Sturzprävention durch Bewegungstraining für ältere Menschen

Sturzprävention: Bewegung kann Schlimmes verhindern

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Stürze können für ältere Menschen schwerwiegende Folgen haben. Gleichgewichtstraining kombiniert mit funktionellen Übungen kann davor schützen. Drei aktuelle Cochrane Reviews geben Auskunft darüber, für welche Personengruppen solche Bewegungsübungen am sinnvollsten sind.

Kurz nicht aufgepasst, und schon liegt man am Boden: ein Sturz kann jeden treffen, sei es, weil man beim Wandern die Tannenwurzel oder in der Ferienwohnung die kleine Stufe zwischen zwei Räumen übersehen hat. Für jüngere Menschen ist so ein Sturz oft mit einem aufgeschundenen Knien, Ellbogen oder mit blauen Flecken erledigt. Für ältere Menschen sind Stürze aber ein ernstzunehmender Risikofaktor. Man geht davon aus, dass jeder zweite tödliche Unfall eines älteren Menschen auf einen Sturz zurückzuführen ist. Wenn man bedenkt, dass in einem Jahr rund die Hälfte der über 80-jährigen einen Sturz erleiden, stellt diese Art des Unfalls eine erhebliche Gefahr dar (Robert Koch-Institut, 2009). In Österreich ereignet sich im Schnitt täglich ein tödlicher Unfall eines älteren Menschen in den eigenen vier Wänden (KVW, 2019). Mit „älter“ gemeint sind in solchen Statistiken meist Menschen im Alter ab 65 Jahren. Die nachfolgend vorgestellten Cochrane Reviews verstehen darunter vor allem selbstständig lebende Seniorinnen und Senioren, teilweise aber auch Seniorinnen und Senioren im Krankenhaus oder in einem Pflegeheim.

Mühsamer Weg zurück

Wenn Seniorinnen und Senioren stürzen, geht das oft nicht so glimpflich aus wie bei Kindern und Erwachsenen. Ältere Gestürzte wissen um den langen, mühsamen Weg zurück zur Mobilität und Selbstständigkeit, sofern dieser überhaupt möglich ist. Grund dafür ist die höhere Wahrscheinlichkeit, beim Sturz einen Knochenbruch zu erleiden, häufig trifft es den Oberschenkelhals („Hüftfraktur“ oder „Schenkelhalsfraktur“). Knochenbrüche ziehen einen langen Aufenthalt im Krankenhaus mit sich, eine Operation mit Gelenkersatz ist oft notwendig.

Warum aber stürzen ältere Menschen überhaupt? Am häufigsten passieren Stürze durch falsches Gewichtsverlagern, Stolpern oder durch Verlust der Stütze. Andere Aktivitäten, bei denen Stürze häufig vorkommen, sind Geradeaus-Gehen, Stehen, und Hinsetzen. Wenn jemand schon einmal gestürzt ist, erhöht sich das Risiko, wieder zu stürzen. Auch chronische Krankheiten und die reduzierte Gleichgewichtsfähigkeit im Alter aufgrund von Muskelschwund und langsameren Reaktionen können Risikofaktoren für häufigere Stürze sein (Wilbacher, 2014).

Wie weiß ich, ob ich sturzgefährdet bin?

Grundsätzlich steigt bereits ab einem Alter von 65 Jahren das Risiko für Stürze mit schweren Folgen. Um das individuelle Risiko zu ermitteln werden verschiedene Tests herangezogen. Fragen, die man sich selbst stellen kann, sind: Bin ich schon häufiger gestürzt? Was war der Grund (Stolpern, Gleichgewicht verloren) dafür? Habe ich gesundheitliche Probleme, die mein Gehen (Sicherheit, Geschwindigkeit, Schrittlänge) einschränken? Verliere ich häufig das Gleichgewicht? Kann ich, zumindest für einige Sekunden, sicher auf einem Bein stehen? Die Antworten auf diese Fragen liefern Hinweise, ob Defizite und ein erhöhtes Sturzrisiko vorliegen.

Wie kann man die Wirksamkeit von Sturzprävention messen?

