Frau gestürzt mit Hüftfraktur

Periphere Nervenblockaden: Eine alternative Schmerztherapie bei Hüftfrakturen

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Ältere Menschen brechen sich bei einem Sturz oft den Oberschenkelknochen nahe dem Hüftgelenk. Solche Hüftfrakturen sind sehr schmerzhaft und die Betroffenen brauchen meist starke Schmerzmittel. Allerdings vertragen ältere Menschen hohe Dosen dieser Schmerzmittel nicht gut. Ob periphere Nervenblockaden eine Alternative zu den herkömmlichen Schmerzmitteln sein könnten, untersuchte ein aktualisierter Cochrane Review.

Es kann jedem passieren: Einen Moment nicht aufgepasst, die letzte Treppenstufe übersehen – und schon liegt man am Boden. Dabei stürzen ältere Menschen nicht nur öfter, sie müssen auch vermehrt mit üblen Folgen eines Sturzes rechnen. Besonders gefürchtet: eine Hüftfraktur, also ein Bruch am oberen Ende des Oberschenkelknochens, meist am Oberschenkelhals. Allein in der Schweiz belaufen sich Schätzungen für diesen Typ von Knochenbrüchen bei älteren Menschen auf rund 12.000 Fälle pro Jahr. Drei von vier Patientinnen* mit Hüftfrakturen sind älter als 70 Jahre. Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko, da sowohl die Anfälligkeit für Stürze als auch die Brüchigkeit der Knochen zunimmt.

hueftfrakturen
Typische Hüftfrakturen

Dabei spielt oft eine Osteoporose und die damit abnehmende Knochendichte eine grosse Rolle. Laut internationalen Schätzungen erleiden bis zu 50% der Frauen und 22% der Männer mit einer bekannten Osteoporose einen Knochenbruch. Sehr häufig ist es eine Hüftfraktur. In der Regel muss der Patient operiert werden und in vielen Fällen wird eine Hüftgelenksprothese eingesetzt.

Die Kehrseite der Schmerzmittel

Patienten mit Hüftfrakturen leiden oftmals an sehr starken Schmerzen. Daher erhalten sie in der Akutphase häufig Medikamente aus der Gruppe der Opioide, beispielsweise Morphin, entweder als Infusion oder als Tabletten bzw. Tropfen. Diese werden aufgrund des veränderten Stoffwechsels von älteren Menschen langsamer abgebaut. Zudem vertragen viele ältere Menschen hohe Dosen dieser Medikamente nur schlecht. Dies kann zu unerwünschten Nebenwirkungen wie Verstopfung, Übelkeit, Verwirrtheitszuständen, Herzinfarkten sowie Atemwegsinfektionen führen. Ältere Menschen sollten diese Schmerzmittel daher auch nicht über einen längeren Zeitraum einnehmen.

Periphere Nervenblockaden

Eine verträglichere Alternative kann eine periphere Nervenblockade (PNB) sein. Dafür spritzt der Arzt, manchmal mit Hilfe von Ultraschall, ein lokales Betäubungsmittel mit einer Nadel in die Nähe der Nerven, die das Hüftgelenk versorgen. Ziel ist es, die Weiterleitung von Schmerzsignalen über das Rückenmark an das Gehirn vorübergehend für mehrere Stunden zu blockieren. Dies kann entweder einmalig durch eine Injektion oder fortlaufend über einen kleinen Schlauch (Katheder) geschehen. PNBs werden sowohl vor einer Hüftoperation, ergänzend zur Vollnarkose, als auch danach zur Schmerzbehandlung eingesetzt.

