Weltseniorentag: Bewegt durchs Alter

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Menschen über 60 Jahre verbringen durchschnittlich 8,5 Stunden ihrer wachen Zeit im Sitzen oder Liegen. Das ist nicht gerade gesund. Verschiedene Massnahmen, darunter auch digitale Technologien, sollen älteren Menschen helfen, häufiger in Bewegung zu kommen. Wie gut das funktioniert, untersuchte ein aktueller Cochrane Review.

Der heutige Weltseniorentag der Vereinten Nationen steht unter dem Motto «Digitale Chancengleichheit für alle Altersgruppen». Tatsächlich gibt es für ältere Menschen spezielle Hürden beim Zugang zu digitalen Technologien. Dabei können sie von manchen Technologien sehr profitieren: So helfen Videoanrufe etwa, soziale Kontakte aufrecht zu erhalten und wirken so der Vereinsamung im Alter entgegen (siehe auch unseren Beitrag zu diesem Thema).

Die Kehrseite der Digitalisierung

Digitale Medien können eine tolle Sache sein, sie bergen bekanntlich aber auch Risiken. Altbekannt und viel diskutiert ist ihr Sogeffekt: Wer erst einmal im Bann des Bildschirms ist, verbringt schnell mehr Zeit davor, als ihm lieb ist und guttut. Das betrifft gerade auch ältere Menschen, die nach der Pensionierung plötzlich viel Zeit zur Verfügung haben. So ergab eine Umfrage kürzlich, das Menschen über 65 in Deutschland durchschnittlich 335 Minuten, also gut fünfeinhalb Stunden, vor dem Fernseher verbingen.

Dieses stundenlange Starren auf Fernseher, Bildschirm oder Handy ist für diese Alterklasse wohl die häufigste Form des sedentären Verhaltens, wie der Fachbegriff für das Sitzen oder Liegen im wachen Zustand lautet. Es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass der dadurch bedingte Bewegungsmangel über längere Zeiträume der körperlichen und psychischen Gesundheit schadet. So beeinflusst er ungünstig die Knochengesundheit, das Auftreten von chronischen Krankheiten, die Lebensqualität und die Gesamtsterblichkeit.

Was hilft gegen Inaktivität im Alter?

Doch was tun, um sendentäre Senior*innen zu mehr Bewegung zu motivieren? In einem kürzlich erschienenen Cochrane Review untersuchte ein Autor*innenteam um Sebastien Chastin von der Glasgow Caledonian University die Wirksamkeit einer Reihe von Massnahmen, die im eigenen Haushalt lebende ältere Menschen zu mehr Aktivität animieren sollen.

Nach ihrer systematischen Suche konnten sie sieben randomisierte Studien mit insgesamt 397 Erwachsenen über 60 Jahre in den Review einschliessen. Fünf Studien wurden in den USA und je eine in Japan und Grossbritannien durchgeführt. Die Mehrheit der Teilnehmenden waren weiblich (n = 284), weiss und gebildet. Die untersuchten Massnahmen zielten auf eine Verhaltensänderung ab. Dafür wurden verschiedene Techniken kombiniert wie das Setzen von Zielen, Schulungen oder Feedback. In vier Studien kamen auch sogenannte Aktivitätstracker zum Einsatz. Diese Geräte werden oftmals am Arm getragen oder laufen als App auf einem Smartphone. Sie zeichnen über Bewegungssensoren die körperliche Aktivität des Trägers auf und sollen ihn zu mehr Bewegung motivieren. Die Massnahmen wurden in den Studien bis zu 20 Wochen lang erprobt und ihre Wirkung bis zu einem Jahr nachbeobachtet.

45 Minuten mehr Aktivität

Den Ergebnissen des Reviews zufolge konnte die im Sitzen oder Liegen verbrachte Zeit so um durchschnittlich rund 45 Minuten pro Tag reduziert werden. Gut abgesichert ist das allerdings nicht, denn die Autor*innen stuften die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz nach GRADE als niedrig ein. Gründe hierfür waren die geringe Anzahl an Studienteilnehmenden und die Art und Weise, wie einige Studien durchgeführt wurden. Während manche Aktivitäten von den Teilnehmenden selbst berichtet wurden, basierten andere auf den genaueren Messungen mittels Aktivitätstracker.

Nur eine Studie erhob Daten zu Lebensqualität und Depressionssymptomen. Allerdings zeigte sich hier keine Verbesserung durch Bewegung nach 12 Wochen. Bezüglich indirekter Masse wie körperlicher Gesundheit, Taillenumfang, Fitness, Blutdruck, Blutglukosespiegel und kognitiver Funktion liessen sich keine Aussagen treffen. Auch zu Kosteneffektivität, Nebenwirkungen und Gesamtsterblichkeit lagen keine Studiendaten vor.

Raus aus alten Gewohnheiten

Mal einen verregneten Sonntagnachmittag auf der Couch zu verbringen, kann wunderbar sein. Aber auf Dauer brauchen Körper und Seele Bewegung, um gesund zu bleiben. Trotz niedriger Vertrauenswürdigkeit der Evidenz legt dieser Cochrane Review nahe, dass gezielte Massnahmen auch ältere Menschen zu mehr Bewegung motivieren können. Jedoch sind die Ergebnisse des Cochrane Reviews mit lediglich knapp 400 Erwachsenen aus drei verschiedenen Ländern nur bedingt aussagekräftig.

Neben den untersuchten Massnahmen gibt es zudem noch weitere Ansätze, um eine langfristige Änderung des sedentären Verhaltens zu erreichen. So sollte etwa das soziale Umfeld sowie die kulturellen Normen mitberücksichtigt werden, um ein «gesundes Altern» zu ermöglichen. Denn auch diese Aspekte beeinflussen, ob und wieviel sich Menschen bewegen.

Im Kanton Zürich wurde daher ein niederschwelliges Bewegungsangebot für Menschen ab 60 geschaffen. Unter dem Motto «ZÄMEGOLAUFE» treffen sich seit 2015 Senior*innen regelmässig in ihrer bekannten Wohnumgebung zum Spazierengehen. So bleiben sie körperlich aktiv und machen nebenbei auch gleich noch neue Bekanntschaften – ein Beispiel, das Schule machen könnte. An die Verabredung zum Spaziergang können sich die Teilnehmenden auch per Handy erinnern lassen – ein schönes Beispiel für eine sinnvolle und gesunde Nutzung digitaler Medien.

Text: Anne Borchard, Cochrane Schweiz

Dies ist der achte Artikel unserer Serie zur Gesundheit im Alter.

Hier alle verfügbaren Artikel der Serie:

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