Unter Sturzprävention versteht man Maßnahmen (in Reviews spricht man oft von „Interventionen“), die zukünftige Stürze verhindern sollen. Um die Wirksamkeit solcher Maßnahmen zu messen, interessiert man sich in Studien häufig für die Sturzrate. Diese gibt an, wie viele Stürze pro Person pro Jahr auftreten. Summiert über die jeweils untersuchten Gruppen (zum Beispiel Gleichgewichtstraining im Vergleich zu keiner Intervention) kann ein relatives Differenzmaß (die sogenannte „rate ratio“) berechnet werden. Es gibt an, wie stark sich die Sturzrate in der Interventionsgruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe (keine Intervention) reduziert oder erhöht. Neben der Sturzrate gibt es auch noch weitere Maße (Review-Sprache: „Endpunkte“), die etwas über die Wirksamkeit von Interventionen aussagen können. Beispielsweise interessiert auch die Anzahl an Personen, die einmal oder öfters stürzen (es gibt auch viele ohne Sturz), die Anzahl von durch einen Sturz verursachten Knochenbrüchen oder Krankenhausaufenthalten und das Auftreten weiterer nachteiliger Auswirkungen. Somit kann noch besser differenziert werden, was die Effekte von Übungsprogrammen sind. Es könnte beispielsweise nach einer Maßnahme die Sturzrate gleich bleiben, die Anzahl an Knochenbrüchen aber sinken (zum Beispiel, weil ein „besseres“ Fallen trainiert wird) – das wäre vielleicht nicht ideal, würde aber immerhin das Leid der Betroffenen reduzieren.

Übungen- und Präventionsprogramme – was bringen sie?

Drei aktuelle Cochrane Reviews untersuchten, welche Übungen und Präventionsprogramme wirksam sind, um die Häufigkeit für Stürze zu senken. Zwei Reviews (Hopewell, 2018; Sherrington, 2019) bezogen sich dabei auf selbstständig lebende ältere Menschen. Ein Review (Cameron, 2018) untersuchte Maßnahmen bei älteren Menschen in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. Die Interventionen umfassten verschiedene Bewegungsprogramme wie Balanceübungen, Krafttraining, funktionelle Übungen, Ausdauertraining, Tai-Chi oder Tanzen.

Pflegeheim und Krankenhaus

Der Review mit Fokus auf ältere Personen in Krankenhäusern und Pflegeheimen von Cameron et al. 2018 umfasst 95 randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) mit 138.164 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Im Durchschnitt waren die Personen in Pflegeeinrichtungen 84 Jahre alt und in Krankenhäusern 78 Jahre alt. Siebzehn Studien in Pflegeeinrichtungen verglichen spezielle Bewegungsübungen mit der Standardversorgung. Eine Standardversorgung umfasst beispielsweise in einem Krankenhaus alle Behandlungen, welche für eine jeweilige Krankheit angezeigt und durch einen Arzt oder eine Ärztin verordnet wurden. Hier wird also nicht mit „keiner Intervention“ verglichen, sondern mit der „üblichen“ Standardvorgehensweise. Diese umfasst je nach Krankheit oder Verletzung bereits Physiotherapie oder medikamentöse Behandlung. Als Bewegungsübungen nutzten die Studien unterschiedliche Programme, denen allen eine aktive Komponente gemein war. Sie reichten von Tai Chi, Tanzen, Gruppenübungen und Krafttraining bis Yoga. Beim in mehreren Studien angewandten Otago-Programm werden beispielsweise Kniebeugen, Einbeinstand, Seitschritte und Tandemstand trainiert.

Dabei zeigte sich, dass zusätzliche Bewegungsprogramme wahrscheinlich wenig bis keinen Einfluss auf die Sturzrate haben. Von 1000 jährlichen Stürzen könnten demnach durch Übungen 70 Stürze vermieden werden. Allerdings ist die auf Basis der analysierten Daten ermittelte Schwankungsbreite so groß (280 Stürze weniger bis 200 Stürze mehr), dass hieraus keine verlässlichen Schlüsse gezogen werden können. Das Ergebnis ist zudem mit großer Unsicherheit behaftet, da viele der eingeschlossenen Studien von geringer Vertrauenswürdigkeit sind.