Cochrane-Evidenz

Ob PNBs wirksam sind, um bei älteren Menschen mit einer Hüftfraktur die Schmerzen vor, während oder nach einer Operation zu lindern, untersucht ein aktualisierter Cochrane Review. Darin wurden insgesamt 49 Studien aus 22 Ländern, darunter Deutschland, Österreich und die Schweiz, aber auch die USA, Argentinien, Südafrika oder China, eingeschlossen. Die insgesamt 3061 Studienteilnehmenden mit Hüftfraktur waren zwischen 59 und 89 Jahren alt. Sie erhielten nach dem Zufallsprinzip entweder eine PNB oder wurden einer Kontrollgruppe zugeteilt. Diese erhielt entweder eine Standardbehandlung ohne Nervenblockade oder eine Placebo-Behandlung. Die Studienteilnehmenden wurden anschliessend bis zu 12 Monate lang nachbeobachtet.

Im Vergleich zur Kontrollgruppe zeigte sich, dass 30 Minuten nach der Nervenblockade die Schmerzen bei Bewegung auf einer Skala von 0 bis 10 durchschnittlich um 2,5 Punkte geringer waren (Datenbasis: 503 Teilnehmende aus 11 Studien). Zudem verringerte sich mit einer PNB das Risiko von Verwirrtheitszuständen, um rund ein Drittel (1072 Teilnehmende aus 13 Studien). Auch reduzieren PNBs wahrscheinlich das Risiko einer Atemwegsinfektion (131 Teilnehmende aus 3 Studien). Die Patienten kamen auch bis zu 11 Stunden früher zum ersten Mal auf die Beine (208 Teilnehmende aus 3 Studien). Für all diese Ergebnisse stuften die Review-Autorinnen die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz als «moderat» bis «hoch» (nach GRADE) ein. Keinen Unterschied fanden die Cochrane-Autorinnen in Bezug auf das Herzinfarktrisiko sowie für die Sterblichkeit innerhalb von sechs Monaten.

Weniger Schmerzen und mehr Lebensqualität

Hüftfrakturen sind typische Knochenbrüche bei älteren Menschen. Um das Leid und die Komplikationen zu minimieren, ist in der Akutphase neben der chirurgischen Versorgung eine optimale Schmerzbehandlung wichtig. Mit PNBs lassen sich die Schmerzen bei Hüftfrakturen und gleichzeitig der Einsatz von starken Schmerzmitteln vermindern. Dadurch verringert sich das Risiko von Komplikationen wie Verwirrtheit. Die Patienten kommen zudem nach einer Operation schneller wieder auf die Beine und müssen weniger oder keine starken Schmerzmittel einnehmen. Dies trägt zu einer besseren Erholung bei und hilft die Dauer von Krankenhausaufenthalten zu verkürzen.

Bevor eine PNB allerdings eingesetzt werden kann, gilt es, die Präferenzen und die Fähigkeit des Patienten zur Mitarbeit sowie mögliche Kontraindikationen zu berücksichtigen. Dies müssen Ärzte und Gesundheitsfachpersonen mit dem Patienten und, wenn nötig, den Angehörigen besprechen. PNBs können auch eigene Komplikationen nach sich ziehen, wie beispielsweise Nervenschäden, allergische Reaktionen oder Infektionen an der Einstichstelle. Die Review-Autorinnen schlagen zudem vor, dass in ausreichend grossen nicht-randomisierten Studien untersucht werden sollte, ob PNBs Einfluss auf das Herzinfarktrisiko oder die Gesamtsterblichkeit haben.

Eine Hüftfraktur ist immer gefährlich und sollte am besten erst gar nicht passieren. Tatsächlich gibt es viele Ansätze, wie einem Sturz vorbeugt werden kann. Die Cochrane Library hat diesem Thema eine eigene Special Collection gewidmet. Wenn es aber dann doch passiert ist, so zeigt dieser aktualisierte Cochrane Review, dass mit der peripheren Nervenblockade eine Alternative zu den herkömmlichen Schmerzmitteln zur Verfügung steht.

Text: Anne Borchard


Dies ist der dritte Artikel unserer Serie zur Gesundheit im Alter.

Hier die bisher erschienenen Artikel der Serie:

*Anmerkung: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.

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