessern oder zumindest stabilisieren kann. Etwa aufgrund methodischer Schwächen, geringer Teilnehmerzahlen und schlechter Vergleichbarkeit der Studien lassen die zusammengefassten Ergebnisse keine Rückschlüsse auf den Effekt von computergestütztem kognitiven Training zu.

Auch dritte Übersichtsarbeit bringt keine Klarheit

Ergänzend dazu ein dritter Cochrane Review [3], ebenfalls aus 2019: Das Autorenteam wollte herausfinden, wie sich andere Formen des kognitiven Trainings – abgesehen vom computergestützten kognitiven Training – auf Demenzkranke auswirken. Können diese Interventionen Leistungen des Gehirns wie Gedächtnis, Aufmerksamkeit oder Problemlösungsvermögen verbessern?

Demnach könnte es sein, dass Menschen mit Demenz zumindest für einige Monate von einem kognitiven Training leicht profitieren. Ihre Gehirnfitness war vergleichsweise besser als etwa bei bloßem Abwarten, üblicher Behandlung oder auch Aktivitäten wie Gruppentreffen oder Diskussionsrunden, die nicht auf die Verbesserung der Kognition abzielten. Es zeigt sich allerdings kein klarer Vorteil des kognitiven Trainings im Vergleich mit anderen Behandlungsformen wie Achtsamkeitsübungen, Musik- oder Beschäftigungstherapie.

Diese eher vagen Hinweise basieren auf der Zusammenfassung von 33 Studien. Sie dauerten zwischen 2 und 104 Wochen, fanden in 12 Ländern statt, und wieder wurden die ca. 2000 Teilnehmenden per Zufall einer Kontrollgruppe oder der eigentlichen Intervention mit gezieltem kognitiven Training zugeteilt. Bei ihnen war im Vorfeld eine leichte bis mittelschwere Demenz diagnostiziert worden.

Fazit

Alles in allem ist es laut aktuellem Wissensstand unklar, ob kognitives Training, ob mit oder ohne Computer, in punkto Gehirnfitness einen nennenswerten und nachhaltigen Vorteil bringt. Dies liegt hauptsächlich an der geringen Vertrauenswürdigkeit der Studienergebnisse, die von den Cochrane-Autoren in allen drei Reviews größtenteils als „niedrig“ oder „sehr niedrig“ bewertet wurde (nach GRADE). Es bedarf daher weiterer Studien mit höherer Aussagekraft. Schnelle und große Effekte eines kognitiven Trainings scheinen aus derzeitiger Sicht aber nicht sonderlich wahrscheinlich.

Text: Julia Harlfinger, Claudia Christof

Julia Harlfinger ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Claudia Christof ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Faktencheck-Plattform www.medizin-transparent.at (Cochrane Österreich).

Dies ist der zweite Artikel unserer Serie zur Gesundheit im Alter

Hier die bisher erschienenen Artikel:

Quellen

[1] Gates u.a. (2019)
Gates NJ, Vernooij RWM, Di Nisio M, Karim S, March E, Martínez G, Rutjes AWS. Computerised cognitive training for preventing dementia in people with mild cognitive impairment. Cochrane Database of Systematic Reviews 2019, Issue 3. Art. No.: CD012279.

[2] Gates u.a. (2019)
Gates NJ, Rutjes AWS, Di Nisio M, Karim S, Chong LY, March E, Martínez G, Vernooij RWM. Computerised cognitive training for maintaining cognitive function in cognitively healthy people in late life. Cochrane Database of Systematic Reviews 2019, Issue 3. Art. No.: CD012277.

[3] Bahar-Fuchs u.a. (2019)
Bahar-Fuchs A, Martyr A, Goh AM, Sabates J, Clare L. Cognitive training for people with mild to moderate dementia. Cochrane Database Syst Rev. 2019;3(3):CD013069.

[4] Amboss (2020)
DemenzAbgerufen am 20.06.2020 unter: https://www.amboss.com/de/wissen/Demenz (kostenpflichtig)

[5] Öffentliches Gesundheitsportal Österreichs (2017)
Demenz: Was ist das?Abgerufen am 20.06.2020 unter: https://www.gesundheit.gv.at/krankheiten/gehirn-nerven/demenz/was-ist-das

[6] UpToDate (2020)
Epidemiology, pathology, and pathogenesis of Alzheimer disease
Abgerufen am 20.06.2020 unter: https://www.uptodate.com/contents/epidemiology-pathology-and-pathogenesis-of-alzheimer-disease (kostenpflichtig)

[7] WHO (2019)
Dementia
Abgerufen am 20.06.2020 unter: https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/dementia

[8] IQwIG (2017)
Alzheimer-Demenz
Abgerufen am 20.06.2020 unter: https://www.gesundheitsinformation.de/alzheimer-demenz.2219.de.html

[9] UpToDate (2020)
Evaluation of cognitive impairment and dementia
Abgerufen am 20.06.2020 unter: https://www.uptodate.com/contents/evaluation-of-cognitive-impairment-and-dementia (kostenpflichtig)

[10] Amboss (2020)
Morbus Alzheimer
Abgerufen am 20.06.2020 unter: https://www.amboss.com/de/wissen/Morbus_Alzheimer (kostenpflichtig)

[11] UptoDate (2020)
Risk factors for cognitive decline and dementia
Abgerufen am 21.06.2020 unter: https://www.uptodate.com/contents/risk-factors-for-cognitive-decline-and-dementia (kostenpflichtig)

[12] UpToDate (2020)
Prevention of dementia
Abgerufen am 21.06.2020 unter: https://www.uptodate.com/contents/prevention-of-dementia (kostenpflichtig)

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