Zwei Studien mit 215 älteren Menschen untersuchten das Sturzrisiko in Krankenhäusern. Wurde zu einer Physiotherapie noch ein zusätzliches spezifisches Bewegungsprogramm durchgeführt, reduzierte sich die Sturzrate. Die Stichprobe war aber zu klein, um einen klaren Unterschied ableiten zu können. Eine weitere Studie des Reviews errechnete eine leichte Reduktion des Risikos, einen Knochenbruch zu erleiden, für einen Zeitraum von 6 Monaten nach Absolvierung eines Übungsprogramms. Doch auch diese beiden Ergebnisse haben eine sehr niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz. (Cameron, 2018). Dies bedeutet aber nicht unbedingt, dass Übungs- und Präventionsprogramme sinnlos sind. Erstens erlaubt die niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz keinerlei sichere Aussagen, belegt also auch nicht die Unwirksamkeit der Maßnahmen zur Sturzprävention. Zweitens gibt es andere mögliche positive Effekte wie eine geringere Angst vor Stürzen, eine erhöhte mentale Leistungsfähigkeit, kürzere Krankenhausaufenthalte, ein besserer Schlaf oder eine bessere Lebensqualität, die in diesem Review nicht betrachtet wurden.

Häusliches Umfeld

Im Gegensatz zum Krankenhaus- und Heim-Umfeld profitieren selbstständig im häuslichen Umfeld lebende ältere Menschen dagegen deutlich von Übungen zur Vorbeugung von Stürzen. Dies gilt insbesondere für Übungen der Gleichgewichtsfähigkeit („Balance“) kombiniert mit funktionellen Übungen.

Was sind Gleichgewichtsübungen? Wie erwähnt passiert fast jeder zweite Sturz aufgrund unkorrekter Gewichtsverlagerung – ein Training dieser Gewichtsverlagerung in sicherer Umgebung kann helfen, im Alltag einen sicheren Stand zu bewahren oder bei Verlust des Gleichgewichts rasch gegensteuern zu können, um einen Sturz zu vermeiden. Bei funktionellen Übungen werden beispielsweise Alltagsbewegungen wie Hinsetzen oder Treppensteigen trainiert. Das klingt zunächst banal, hat aber gerade im Alltag seine Tücken. Stürze passieren häufig beim Hinsetzen oder beim Stiegen hinabsteigen, gerade in den eigenen vier Wänden.

Basierend auf Daten von fast 13.000 Personen aus 59 RCTs zeigte sich, dass durch alle untersuchten Arten von Übungen die Anzahl an Stürzen um fast ein Viertel reduziert werden kann. Bei 1000 Personen ohne Übungen würden demnach innerhalb eines Jahres 850 Stürze vorkommen, verglichen mit nur 655 Stürzen bei der Übungsgruppe. Die Evidenz für dieses Ergebnis bewerten die Studienautoren als sehr vertrauenswürdig (Sherrington, 2019). Speziell zu diesem Review haben wir bereits 2019 einen detaillierten Blogbeitrag verfasst:

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch der Cochrane Review von Hopewell‘s Team. Dieser schloss 62 Studien mit insgesamt 19.935 älteren Menschen ein. Im Durchschnitt waren diese zwischen 62 und 85 Jahre alt. Untersucht wurden sogenannte multifaktorielle Interventionen – das sind Maßnahmen, die je nach individuellem Sturzrisiko kombiniert werden. Häufig empfohlene Maßnahmen in den Studien waren Kombinationen aus Übungen, Anpassungen im häuslichen Umfeld, der Einsatz von technischen Hilfsmitteln, die Überprüfung der Medikamente und psychologische Interventionen. Die Sturzrate reduzierte sich nach Einsatz solcher multifaktoriellen Interventionen um 23% im Vergleich zur Standardversorgung. In absoluten Zahlen: Würde man 1000 Personen ein Jahr lang beobachten, dann käme es unter multifaktorieller Intervention zu 1784 Stürzen und bei Standardversorgung zu 2317 Stürzen. Für den Vergleich multifaktorieller Interventionen mit alleinigen Bewegungsübungen wurde nur eine Studie mit 51 Personen gefunden, die keine klaren Schlussfolgerungen zulässt, welche Art von Übungen wirksamer sind (Hopewell, 2018).

Weitere hilfreiche Bewegungsformen, die auch einen kleinen Beitrag zur Sturzprävention leisten können, sind Krafttraining und Tai-Chi. In Studien, die diese Maßnahmen untersuchten, betrug die Reduktion der Stürze 14% bzw. 19%, jedoch wurde die Vertrauenswürdigkeit der Ergebnisse von den Autoren als niedrig eingestuft. Für alle anderen untersuchten Bewegungsformen wie Walking, Tanz oder Beweglichkeits- und Ausdauerübungen können keine zuverlässige Aussagen getroffen werden (Sherrington, 2019). Dies bedeutet nicht unbedingt, dass diese Bewegungsformen nicht wirken. Es kann nur bei der aktuellen Studienlage kein Nachweis darüber erbracht werden, dass diese Art von Bewegungen einen Beitrag zu weniger Stürzen leisten.

Bewegungsprogramme mit Gleichgewichtsübungen kombinieren

Es gibt also eine Reihe von Maßnahmen, um die Anzahl oder die Schwere von Stürzen, beispielsweise die Zahl von Knochenbrüchen, zu reduzieren. Bewegungsprogramme, welche mit Gleichgewichtsübungen kombiniert werden, zeigen vor allem für selbstständig lebende ältere Menschen einen großen Effekt. Bei Patienten und Patientinnen in Krankenhäusern und Pflegeheimen gibt es zwar Hinweise darauf, dass zusätzliche Aktivität Vorteile in Bezug auf die Sturzrate haben könnten, zukünftige Studien könnten dieses Ergebnis aber noch stark verändern. Es sei an dieser Stelle noch erwähnt, dass viele Programme eine Dauer von 8-12 Wochen haben. Beschriebene Effekte beziehen sich meistens auf eine längere Zeit nach Ende von Interventionen, üblicherweise 6-12 Monate danach.

Mein Fazit

Egal ob Sie schon öfter gestürzt sind oder nicht, ob Sie Unsicherheiten beim Gehen aufweisen, ob Sie sich beim Stiegen steigen wackelig fühlen, ob Sie gerne allein oder in der Gruppe, mit Gerät oder ohne Gerät trainieren: Werden Sie, beziehungsweise bleiben Sie aktiv! Kräftige und gut trainierte Muskulatur ist eine der einfachsten und besten Vorsorgemaßnahmen für Ihre Gesundheit. Jeder Schritt zählt.

Quellen


Sherrington C, Fairhall NJ, Wallbank GK, Tiedemann A, Michaleff ZA, Howard K, Clemson L, Hopewell S, Lamb SE. Exercise for preventing falls in older people living in the community. Cochrane Database of Systematic Reviews 2019, Issue 1. Art. No.: CD012424. DOI: 10.1002/14651858.CD012424.pub2.

Cameron ID, Dyer SM, Panagoda CE, Murray GR, Hill KD, Cumming RG, Kerse N. Interventions for preventing falls in older people in care facilities and hospitals. Cochrane Database of Systematic Reviews 2018, Issue 9. Art. No.: CD005465. DOI: 10.1002/14651858.CD005465.pub4.

Hopewell S, Adedire O, Copsey BJ, Boniface GJ, Sherrington C, Clemson L, Close JCT, Lamb SE. Multifactorial and multiple component interventions for preventing falls in older people living in the community. Cochrane Database of Systematic Reviews 2018, Issue 7. Art. No.: CD012221. DOI: 10.1002/14651858.CD012221.pub2.

Wilbacher I. Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger. Sturzprävention für ältere Menschen. Literaturübersicht. Version 2, 2014. Zugriff am 20.07.2020: https://www.sozialversicherung.at/cdscontent/load?contentid=10008.714940&version=1425627108


Robert Koch-Institut: Gesundheit und Krankheit im Alter. Statistisches Bundesamt; Deutsches Zentrum für Altersfragen; Robert Koch-Institut, 2009, Berlin.


Kuratorium für Verkehrssicherheit (KFV). (5. Juni 2019): „Stolperfalle Mensch?“: Workshops zur Sturzprävention. Abgerufen am 22.07.2020, von https://www.kfv.at/stolperfalle-mensch-workshops-zur-sturzpraevention/


Text: Dominic Ledinger
Dominic Ledinger ist Physiotherapeut, und schließt gerade sein Masterstudium im Bereich Public Health ab. Er erstellte diesen Blogbeitrag im Zuge seines Praktikums bei Cochrane Österreich.


Dies ist der fünfte Artikel unserer Serie zur Gesundheit im Alter.

Hier die bisher erschienenen Artikel der Serie:

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